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Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen

Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen. *

Dieser Spruch, wie könnte es auch anders sein, wird unser aller Geheimrat Goethe zugeschrieben. Über einen längeren Zeitraum habe ich mich an dem Ausspruch gerieben. Wie konnte das sein? Gab es so etwas wie Kollektivschuld? Und überhaupt ‚Väter‘.

Ich hatte doch nur einen, oder?

Der Spruch geht ja noch weiter: Was man nicht nützt, ist eine schwere Last. Nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen.

Im Grunde ist es eine Aufforderung zu Aufräumen. Jeder kann sich seine Situation selbst erschaffen. Erst die Analyse, dann die Tat. Wie das bewerkstelligt wird, wäre noch zu klären. Gewalt ist aber niemals eine Option. Es ist so simpel wie es aussieht.

Es war nur ein leiblicher Vater. Und viele geistige. Zu meinen Lebzeiten waren da schon einige Mentoren – ständig finde ich neue (sicher sind da auch Frauen dabei. Die Kinder nicht zu vergessen). Gesuchte und auch zufällige, selbst ernannte und solche die es nicht fassen konnten, bzw. können – oder so. Manche wissen da gar nichts von. Das sind oft die Besten.

Mein leiblicher Vater war für die emotionale Seite zuständig, also willi. Und mein Schwiegervater war für das Rationale zuständig. ernst, wenn man so will. Dazwischen immer dieser mick, der sich mal gegen den oder diesen behaupten musste. Beide braucht er. Und er war ja auch von irgendwas geprägt. Das ist mal klar.

Klar ist auch – jedenfalls für mich – das die Geschichte noch nicht zu Ende ist.

In diesem Zusammenhang fällt mir Erwin Grosche ein: Rabentage.
Und dazu 40 Jahre Heimweh. Filme von und über Erwin Grosche. Der passt ganz gut dazu.

Entweder man mag ihn oder man läßt es bleiben. Ich mag ihn.

* Goethe, J.W. von: Faust. Der Tragödie erster Teil.

Oben ist es still 3

Am meisten erinnere ich mich an die Krähen dieser Geschichte.

Komisch, was man so alles mit sich herumträgt. Mein Vater war gestorben. Und ich las von diesem holländischen Bauern: Helmer van Wonderen räumt auf. Er verfrachtet seinen Vater ins Obergeschoß des elterlichen Bauernhauses und richtet sein Leben neu ein. Doch die ländliche Ruhe währt nicht lang, … *

Mein Vater wurde einundachtzig. Er ist also im Herbst 2011 gestorben. Es war in der Nacht von 3. zum 4. Oktober als er mit dem Notarzt in die Klinik gefahren wurde. Von da an lag er halbseitig gelähmt für mehr als neun Jahre im Bett und starrte mehr oder weniger an die Decke. Das konnte ihm nicht recht sein. Niemandem war so richtig klar, was er noch erkennen konnte. Der Fernseher lief nun ohne Unterbrechung. Er war noch nicht fertig mit dieser Welt. Und immer rieselte dieser Fernseher.

Er wurde wunderlich, oft war er griesgrämig, selten zu Scherzen aufgelegt schien er sich zunehmend mit sich selbst zu beschäftigten. Mit Geschichten von damals und mit seiner Verdauung. Wenn ich zu ihm kam, einmal die Woche nahm er mich schon mal mit auf seine Reisen, im Kopf. Häufig war ich öfter bei ihm – unangemeldet, aber das machte ihm kaum Freude. Wenn ich jedoch an dem Tag, an dem ich frei zu haben hatte, zu ihm kam, dann war er schon den ganzen Morgen damit beschäftigt, mich zu erwarten.

Das war die erste Lektion, die ich von dem alten Mann empfangen durfte. Es sollten noch viele folgen. Wir hatten plötzlich Zeit. Viel Zeit. Die verbrachten wir mit einander. Ich lernte ihm die Haare zu schneiden und war sein Chauffeur. Er bestimmte die Richtung. Die Pfleger taten ihres. „Jeder Tag mehr, ist ein Tag weniger.“ Dieser Satz stammt nicht von ihm, den habe ich von meinem Lieblingsdichter. Er könnte von ihm sein. Wenn ich es recht überlege, der war ein echter Niederrheiner. Der konnte alles erklären, wusste aber nichts, verstand doch so viel und war manchmal einfach nur sprachlos. Ein Mensch, der nur aus Gefühl bestand mit dem Quäntchen Bauernschläue und dem Willen sein Ziel – welches das auch sei – zu erreichen, das war er.

Mein Vater war es auch, der mir in Verkleidung eines Freundes daher kam. Diesen Mummenschanz tat er als Vater, freundlich zwar, aber als Vater. So hat er mich erreicht und das war die letzte Lektion, die er mir erteilte: Respekt der sich aus Liebe speist.

