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Lina!

Offensichtlich zeigt Lina irgendwie Interesse.

An seinen Geschichten. An ihm auch. Ob er’s merkt? Irgendwann schon.

„Du hast das Brot vergessen“, sagt Lina.
  „Was hab‘ ich?“
  „Dass es in den USA kein anständiges Brot gibt. Das ist doch das, worüber sich die meisten Deutschen aufregen, wenn sie in den USA sind. Und das die Leute so freundlich, aber so oberflächlich sind. Dann noch dünnes Bier, dumme Fernsehwerbung, und Fernsehprediger, die mit Strichern erwischt werden. Und das Essen ist entweder fett- und zuckerfrei oder so mit Zucker und Fett vollgepumpt, dass es einem aus den Ohren wieder herauskommt. Aber die Landschaft, die Landschaft ist so toll! Mann, fast glaube ich, ich kann besser Gemeinplätze vor mich hin reden als du.“
  „Dafür gibt’s mittlerweile schwäbisches Müsli in den amerikanischen Supermärkten.“
  „Wann warst du denn das letzte Mal da?“
  „Letzten Sommer in Los Angeles.“
  „Und wie war’s?“ (S.100)

Die Sache mit Lina geht ihm nicht mehr aus dem Kopf. Mal fungiert sie als Kontrollinstanz, mal als Objekt der Begierde. Gern auch beides. Dabei würde es ihm jetzt nichts ausmachen, wenn er ihr Objekt der Begierde wäre. Schon klar.

  Lina sieht mich an, als würde sie auf etwas warten. Wieder zieht sie die Augenbrauen ein bisschen nach oben.
  „Ach so, entschuldige“, sage ich. „Das habe ich vergessen dazuzusagen: Bei uns gibt’s ja auch viele seltsame Sachen.“
  „Hä?“
  „Na, hier… Dings… Relativierung und so. Damit das nicht so arrogant rüberkommt sag ich nochmal diesen Satz hinterher: L.A. ist schon seltsam, aber in Deutschland gibt’s ja auch viele schlimme Menschen.“
  Aha“, sagt sie. (S.112f)

Wie macht man es, eine Frau zu überzeugen, ohne sich eine Blöße zu geben, ohne plump zu wirken, ohne einen Schritt zu viel zu tun. Da kann man sich böse verlaufen. Schwierig.

  Ich hatte gehofft, ich würde sie nach diesem Abend etwas besser kennen. Von sich selbst erzählt sie anscheinend ungern, und gibt nur schnippische Kommentare ab. Die gefallen mir allerdings ganz gut. Das war auch der Grund, warum ich sie ganz interessant fand, damals vor zwei Wochen, als wir uns auf einer langweiligen und etwas verklemmten Akademikerparty kennengelernt haben. Da hat sie mir den Abend gerettet mit ihrer flinken Zunge und ihrem Sarkasmus. Da konnte ich ihr einen Brocken hinwerfen, und sie hat sich sofort darauf gestürzt, ihn auseinandergenommen und mir den nächsten Brocken hingeworfen. So ging das hin und her. Jeder andere hätte in unserer Unterhaltung Beleidigung oder Provokation gesehen, für uns dagegen war das wie Tennis. (S.190)

Ein nicht zu ignorierender Aspekt dieser Geschichten. Er weiß es noch nicht, aber sie hat ihn längst in eine Schublade einsortiert. Sie hat Zeit.

„Schnell, witzig, präzise, gerne auch mal derb(…) Horst Evers im Umschlagtext, hinten. Auch das ist klar.

Tillman Birr: Zum Leben ist es schön aber ich würde da ungern auf Besuch hinfahren. Eine kleine Heimatkunde. Golmann TB, München 2014.
ISBN 978 3 442 48366 2

Home is where your heart is. Dazu könnte man glatt Anna von Wolfgang Niedecken hören. Oder so.

