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Island?

Na, in erster Linie weil der Autor es kennt. (Man kann nur Dinge hinreichend beschreiben, wenn man sie kennt.)

„Möge euch das Glück gewogen sein, wie es uns gewogen war.“ S.202

Und das Thema findet auch hier wieder, oder?

Ist das Glück eher ein glücklicher Zufall, ein Lottogewinn, oder kommt es nur zu denen, die mit ihrer Lebenseinstellung und ganzem Einsatz hart dafür arbeiten? >>Das Leben <<,schreibt Margrét, >>ist bloß ein seelenloses Vieh, wenn Glück bloß ein Glücksfall ist.<< In den ersten Jahren ihrer Ehe führt sie regelmäßig Tagebuch. Jeder Eintrag beginnt mit dem Wetter. Nicht weil es leichtfällt mit dem anzufangen, was man vor sich sieht, sondern weil das Wetter seit gut tausend Jahren das Leben in Island bestimmt, weil es darüber entscheidet, ob Oddur von einer Ausfahrt zurückkehrt oder nicht. Auf die Wetterbeobachtungen folgt die Rückschau auf den vergangenen Tag, all die Kleinigkeiten, auf denen das Himmelsgewölbe ruht (…) S.202

Der Autor findet alles, was er braucht hier vor.

Eines Nachts, als sie gerade der gut einjärigen Ólöf die Brust gegeben und sie zum einschafen gebracht hat, sie stillt sie noch immer, die Kleine wollte noch nicht abgewöhnt werden, da hört sie aus dem Zimmer neben der Diele eigentümliche Geräusche. Sie geht hin, und da liegt der alte Mann zusammengekrümmt und verzweifelt röchelnd da, weil er nicht sterben kann. Er hat versucht, sich selbst zu erdrosseln, den dürren Armen den Befehl erteilt, sich um den Hals zu legen, zuzudrücken und nicht mehr lockerzulassen, bevor es vorbei ist. Keine Angst, hat er zu den Armen gesagt, als würde er mit selbstständigen Wesen reden, ihr sterbt bestimmt ganz schnell hinterher und bekommt endlich eure Ruhe, wie ich.
  Aber das Leben hat zu viele Seiten und mit Sicherheit mehr, als wir jemals zählen oder begreifen können. Es kommen Tage, sogar viele am Stück, an denen er bei sich ist, an denen er sich bedankt, bei ihnen sein zu dürfen, in denen er Margrét sein Licht und seine Freude nennt und in denen er fröhlich lacht, wenn die Kinder bei ihm spielen. S.204

Also, warum ausgerechnet Island? Fische haben keine Beine! Drum! Was wir Liebe nennen, ist zu viel und zu wenig. Es ist Mangel und Fülle, Ungenügen und Überfluss, auch wenn die Sehnsucht beim besten Willen nicht weiß, woran hier Überfluß bestehen soll. Nur was uns fehlt, wissen wir immer.*

Das Leben in Island ist wohl karg, und bis an die Grenze des Schmerzes rau. Was Liebe und Geborgenheit oder Glück anbelangt, kann man hier sehr genau untersuchen. Diese Fragen sind zutiefst menschlich, und sind überall gültig.

The Hot Sardines – Bei Mir Bist Du Schoen. Solches Leben geht nur im hier und jetzt. Was wissen wir schon vom anderen.

In den ältesten Schriften der Welt, die so alt sind, dass sie nicht mehr lügen können, heißt es, das Schicksal wohne im Morgengrauen, und deshalb solle man zu Tagesbeginn vorsichtig sein, über Haare streicheln, gute Worte finden, zum Leben stehen. S.346

Jón Kalman Stefánson: Fische haben keine Beine. Roman, Pieper-TB, Müchnen/Berlin 2015. Aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig.
ISBN 978 3 492 31061 1

* Jo Lendle: Was wir Liebe nennen. Roman, 2013. DVA.

Die große Welt
Der Busant
Was wir Liebe nennen
The Dead South – In Hell I’ll Be In Good Company [Official Music Video]

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Keflavík

In Keflavik gibt es drei Himmelsrichtungen:
der Wind, das Meer und die Ewigkeit.
S.9

Ari ist nach Keflavík auf Island zurückgekehrt. Die Zutaten, zu der Suppe die dieser Ari zu löffeln hat, sind in der Vergangenheit reichlich zu finden. Viele wissen es. Ari findet es nach und nach heraus. So scheint es jedenfalls.

