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Das zweite Leben des Herrn Roos

Zwei Prokrastineure finden sich für eine Weile. *

In aller Breite wird das aus- und zusammengeführt. …Was kommt, das kommt, dachte er. Der Herr hat die Eile nicht geschaffen. Der Tag verging. (S.139) Nicht ohne den verdienten Schlaf zwischen durch, versteht sich.

Er fasst Entschlüsse. Merkwürdig aktiv ist er. Muß man sich Sorgen um ihn machen, angesichts des ungebetenen Gastes?

Ich denke, erstmal nicht. Beide, sie und er, waren für diese Welt nicht geschaffen. **

Sie hatten jedoch unterschiedliche Gründe für ihr Handeln. Und das wird Konsequenzen haben. Niemand kann sich vollkommen abschotten – vor den Menschen nicht, und schon gar nicht vor der eigenen Vergangenheit.

„Should I stay or I go?“
(…)In welcher Scheiße man auch saß, wie viel Dummheit und wie viel Elend man um sich auch angehäuft hatte, es gab immer irgendeinen blöden Rocksong der zu dieser Situation passte.
  Aber vielleicht war das ja kein Wunder. Alles handelte von Leben und Tod und Liebe in dieser Musik, und wenn es in Wirklichkeit brannte, dann klang es natürlich genauso ernst.
Genauso ernst und genauso banal.
(S.241)

Ihr Problem heißt Steffo, der ist verrückt. Er war ihr Dealer und glaubte, man könne Menschen wie Dinge besitzen. Sie will ihn nicht mehr in ihr Leben lassen und nun weiß sie nicht, wie sie sich verhalten soll.

„As tears go by.“
  Er schüttelte den Kopf und biss die Zähne zusammen, dass es im Kiefer wehtat. Er wusste nicht, warum er es tat, aber er packte das Lenkrad noch fester mit den Händen, konnte sehen, wie die Knöchel langsam weiß wurden – und dann tauchte sein Vater wieder auf.
  Diese Wanderung durch den Wald. Die hohen, schlanken Kiefern. Felsen und Preiselbeergestrüpp. Hier stand häufig der Elch.
  ,Niemals besser als jetzt‘.
  Ich gehe kaputt, dachte Ante Valdemar Roos.
(S.240)

Sie hatte ihm alte Schlager auf der Gitarre gespielt und dazu gesungen. So etwas war er nicht gewohnt. Ungewohnt war auch, dass ein Mädchen, so alt wie seine älteste Stieftochter Signe, mit ihm ein Gespräch führte, dass sich nicht um sie drehte.

Und dann war da noch die Geschichte mit seinem Anruf bei der Notrufzentrale von wegen des verunglückten Elches, der im Straßengraben lag…

Sein eigentliches Problem aber hieß Alice und war seine Ehefrau, aber die schaute ihn nicht einmal von hinten an – nicht freiwillig, außer sie wollte ihn kontrollieren. Diese Alice trifft im Krankenhaus auf Inspektor Barbarotti, ihren ehemaligen Klassenkameraden. Sie eröffnet ihm, dass ihr Ehemann sich merkwürdig verhielt, nicht ahnend was sie damit auslöste…

  Niemand konnte wohl ein Inneres haben, das dem entsprach, wie es die Bekannten von Ante Valdemar Roos skizziert hatten. Ein Möbelstück? Alle haben ja wohl das Recht auf ihr eigenes Weltbild und ihre Ansicht über die großen Fragen des Lebens? Das Äußere, das ist das Äußere, aber die Tiefe, die ist und bleibt die Tiefe, und viele entscheiden sich ganz einfach dazu, nicht jeden in die privatesten Sphären eindringen zu lassen. (S.319) Angeregt von seinem Fall denkt Inspektor Barbarotti über den Sinn des Lebens nach.

Ganz allmählich wird sich die Schlinge um sie schließen und sicherlich auch zuziehen. Zu Beginn des 2.Teils wird uns Inspektor Barbarotti vorgestellt. In einer denkbar misslichen Lage. Er hat wohl den Ermittler Van Veeteren abgelöst. Mal sehen was er heraus bekommt.