Zum Leben ist es schön aber ich würde da ungern auf Besuch hinfahren

Hinter den sieben Bergen ist überall. *

  „Ihr nehmt alles viel zu ernst“, sagte er. „Auch wenn es offensichtlich ist, dass ihr verarscht werdet.“
  „Ach, jetzt wieder >ihr< oder was?"
  "Entschuldigung, ich korrigiere mich: du."
  Ich setzte mich wieder.
  "Ist das nicht hier genauso?", fragte ich ihn.
  "Was meinst du?"
  "Dass die Leute alles zu ernst nehmen. Ich bin ja erst seit ein paar Monaten hier, aber ich glaube, hier ist es mindestens so schlimm wie in Deutschland. Wenn nicht schlimmer."
  "Du bist hier in Deutschland."
  "Wie meinst'n das?"
  "Du kommst nie aus deiner Sozialisation raus. Egal wo du hingehst, du nimmst dein Deutschland überall mit hin. Das wirst du nicht los, nur weil du mal eine Grenze passierst."
  "Das habe ich schon befürchtet." (S.158)

„Schnell, witzig, präzise, gerne auch mal derb, dazu kollosale Kauderwelschkaskaden die Tillmans Texte wie Schlagzeugsoli vorantreiben. Kommt echt gut.“ Horst Evers, Umschlagtext. (Auch das zum Umgang mit Befindlichkeiten.)

Tillman Birr: Zum Leben ist es schön aber ich würde da ungern auf Besuch hinfahren. Eine kleine Heimatkunde. Golmann TB, München 2014.
ISBN 978 3 442 48366 2

* Tillman Birr, ebenda S.13

Mehr zu Tillman Birr gibt es hier.

Memory Boy

Die in diesem Buch enthaltenen Geschichten sind auch Teil eines Projektes mit meinem Bühnenpartner, dem Musiker Jens Thomas. (…) *

Liste der Songs auf der CD:

01 Puppet King
02 Thank you Major Tom
03 My nowhere man
04 People on ferries
05 Home
06 Cycle circus
07 Black hole
08 Dancing with a stranger
09 A letter
10 You can’t always need what you get
11 Rain
12 Memory boy

All song written by Jens Thomas.

Jens Thomas: vocals, accoustic and electronic instuments
Mattias Brandt: spoken words on 02 and 05, additional vocals on 05

Recorded and mixed 01/2015-03/2016 in Berlin by Jens Thomas
Mastered by Dirk Austen, Paul Produktions, Hannover
Produced by Jens Thomas

Roofrecords

Diese CD habe ich mir in der öffentlichen Bibliothek besorgt wie auch das Buch. Der Schließmechanismus war nicht zu öffnen, das funktioniert sonst immer tadellos. Dieses Mal ist offensichtlich etwas kaputt. Pech.

Leider habe ich Ich habe als Beispiel nur dieses über Jens Thomas (auf die Schnelle) gefunden (- was für ein Glück): IMPRO-POP 3 („Die Welt ist Klang“). Dieser Mensch steht ab jetzt unter meiner Beobachtung. Der scheint sehr interessant zu sein. Das gefällt mir 🙂

(…) Dieses Buch wäre ohne unsere Freunschaft in der Kunst und im Leben nicht entstanden.“ **

Matthias Brandt: Raumpatrouille. Geschichten. Roman, 2016. Kiepenheuer&Witsch, Köln.
ISBN: 978 3 462 04567 3

* Matthias Brandt, ebendort S.174
** Matthias Brandt, ebendort S.174

Ps.: Die Bibliothek hat sauber gearbeitet. Ich höre gerade die CD. Spannend.

Raumpatrouille

Mein neuer Pullover war aus dem Stoff, aus dem die Träume sind.(S.69)

Aus der Vogelperspektive wird die Geschichte eines Kindes erzählt, das seinen berühmten Vater vermisst. Das Kind, das die Umwelt erst als großen Spielplatz ansieht, aber sensibel genug ist, die vermeintlichen Privilegien als Grenzen seiner Bewegungsfreiheit zu sehen. Grenzen, die es zwar nicht versteht, die aber da sind und ihn von Wesentlichem abschneiden.

Vor den Schulkameraden werden diese Grenzen von ihm stets streng geheim gehalten und von den Verbündeten werden sie kaum so gesehen. Der arme Kerl richtet sich in der Welt ein, die er interpretiert, so gut, wie er es eben kann. Er wird von Erwachsenen sicherlich oft belächelt.