Damals, vor langer Zeit. Er sitzt an der Heizung, draußen schneit es. Er rechnet damit, dass er am kommenden Montag, dem ersten Schultag in der neuen Umgebung, erst einmal ordentlich Dresche beziehen wird. Er hat natürlich Schiss davor, aber körperliche Gewalt geht vorüber, Demütigungen sind schlimmer. S.163

Das war Aris erster Tag mit der neuen Familie, sein erster Tag in Keflavík, wo er von der Landeshauptstadt mit seiner restlichen Familie hingezogen ist. Er war da etwa zehn, oder so. Die Rettung scheint perfekt, als sein neuer und älterer Cousin Ásmundur ihn abholen will. (Es ist genau der Cousin, der ihn vierzig Jahre später als Zollbeamter vor Zeugen filzen wird.) Zurück zu Ari und seiner Rettung.

Er nimmt seinen kleinen Bruder mit, der folgendes kolportiert:
(…) der Mensch ist ein zweifelhaftes Tier und es gibt in der Geschichte mehr als genügend Vorfälle, bei denen sich zivilisierte Menschen aus freien Stücken an grauenhaften Dingen beteiligt haben, an Übergriffen auf Unschuldige, bei denen das Lächeln eines Menschen in Lust an Grausamkeit umschlug.
  Ásmundur blickt auf seine Uhr, murmelt etwas vor sich hin und bahnt sich dann einen Weg durch die Menge, entschlossen, ungeduldig, sie weichen vor ihm zurück, machen Platz, eine Gasse öffnet sich bis zu dem, den sie GÓ nennen und zu der, die unter seinem starken Fuß liegt, sie ist verstummt, hat aber nicht aufgegeben, nur gemerkt, dass sie gegen eine übermächtige Kraft ankämpft.
S.173

GÓ ist die Kurzform eines Spitznamens, den der Junge sich selbst gab. Er sagt auf Englisch: >>Call me GO!<< Go. Das heißt: los! Los, mit Ausrufezeichen. S.174

(In Klammern)

Keiner weiß, welche Ereignisse es wert sind, erzählt zu werden, welche leuchtend und welche dunkel aus der Zeit hervorkommen. Ihre Größe ist immer relativ und veränderlich.
  Ari und ich erleben vielleicht nicht den wichtigsten Moment unseres Lebens, da an der Kreuzung Hafnagatar/Vatnsnevegur, früh an einem Samstagmorgen, aber diese Stunden in der Morgendämmerung sind noch lebhaft in Aris Kopf, als er am Fenster seines Zimmers im Flughotel steht und genau auf diese Kreuzung blickt. Eine der beiden Reisetaschen liegt geöffnet auf dem Bett, er hat Fotos seiner drei Kinder herausgenommen und sie auf den kleinen Sekretär gestellt. Die gelbe Mappe mit Briefen, Gedichten und ein paar Fotos liegt aufgeschlagen auf der Minibar. Er steht vierzig Jahre später am Fenster und blickt auf die Kreuzung, an der Ari und ich, Ásmundur, das Mädchen und ein paar Jungen in Stellung gingen. Ari erinnert sich, dass es bald zu schneien begann. Er lehnt die Stirn gegen die Scheibe. Die US-Armee ist längst abgezogen, die Keflavíker haben alle Fischquoten verloren, sie sind keine Fischer mehr, der Hafen ist leer wie eine Klammer um nichts, und Ásmundur hat ihm soeben den Finger in den Hintern geschoben.
  Wer in die Zukunft sehen kann und verkündet was kommen wird, wird ewig für verrückt gehalten. S.176

Die Suppe beginnt allmählich zu kochen. Und nun … fängt der Trubel an S.177

Die Zeit hingegen macht einfach einen kleinen Sprung, und es ist November, fast ein Jahr später… S.190

  Eines Tages, sagt Oddur, werde ich Köderfleisch aus dir machen müssen.
  Würde mich nicht wundern, stimmt Tryggvi zu.
  Dann fahren sie hinaus aufs Meer. Hinaus in den Mondschein. Es gibt mehr Welten, als wir zählen können, und keine von ihnen ist die allein richtige.
S.197
Und das Leben mäandert weiter, kämpft sich durch.