Håkan Nesser: Das zweite Leben des Herrn Roos. Roman, 1.Auflage, btb Verlag, 2008. Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt.
ISBN 978 3 442 75172 3

Mir hat dieser Titel viel gegeben. Ein außerordentlich beeindruckender Roman von diesem Autor.

* Wer mehr über den Begriff der ,Prokrsatination‘ wissen will kann u.a. auch hier fündig werden.

** Umschlagtext, hinten:

Eine verlassene Kate im Wald. Ein junges Mädchen in Schwierigkeiten. Ein Mann auf der Flucht vor sich selbst und seiner Familie. Inspektor Barbarotti ermittelt.

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Der Großinquisitor, ein Poem

„Auf Erden irren wir umher, und hätten wir nicht das kostbare Bild Christi vor uns, so gingen wir ganz zugrunde… Vieles auf Erden ist uns verborgen, dafür aber ward uns ein geheimes Gefühl unserer Verbundenheit mit einer anderen Welt geschenkt, einer reineren und höheren, und auch die Wurzeln unserer Gefühle und Gedanken sind nicht hier, sondern in anderen Welten. Wenn dieses Gefühl in dir schwach wird und stirbt…, dann wirst du gegen das Leben gleichgültig oder beginnst es gar zu hassen…“ Dostojewskijs Glaube *

So ein Gottesbegriff birgt viele Stolpersteine. Da ist auch einiges an Zeitgeist zu bedenken, einzuordnen. Dieses Poem befindet sich schon lange in meinem Besitz. Irgendwann habe ich es einmal antiquarisch gekauft.

Sogar sofort gelesen hatte ich es, konnte aber nur noch den Titel erinnern. Richtig, ich habe mal wieder mein, einigen hier schon bekanntes, Kellerregal bemüht. Ich war damals einfach zu jung und zu blauäugig für diesen Text. Nun, die zweite Annäherung:

Das ist das Thema der „Brüder Karamasow“. Alle drei Brüder sind leidenschaftliche Naturen, die immer und überall „aufs Ganze gehen“ – D(i)mitrij der Sinnenmensch, Iwan der Vernunftsmensch, der Zweifler und Grübler, und Aljoscha der demütig Liebende und Glaubende.
  Dem Iwan Karamasow nun legt Dostojwskij die Legende vom Großinquisitor in den Mund. Er erzählt sie seinem Bruder Aljoscha, als dieser seine Empörung über die Disharmonie der Welt, die sich mit der Vorstellung eines gerechten Gottes nicht vertrage, durch den Hinweis auf Christus zu entkräften sucht. **

Der Großinquisitor scheint zu glauben zu leben, er tue den ihm ,anvertrauten Schäfchen‘ einen Gefallen. Er lebt in der festen Überzeugung, das er leidet. Denn er weiß worum es ,wirklich‘ geht… Der Inquisitor empfindet sich als Teil einer leidenden Elite, die die Menschheit liebt und ihr die ,Last der Entscheidung‘ abnimmt. Seine ,Autorität‘ basiert auf Herrschaftswissen, auf ,Wunder‘ und ,Geheimnissen‘.(S.18)

Der Großinquisitor glaubt, die Mehrzahl der Menschen ist nicht in der Lage sich für die Freiheit zu entscheiden. So etwas hatte die Elite in ,aller Demut‘ eingesehen und …leidet. So auch er. Deswegen geschieht alles, was geschieht, mit der Genehmigung der heiligen Inquisition.(S.18)

  „Aber womit Endet denn dein Poem ?“ fragte er den Blick zu Boden gesengt. Oder ist es schon zu Ende ?“
  „Den Schluß habe ich mir damals so gedacht: Nachdem der Inquisitor verstummt ist, wartet er noch eine Zeitlang, was der Gefangene ihm antworten werde. Sein Schweigen bedrückt ihn. Er hat gesehen, wie der Gefangene ihn die ganze Zeit anhörte, und wie tief und still Er ihm in die Augen blickte, offenbar ohne ihm etwas entgegnen zu wollen. Der Greis aber will, daß Er ihm etwas sage, und wäre es auch etwas Bitteres, Furchtbares. Er nähert sich schweigend dem Greise und küßt ihn still auf die blutleeren neunzigjährigen Lippen. Das ist Seine ganze Anwort, die Antwort, die den Alten zusammenfahren macht. Und dann zuckt irgend etwas in den Mundwinkeln des greisen Großinquisitors; er geht zur Tür des gewölbten Verlieses, öffnet sie und sagt zu Ihm: ,Geh und komme nie wieder… komme überhaupt nicht mehr… nie wieder, nie wieder!‘ Und er läßt ihn hinaus auf die ,dunklen, schweigenden Plätze der Stadt‘. Und der Gefangene geht hinaus.“
  „Und der Alte ?“
  „Der Kuß brennt auf seinem Herzen, aber er bleibt bei seiner früheren Idee.“ (S.26)