Alles in allem: Ich war für Ballspiele vollkommen ungeeignet.
Meiner Liebe tat das keinen Abbruch. Ratlos stand ich erstmals vor der Frage aller Fragen: Wieso werde ich, wenn ich mein Herz verschenke, nicht zurückgeliebt? Wie ist das möglich? Es war besser, ahnte ich, diese Frage nicht zu gründlich zu stellen und schnell etwas anderes zu denken.
Mein nächster Gedanke war folgender: Wenn ich schon nicht so leben konnte, wie ich fühlte, warum konnte ich dann nicht einfach so tun, als ob? Wäre das dann, wenn ich nur überzeugend genug wäre und fest an die Täuschung glaubte, nicht dasselbe wie die tatsächliche Erfüllung meiner Sehnsucht? Konnte ich das ersehnte Leben nicht einfach spielen? So, dass es für niemanden, ausser für mich, von der Realität zu unterscheiden wäre?
Ich brauchte eine Verkleidung, die passende Hülle war das erste. (S.66)

Oft werden hier Gedanken mit der gesetzten Überlegenheit eines Erwachsenen formuliert. Das täuscht. Der es sagt, ist zwar so alt aber im Grunde trauert er noch wie ein Kind.

Anfangs war ich ob des Titels etwas irritiert. Doch der Titel ist gut gewählt. Matthias Brandt nimmt uns mit, auf eine Reise zurück in seine Kindheit als Sohn eines berühmten Vaters. Das ist der Flottenkommandant.

Viel wichtiger ist die Chefin, die für die Sicherheit an Bord des Raumkreutzers Orion verantwortlich zeichnet (in der Fernsehserie ‚Tamara Jagelovsk‘ vom Galaktischen Sicherheitsdienst); die den Commander Mac Lane und seine (ihn verehrende) Crew auf der Mission mit dem Raumkreutzer begleitet.

Alles, was ich erzähle, ist erfunden.
Einiges davon habe ich erlebt.
Manches von dem was ich erlebt habe,
hat stattgefunden. *

Bravo!

Der Ich-Erzähler des Romans ist am Ende kein anderer als der geniale Commander Mac Lane. Ein Junge auf der Suche nach seiner Kindheit.

Matthias Brandt: Raumpatrouille. Geschichten. Roman, 2016. Kiepenheuer&Witsch, Köln.
ISBN: 978 3 462 04567 3

* Ebendort, dem Roman vorangestellt. Dieses Gedicht dient als Vorwort. Das Nachwort klärt wie der Roman zustande gekommen ist.

Ps.: Es gibt ein Kinderbuch von Helme Heine mit dem Titel: Tante Nudel, Onkel Ruhe und Herr Schlau. (1979) ISBN 3-7876-9920-1. Das ging mir beim Lesen des Romans zunehmend durch den Kopf.
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Siehe dazu auch den Artikel von pgeofrey zum Thema Gefühle im Blog literaturfrey.

Gregorius – Die Rückkehr

„Was haben sie denn erwartet?“ *

Dieses Mal hatte sich Gregorius von allen verabschiedet bevor er nach Bern zurückkehrte. Bemerkenswert.

‚Warum war er plötzlich wie ein Analphabet, wenn es um Nähe und Abstand ging?‘ (S.290)

Ich denke, er machte sich was vor und zwar die ganze Zeit. Der Verfasser, Mercier, hat ihn noch mit der Angst vor einem Tumor ausgestattet. (Die Schwindelanfälle.)

Und Ich? In der Auseinandersetzung mit den Buch, dessen Umfeld und der Philosophie habe ich viel Zeit mit Sätzen wie diesen verbracht: Leben ist nicht das, was wir uns vorstellen zu leben. (S.495) Dabei habe ich viel gefunden, wo es sich lohnt, darüber nachzudenken.

Es ist ein Roman, wie er nur ganz selten zu finden ist.

Wie bei allen solchen Geschichten ist es ja so, entweder man mag sie oder man mag sie nicht. Dazwischen gibt es kaum was. Für mich bedeutet das dünnes Eis. Sehr dünn. Und die ganze Zeit über hatte ich das Lied von Roberta Flack in Ohr.

Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon. Roman 2004, Hanser-Verlag.
Hier: Die Rückkehr. ISBN 3 446 20555 1

* Ebenda S.293.

Ps.: An dem stillen Lesen muß ich noch arbeiten. Da beißt so eine Maus keinen Faden ab 😉

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