Jón Kalman Stefánson: Fische haben keine Beine. Roman, Pieper-TB, Müchnen/Berlin 2015. Aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig.
ISBN 978 3 492 31061 1

Eine veritable Geschichte! Aber so was von.

Fische haben keine Beine

Wir brauchen Umarmungen allein deshalb, weil wir Menschen sind und das Herz ein sensibler Muskel ist. S.61

Bis mir klar wurde, welcher Art dieser Roman ist, dauerte es etwas. Es geht um Beziehungen und alles, was damit zu tun hat. Also um das Leben an sich.

Das ist wie ein Puzzle. Dieses Buch ist eigenwillig. Wenn man sich darauf einlassen kann, bekommt man es mit großer Literatur zu tun. Grandios.

Zehn Tipps um mit dem Weinen aufzuhören

(…) Sein leicht angeschlagenes Herz klopft vor Aufregung, und er schämt sich dafür; es klopft so, seit die Wolken plötzlich aufrissen und Island unter ihm lag mit seinen alten Rosen, Gletschern und dem schwarzen Küstensaum des Südlands. Ari reibt sich die Brust, wie um sein Herz zu beruhigen, dieses kleine Tierchen, das uns so übel mitspielen kann (…) S.22

Am Ende des Abschnitts sagt die Frau, die neben ihm sitzt und der er während des gesamten Fluges zu entkommen sucht: Wer gegenüber dem Dasein keinen Schmerz oder keine Aufregung empfindet, habe ein gefühlloses Herz und nie gelebt. >>Sie sollten für ihre Tränen dankbar sein.<< S.31

Die Frau am Boden weiß von alldem nichts. Sie spürt, dass dieser Ari wiederkommt. Sie bereitet sich irgendwie darauf vor.

Ari hat mich und Island vor bald zwei Jahren verlassen: >>In kleinen Gesellschaften bekommt man manchmal keine Luft mehr, ich haue ab, bevor ich ersticke.<< Ein Supergrund, um abzuhauen. Wer Island lieben will, muss es manchmal verlassen. (…) Diesen Worten folgte kein Gruß, sondern nur ein Datum mit Zeitangabe, dann ein Smiley. Es war seine Art, mich wissen zu lassen, dass er auf dem Weg war, deutlicher würde er sich nicht äußern. S.17

Ich denke, sie hat ihm nicht verziehen, auch: er wird es wissen, irgendwie…wird er sich ihren Fragen stellen müssen. So oder so.

Kurze Abhandlung über die Kraft, die Leben vernichtet und Wüsten bewohnbar macht

(…) Die Geschichte des Menschen, der ganzen Menschheit, hat sich seitdem, offen und verdeckt, darum gedreht, sie zu finden, sie zu leben, sie zu hassen, sie zu ersehen, vor ihr davonzulaufen, doch das ist sinnlos, denn es ist eine Flucht, die uns bitter und verzweifelt werden lässt, die uns zu Säufern macht, ewig Fliehenden, Selbstmördern. Die Liebe fragt nie nach der Adresse, unter der du auf der Erde wohnst, fragt nicht nach Richtig oder Falsch, interessiert sich nicht für Stellung, Amt und Würden, Erfolge oder Misserfolge, alle sind vor ihr gleich, sie nimmt auf nichts Rücksicht, du bist nirgends vor ihr sicher, du bist ihr schutzlos ausgeliefert, nichts kann dich retten, nicht der Verstand, kein Glaube, keine Philosophie (…) Meteor und Cellosaite, sie verwandelt das Schönste ins Schlimmste und umgekehrt, fragt nicht einmal ob du verheiratet bist und bis dahin in beneidenswertem Gleichgewicht mit dir selbst und anderen gelebt hast; sie bricht in dein Leben ein wie ein Flegel, ein Barbar, wie ein Sonnenstrahl, der dein Leben zerstört und Wüsten bewohnbar macht. S.48f

Wir lernen viel in diesem Buch: über das Leben in Island, bevor die Amerikaner kamen, als die dort waren – auch, als die wieder abgezogen waren. Über das Leben allgemein, die Liebe, ihre Auswüchse, wie es gehen könnte, allem voran aber, wie es nicht geht. Ob in Island oder anderswo. Es ist die Geschichte vom Verlassen sein, dem Warten, der Liebe oder was man sonst dafür halten mag.