Als ich Trost brauchte habe ich die Geschichte von Bakker gelesen. Und nicht verstanden. Da lag mein Vater schon vier Jahre immer auf einer Stelle… und es dauerte nochmal fünf Jahre bis er loslassen konnte. Ich glaube fest, er hat es mit Bedacht getan. Jetzt ist mir der Bakker wieder ins Auge gefallen. Ich kann ihn noch nicht lesen. Aber ich habe es versprochen.

Aber die Krähen, sie begleiten mich. Und es ist mir, als ob sie lächeln.

Gerbrand Bakker: Oben ist es still. Roman. Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. Suhrkamp TB. 2010.
ISBN 978 3 518 46142 6
* Ebendort: Umschlag, hinten.

Nachtrag: Die ganze Welt paßt auf den Fingernagelrand meines rechten Daumens. Immer gerade dann, wenn ich glaube dies begriffen zu haben, steht neben mir so ein Bademeister mit zwei, drei Helfern. Mit Wurzelbürsten bewaffnet lächeln sie…

Wirklich gute Besprechungen findet man über diesen Weg: Nederlandstalig! Gerbrand Bakker – Oben ist es still

Oben ist es still 2

Was ist mit Spass?

Fett/Anthrazit Blog

Eigentlich sollte der Artikel ja ‚Spaß‘ heissen.

Spaß ist aber soo laaangweilig.
Mit dem Spaß gibt es nämlich keinen Spass.

Benjamin Blümchen ist in die Jahre gekommen. 40.
Jetzt kommst du.

Und nun zu den Tagesthemen.
Nein: besser zu Gebrand Backer!

Oben ist es still.
Das lese ich jetzt noch einmal.

Der erste Leichnam, der mich betraf, war auch der schlimmste. Die Jugendliebe hatte sich umgebracht.
Das brachte mich in Bedrängnis. Ich hatte sie verdrängt aber nicht vergessen. Danach wurde es merkwürdig still.

Dann starb mein Schwiegervater, plötzlich. So unerwartet als wollte er ewig leben. (Dabei war er schon ein alter Mann.) Er war mein Mentor geworden. Den hatte ich mir ausgesucht als das Bauernhaus abbrannte. Ich wusste, was ich tat.

Im Grunde starb er einen Bilderbuchtot. Er hatte sich in einer Kneipe mit einem spaßigen Spruch noch ein Gläschen genehmigt. Dann fiel er um. Besser: er kippte nach hinten…

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Was ist eigentlich Mut

Fett/Anthrazit Blog

Auf nette Art hatte es jemand geschafft, den mick in einen ‚Award‘ zu verwickeln.

willi konnte da nicht helfen. ernst hatte davor gewarnt wusste aber auch keinen Rat. Die Eitelkeit vom mick war zu groß. Dieser mick! Doch so etwas wollte er auch nicht. Die Fragen bezogen sich auf Sex. (Das war ihm dann doch zu privat.)

Wie aus der Nummer herauskommen? Einfach ignorieren? Das ging nicht.

Die Macher dieses Kettenbriefes gaben den Teilnehmern die Möglichkeit auch über das Thema ‚Mut‘ zu schreiben. Das war dem mick doch lieber:

Ich könnte es mir einfach machen. So in der Art: Darüber ist man ab einem gewissen Alter weg. Oder so. Auf meiner Seite des Meeres hört so etwas allerdings niemals auf. – Jetzt kokettiert der auch noch! – gleiches gilt übrigens auch für den Mut.

Aber was ist eigentlich dieser ‚Mut‘?

‚Alles ist machbar, Herr Nachbar.‘ Natürlich nicht. Ist denn alles…

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Das mohnrote Meer – aus Gründen

Das mohnrote Meer
12. April 2013

Man hat sich einen Abenteuerroman mit geschichtlichem Hintergrund gewählt. Zum Schmökern. Plötzlich findet man sich in einem Meer aus Worten wieder und hat darin zu schwimmen. Um nicht unter zu gehen, paddelt man wie wild. Von Mal zu Mal geht es besser. Man ist wohl ins 19. Jahrhundert geraten, Ostindien.

Wir segeln von Afrika her. Mit merkwürdiger Besatzung sind wir auf einem ehemaligen Sklavensegler gelandet. Es geht zum Gewusel des Ganges bei Kalkutta – direkt in die Geschäfte. Diti ist eine der Hauptpersonen. Sie ist mit einem der Singh-Sippe unglücklich verheiratet. Der stirbt und sie entkommt in letzter Minute dem Schicksal einer indischen Witwe. Doch Schmökern?

Es sind viele Mosaiksteine die hier sorgsam zu einem Bild gesetzt werden: Diti, die Singh-Sippe und Kalua, Jodu, Pauline, Zachary und die Laskaren. Der Gumashta und der Raja von Raskhali, genannt Nil. Sie alle werden mit den Kontraktarbeitern, den Girmitiyas, auf einem Schiff, der Ibis landen. Diese Kulis sind ausersehen den Nutzwert der Kolonien zu mehren.