Diese Geschichte beginnt damit, dass Ari seine Frau am Frühstückstisch sitzen lässt, um nach Kopenhagen zu verschwinden. Doch der Tod seines Vaters bringt ihn zurück nach Island – zurück zu alten und neuen Fragen, denen Ari gern aus dem Weg gegangen wäre. *

Jón Kalman Stefánson: Fische haben keine Beine. Roman, Pieper-TB, München/Berlin 2015. Aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig.
ISBN 978 3 492 31061 1

* gefunden auf der Rückseite des Buches.

Gefunden habe ich auch so was:
Umarmung müsste das schönste Wort einer Sprache sein. S.61

Das mündet dann in so was:

Deine Worte
Rissen den Himmel entzwei
Zerstörten den Wald
Die Eichhörnchen
Deine Küsse.
In meinem Körper befinden sich fünfzig Millionen Zellen
Von nun an wird ihre Bestimmung eine andere sein
Von nun an denken sie anders
Von nun an werden sie sich auf unerwartete Weise teilen
Von nun an kann ich andere Männer lieben als dich.
S.114

Dazwischen versucht der Autor Ursächliches zu benennen.

Am Ende dieser Geschichte murmelt jemand vor sich hin: „Das Schlimmste muss es sein, niemals genug geliebt zu haben“. Genau. Und der schlimmste aller Orte ist verschwunden…

Literatur vom Feinsten. Habe ich das eigentlich schon erwähnt? ‚De nada‘ heisst glaube ich soviel wie ‚Macht nichts‘.
Es ist ein gutes Gefühl, dass es in meiner Bibliothek ein Plätzchen für so etwas wunderbares gibt.

Eine gute Besprechung zu dem Roman gibt’s hier.

Die Entdeckung des Himmels (Forts.)

Konstanten

Als die Namen nicht mehr galten
bei denen wir die Dinge nannten
blieben nur die unbekannten
und die höheren Gewalten

    aber

in jedem Wort ist ein Ort noch unbesetzt
beharrlich stecken die Alten in den Falten
ein Heim ist in jedem Geheimnis enthalten
und bei jedem Verlust kommt die Lust zuletzt

                                                           © Matthias Engels *
   
Es geht um Ada und Max. Die Episode mit Onno ist eher ein Betriebsunfall. Der Funktionär im Himmel läßt sich von seinem Untergebenen über den Fortgang der Tätigkeiten am Projekt „Testimonium“ unterrichten.

  „Auf der Erde kann man alles behaupten, und es gibt immer Menschen, die einem glauben. Aber unterschätze ihn nicht. Er meinte das Weibliche Prinzip sei der allererste Gedanke des Denkens – das heißt also des Chefs, und der sei infolgedessen er selbst. Dieses Prinzip erschuf danach uns, woraufhin wir unsererseits die Welt erschufen. Aber seiner Meinung nach wollten wir nicht als Geschöpfe angesehen werden, sondern nur als Schöpfer, also hätten wir unserer Schöpferin aus dem Licht in die Dunkelheit gerissen und in das Fleisch einer jahrhundertelangen Reihe von Frauen gezwungen, darunter auch Helena, und schließlich in eine Hure in einem Bordell von Tyrus, wo der niedergefahrene Vater die gefangene Mutter schließlich befreit haben soll.“
  „Merkwürdige Geschichte! Das mit der Entführung und all diesen Frauen ist natürlich eine schändliche Lüge (…)“ S.216f.

Die Sache mit Onno war einfach nicht geplant. Da tut man, und macht man: Setzt sich für die Entscheidungsfreiheit der Menschen ein. Sowas bringt nur Scherereien ein, wie man jetzt sieht.

Letztendlich haben die Menschen die Entscheidungsfreiheit. Auch zwischen gut und böse. So ist es geplant und so wird es auch gemacht.

Die himmlischen Lenker können im Grunde nur für sog. Zufälle im Leben sorgen. Also Naturkatastrophen. So etwas eben. Das ist für sie ein Kinderspiel. Und sie können dann den passenden Menschen dazu ordnen.

Einen Plan mit Menschen umzusetzen kann beliebig schwierig sein. In jedem Fall braucht man für so etwas Zeit. Und Fingerspitzengefühl.

Onno trumpft auf bei Max:

  „Edle Einfalt, stille Größe. Du erblickst in diesem Augenblick eine Persönlichkeit, neben der du in totaler Bedeutungslosigkeit versinkst.“
  „Du bist von überirdischer Schönheit“, sagte Max.“Es kann nicht anders sein, als das der Geist sich über dich ergossen hat.“
  „Du hast nicht die leiseste Ahnung, was sich alles ergossen hat.“ Onno setzte sich in seinen Sessel und sagte: „Halt dich fest Max“, und als Max mitspielte und den Flügel festhielt: „Ich werde Vater.“
  Max legte seine Hände auf den glatten, schwarzen Lack und sah ihn an.
  „Das ist nicht wahr.“
  „Wahr, wahr, unendlich wahr!“ S.242f

Das war gelogen. Jedenfalls zum Teil. Max wußte es und Onno wußte es. Was Max nicht wußte war, das Onno es (schon) wußte. Und Onno genoß den Auftritt bei seinem … Freund.

Max hatte Ada wohl endgültig verloren. Die Freundschaft zu Onno war auch ruiniert. Von jetzt auf gleich.

Man könnte ganze Kapitel zitieren. Und das nächste, um dann wieder das nächste zu zitieren. Es würde sich gewiss lohnen. Aber keine Panik, ich tue es nicht. Statt dessen noch ein Zitat aus dem zweiten Intermezzo:
  „Laplace? Bestimmt wieder so ein französischer Intellektueller mit einem schmutzigen Halstuch und einer Decke um die Schultern.“
  „Ob das zu seiner Zeit schon in Mode war, weiß ich nicht. Auf jeden Fall war er ein großer Mann, ein Kollege von Max Delius. Aber er war auch ein unverbesserlicher Optimist. Ein Dämon, behauptete er, der zu einem bestimmten Zeitpunkt alle Bedingungen der Welt kenne, könne nicht nur die Vergangenheit genau rekonstruieren, sondern auch die Zukunft exakt vorausberechnen.“
  „Bestimmt jemand aus dem achtzehnten Jahrhundert. Das können ja nicht einmal wir!“
  „Auf dem Gebiet der umstürzenden Bäume sind wir schon ein ganz schönes Stück vorangekommen.“
  „Erzähl, warum mußte dieses arme Kind so einen schrecklichen Unfall haben?“
  „Weil wir sonst den Auftrag nicht hätten ausführen können. Bei allem, was ich getan habe, hatte ich immer nur ein Ziel vor Augen: das Retournieren des Testimoniums.“ (…) S.381f.

Wer entdeckt hier den Himmel? Ist es diese Muppetshow am Anfang oder am Ende des jeweiligen Teiles der Geschichte, ist der Verfasser selbst, der Leser oder die Protagonisten der Geschichte? Allen voran Onno und Max? Ada und Quinten, nicht zu vergessen!

Sicherlich haben alle was zu entdecken. Und wenn es nur das ist, dass die Vorstellung vom allmächtigen Weltenlenker überdacht werden muss.

Nichts an dieser Geschichte ist zufällig oder gar überflüssig. Sie ist klug konstruiert, zielgerichtet, überraschend und dabei so stilsicher. Ihre Beschreibungen sind großartig.

Der Roman – von dem hier die Rede ist – gliedert sich in vier Teile:
1. Der Anfang vom Anfang ab S.5
2. Das Ende vom Anfang ab. S.211
3. Der Anfang vom Ende ab S.379
4. Das Ende vom Ende ab S.593

Eine Vorrede (Prolog) am Anfang und eine Nachrede am Ende des vierten Teils (Epilog). Dazwischen gibt es diverse Intermezzi quasi als Überleitung. Diese Teile insgesamt haben es schon in sich.