Ben Burnham, der Eigner der Ibis, ist englischer Kaufmann. Er steht als Platzhalter für England und wie es die Macht in Indien und sonstwo übernommen hat. Im fernen London werden die Regeln gemacht, während die indische Oberschicht, noch machtverliebt, allmählich an Bedeutung verliert.

Jodu will Laskare werden, um endlich seinem Elend zu entfliehen. Zuerst muß er jedoch seine Mutter beerdigen. Das ist er ihr schuldig. Genau dieser zeitliche Unterschied ist es, den die Pfeffersäcke ausnutzen. In dieser Zeitspanne werden Fakten geschaffen. Immer und überall. Vielleicht trennt das Habenichtse von Erfolgreichen. Heute sagt man wohl: der frühe Vogel frisst den Wurm. (S.82f)

Für mich ist die Szene, in der Babu Nob Kissin Pander – der Gumashta – an Deck steht, besonders wichtig. Er genießt die frische Brise, denn er schlägt sich mit seinem Verdauungstrakt herum. Eher beiläufig beobachtet der Gumastha wie Nil und sein Gefährte auf dem Deck misshandelt werden. Er erkennt ihn als den Raja von Raskhali und weiss, dass er ihn letztlich in diese Situation gebracht hat. Er macht sich so seine Gedanken. Zum Ende der Vorstellung wird der Gumastha schleunigst zur Latrine eilen, um für sich Schlimmeres zu verhüten. (S.472-475)

Jeder kann es sehen, wie einer sein Mütchen kühlen muss, indem er andere viehisch drangsaliert. Das Schiff wird zum Spiegel einer Gesellschaft. Jeder kann Ungerechtigkeiten wahrnehmen. Fast alle profitieren davon, wenn weg gesehen wird. Es brodelt zwar, aber die Konventionen sind zu stark. Zum Glück gibt es ja die Sündenböcke. Es spielt kaum eine Rolle, wo auf der gesellschaftlichen Leiter man steht. So lange es einen nicht betrifft ist es besser So (zu) tun, als ob’s ihn nicht gibt. (S.472) Am Ende geht man auf die Latrine, um sich zu entleeren. Sch… .

So ein Schiff kann die Kastenzugehörigkeit vielleicht verwischen. Die Kultur der Menschen ist jedoch stärker und der Mohnsame bleibt der Planet, der ihr Schicksal bestimmt. (S.550) Er steht für Wohlstand und Profit. Sehen sie, das ist der Charme der Kolonien. (S.101) Es geht immer um Profit. Das ist im 19. Jahrhundert so, wie zu allen Zeiten. Auswanderer, billige Arbeiter und Kulis. Letztlich arbeiten alle für’s Empire bzw. für den, der gerade das Sagen hat.

In der Geschichte befinden wir uns aber im Delta des Ganges, im 19. Jahrhundert. Es ist eine manierierte Gesellschaft, in die man da hinein geraten ist. Voller Tabus und Fettnäpfchen, die ein Insider kaum versteht oder gar auswendig kann. Man muß sie erspüren. Fühlen wo die Grenzen sind, die man verletzen könnte und wendig genug sein, auf Verletzungen sofort zu reagieren. Nur so kann man überleben.

Die neuen Herren benehmen sich kaum anderes als die alten. Sie folgen genau solchen Regeln und sind in ihrem System geschickt und wendig. Wer es blickt, glaubt zwar oft nicht daran, ist aber trotzdem darin gefangen. Das alles funktioniert nach wie vor, weil jeder das Ziel hat, wie die Made im Speck zu leben.

Da reicht schon die Aussicht, und sei es nur im Traum. Die Probleme der anderen haben Probleme der anderen zu bleiben. Es gibt nichts neues unter der Sonne, heisst es im alten Testament, oder wie Sheriff Gillespie in dem Film In der Hitze der Nacht zu Virgil Tibbs sagte: Mann, sie sind ja genauso wie wir

Diese Geschichte ist klug gebaut und sehr ausführlich. Dabei wird nichts erzählt, was zuviel wäre. Sie beschreibt ein Indien, als die Welt noch aus Sahibs und Eingebornen bestand. Immer auch aus deren Blickwinkeln. Opulent ist sie, aber nicht verschnörkelt. Wer mit dem Finger auf die Menschen damals zeigt sollte immer bedenken, dass die restlichen Finger der Hand in eine andere Richtung weisen.

In guten (öffentlichen) Bibliotheken und im Handel.

Amitav Ghosh: Das mohnrote Meer. Roman 2008. Karl Blessing Verlag. ISBN: 978 3 89667 359 6

Nachsatz:
Klar muss man immer auch schmökern und die Zeit vergessen. Wie sonst sollte man Neues entdecken. Das Große und das Ganze holt Dich ja doch wieder ein. Es ist nicht vergesslich. Wenn der kürzeste Weg zwischen A und B wirklich eine gerade Linie wäre, wozu dann der ganze Aufwand in der Mathematik?

Zum Hören und Sehen gibt es Kontantin Wecker: An meine Söhne und für die Tochter.

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