  „Das reicht jetzt! Man muß auch wissen, wann man aufhören muß. Denk an das Wort von Goethe: >>In der Beschränkung zeigt sich der Meister.<<“
  „Aber sicherheitshalber hat er auch gesagt: >>Daß Du nicht enden kannst, das macht Dich groß.<<“
  „Ja, so sind sie, die Schriftsteller. Immer auf zwei Hochzeiten tanzen. Du hast deinen Auftrag ausgeführt, und ich habe sechshundertsechsundsechzig Fragen zu deinen Machenschaften, aber die werde ich jetzt nicht mehr stellen. Die Hauptsache ist, daß wir rechtzeitig das Testimonium zurückbekommen haben. (…)“ (…)
  „Lassen Sie uns dann etwas ausdenken, wir müssen kämpfen bis zuletzt – noch ist es möglich! Lieber scheitern, als die Hände in den Schoß legen! Können wir nicht den Pakt suchen, den Lucifer mit Bacon geschlossen hat?“
  „Die Zeiten sind vorbei. Du gehst in Rente. Danke für alles, auch im Namen des Chefs. Adieu.“
  „Dann werde ich es eben allein versuchen! Hören sie mich? Ich lasse das nicht so einfach auf sich beruhen! Was bilden die sich eigentlich ein! Was meinen die eigentlich, wer sie sind, diese Emporkömmlinge! Antworten Sie!“
S.795-797, aus dem vom Epilog.

Harry Mulisch: Die Entdeckung des Himmels. Aus dem niederländischen von Martina den Hertog-Vogt. Roman, Rowolth-TB, Januar 1998. ISBN 3 499 13476 4

* Konstanten, gefunden hier: https://dingfest.wordpress.com/2017/08/20/sunday-poem-konstanten/

Auf der Rückseite des Umschlages, als Verlagswerbung gedacht:

„Eine in dieses umtriebige und abgründige Jahrhundert ausschwärmende Geschichte über eine ungewöhnliche Freundschaft, eine Liebe, die aufmüpfigen sechziger, die pragmatischen siebziger und die windigen achtziger Jahre und den langen Nachhall der Kriegs- und Nachkriegszeit; über ein ungewöhnliches Kind, das einen noch ungewöhnlicheren >>Auftrag<< hat; einen Astonomen und Don Juan, der nie zur Ruhe kommt, und ein Sprachgenie, das in der Politik Karriere macht.“
>>Ein Jahrhundertroman<< (>>Wochenpost<<)

Dieses Fundstück ist trotz allem irgendwie stimmig.

„Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.“ O.Wilde

Die Entdeckung des Himmels

Augenblick!
 Was ist?
Auftrag ausgeführt. Die Sache ist rund.
 Welche Sache?
Ja, entschuldigen Sie bitte. Das Allerwichtigste. Die Hauptsache.
 Die Hauptsache? Wovon redest du?
Vom Testimonium.
 Ach, natürlich! Lieber Himmel, es ist doch schrecklich. Ununterbrochen widmet man sich den wesentlichen Dingen und verschwendet sein ganzes Können darauf, und dann kommt der Augenblick an dem man sie schlichtweg vergißt oder eben im Handumdrehen erledigt.
Vielleicht sollten sie langsam etwas mehr delegieren.
 Und du vielleicht wissen, was sich gehört, wenn jemand mal ein Geständnis macht. Mehr delegieren! Du scheinst immer noch nicht zu wissen, was uns bevorsteht. Warum, meinst du wohl, ist dieses Projekt gestartet worden? (…)
So beginnt der Roman im Prolog. (S.7)

Siebzig Menschenjahre hat diese „Sache“ gedauert. Später in dem Bericht heißt es:
„Das Problem bestand darin, daß er sich, wenn er tatsächlich unser Abgesandter sein sollte, auch denn noch an den Auftrag erinnern können mußte, wenn er sich in Geist und Fleisch materialisiert hatte. Das heißt, er mußte auf diese ausgefallene Idee kommen können und obendrein den Willen und den Mut besitzen, sie auszuführen.“ (…) S.8

Der Anfang:
(…) jeder Mensch war natürlich einzigartig, und das entdeckte er erst, wenn sich ein anderer sich in ihn verliebte, oder wenn nie jemand sich in ihn verliebte – aber auch außergewöhnliche Umstände konnten selbstverständlich erscheinen, einfach weil sie waren wie sie waren; und auch dann entstand das Bewußtsein ihrer Außergewöhnlichkeit erst, wenn andere sie außergewöhnlich fanden. Auch ein Königssohn brauchte einige Zeit, bis er begriff, daß nicht für jeden im Land die Fahnen gehißt wurden, wenn er Geburtstag hatte. S.39 (Nach Hause bringen)

Es schien als sei es Liebe auf den ersten Blick zwischen Onno und Max. Das war natürlich ein Fake. (So sagt man glaube ich heute.) Onno ist ein Mann und Max ist ein Mann. Es ist nicht auch nur ansatzweise körperlich. Sie fühlen sich einfach vom anderen akzeptiert und irgendwie auch verstanden. Das ist selten. (Warum auch immer.)

Nach einer Viertelstunde kam Onno endlich aus dem Haus.
„Mußtest wohl erst noch deine Hausaufgaben machen?“ fragte Max.
Onno sah ihn nicht an. Wütend ging er neben ihm her.
„Was du deinen Freunden antust … Es ist aus. Es ist Deine Schuld. Ich habe den Haustürschlüssel auf den Tisch gelegt.“
„Meine Schuld? Was habe ich denn getan?“
S.60

Max hatte einen Scherz gemacht und dabei eine Grenze überschritten. So plötzlich diese Vernarrtheit der beiden Männer da war, so unvermittelt konnte es auch wieder vorbei zu sein. Ein Knacks war es allemal. Das passte irgendwie zu den launischen Diven. Aber so klug und verständig sie auch waren, das zog sich …

In einer Welt, die voll ist mit Krieg, Hungersnot, Unterdrückung, Betrug und Langeweile – was ist in dieser Welt, abgesehen von der ewigen Unschuld der Tiere ein Bild der Hoffnung? Eine Mutter mit einem Neugeborenen im Arm? Aber das Kind endet vielleicht als Mörder oder als Ermordeter, so daß das Bild nur eine Vorwegprojection einer ‚Pieta‘ war: eine Mutter mit ihrem gerade gestorbenen Kind im Arm. Nein, das Bild der Hoffnung ist jemand, der mit einem Musikinstrument in einem Futteral vorbeikommt. Er trägt nicht zur Unterdrückung bei, und auch nicht zur Befreiung, sondern zu etwas, das tiefer liegt. Der Junge auf seinem Fahrrad, mit einer Guitarre in ausgebleichtem Kunstleder auf dem Rücken, das Mädchen, das mit einem zerschrammten Geigenkasten auf die Straßenbahn wartet. Die heiligen Hallen unter den Konzertbühnen, wo die Orchestermusiker auf Tischen und Stühlen und auf dem Boden ihre Futterale und Kästen öffnen und ihre glänzenden und blinkenden Instrumente herausnehmen (…) S.65

Nach Monaten trifft Max eine Frau. Es bleibt Onno nicht verborgen, wie gut Ada zu Max passt. Der Freund reagiert leicht verschnupft, als er bemerkt worauf das Ganze hinausläuft. Kaum merklich zwar, aber doch verschnupft. Max macht sich darüber keinen Kopf. Er scheint keine Sorgen zu haben …

  „Mach es dir bequem“, sagte Max nachdem er die Vorhänge zugezogen und sich in einen grünen Sessel gesetzt hatte.
Er war raffiniert. Die meisten Männer waren dumm und setzten sich auf die Couch, so daß sich später das Problem ergab, wie sie den Damenbesuch neben sich platzieren wollten. Sie hingegen hatte nun die Wahl zwischen dem zweiten Sessel und der Couch. Wenn sie sich in den Sessel setzen würde, würden sie beide auf eine merkwürdige Weise auf eine seltsam leere Couch schauen, und dann hätte sie zwar gezeigt, was sie im Grunde nicht wollte, daß sie ja ach so anständig war, aber auch, wo ihre Gedanken waren. Setzte sie sich dagegen auf die Couch, könnte das bedeuten, daß sie an absolut nichts Verwerflicheres dachte, aber er konnte sich dann um so leichter mit seinem Fotoalbum oder seiner Briefmarkensammlung neben sie setzen. Anders als sein Freund Onno, der vermutlich keinen Sensus für derartige Dinge besaß, registrierte er das alles natürlich ganz genau.(…) S.81

Es ist eben alles eine Sache der Details. Das ist Sprache auf höchstem Niveau. So hatten sie noch satte siebenhundert Seiten Zeit. Siebenhundert Seiten.
Auf siebenhundert Seiten solche Formulierungen finden! Das ist das pure Glück. Ich bin so froh. Welch ein Genuss. Sorry, aber ich muss jetzt weiter lesen.

Harry Mulisch: Die Entdeckung des Himmels. Aus dem niederländischen von Martina den Hertog-Vogt. Roman*, Rowolth-TB, Januar 1998. ISBN 3 499 13476 4

„Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.“ O.Wilde

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