Feodor Michailowitsch Dostojewskij: Der Großinquisitor VELHAGEN&KLASINGS DEUTSCHE LESEBOGEN 20, BIELEFELD UND HANNOVER 1950.
Diesen Lesebogen besorgte Professor Dr. Arthur Luther.

* Zitiert nach dem Nachwort dieser Ausgabe(S.33), aus: Die Brüder Karamasow.

** Nachwort dieser Ausgabe(S.30)

Papa was a rolling stone

Verbeugung für den Sänger. RIP, aus Gründen.

Fett/Anthrazit Blog

Papa was a rolling stone *

Er ist seit gestern im Krankenhaus; Papa hat Fieber, und ist sehr schlapp. Vermutlich eine Lungenentzündung, kann aber auch mit dem Harnweg zusammenhängen. Gegen Fieber bekommt er was, ansonsten wird noch untersucht. Heute Nachmittag kann ich mehr erfahren.
Das kam sehr plötzlich. Bis Mitte der Woche war er eigentlich wie immer drauf.
29. März 2010

Ich war heute wieder im Krankenhaus:
Dieses Brüder-Krankenhaus ist doof. Man muss da weg. Oder ins Bett. Oder beides. Wenn die junge, nette Schwester kommt, dann geht es. Wo bin ich? Gestern war Erwin da. Der wollte wieder kommen. Wie geht es Mama? Ich bin müde.

Wenn ich ein Chinese wäre, aus der hinter-westlichen Provinz und nur so einen Dialekt spräche, aber den flüssig; wenn ich also solch ein Chinese wäre, könnte es sein, dass ich mich über einen Begriff wie Panoptikum wunderte.
Zehn Minuten im Krankenzimmer, in diesem…

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Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod

Einen Menschen zu töten, dauert höchstens eine Minute. Ein normales Leben zu leben, kann fünfundsiebzig Jahre dauern. Henry Moll, Schriftsteller *

Der Titel hätte mich warnen sollen. Spätestens als ich die Bestandteile ausgemacht hatte. Die Schwalbe, die Katze und die Rose sind der Beschreibung eines Traums Van Veeterens entsprungen. Der Tod wurde im ersten Kapitel schon beschrieben.

Am Sonntag, dem 8.Oktober, flog eine Schwalbe, die sich verirrt hatte, durch Van Veeterens Schlafzimmer herein.
  Es geschah morgens kurz nach halb sechs, und der unglückliche Vogel war höchstwahrscheinlich eine der ganz, ganz wenigen Erscheinungen in dieser Welt, die ihn überhaupt hätten wecken können. Das Flugzeug aus Rom war über vier Stunden verspätet gewesen, und sie waren erst gegen drei Uhr ins Bett gekommen.
  Zweieinhalb Stunden Schlaf also, und wie Ulrike es fertig brachte, trotz des hartnäckigen Flatterns weiterzuschlafen, war ein Rätsel…
  Strawinsky war ein Kater (…) (S.104)

Und so weiter, und so fort. So etwas erinnerte mich an eine andere Form von Literatur. An Hamlet vielleicht…in jedem Fall an ein „komisches“ Zwischenspiel. Dramatisch fing die Geschichte an und es sollte noch dramatischer und auch noch drastischer werden. Außerdem war der Ermittler in diesem Fall auch Antiquar, wie eine Figur nach J.Kehrer.

Eine Sonderkommission wird gebildet, hat aber erstmal keinen Erfolg. ‚Lustig‘ wird weitergemordet bis der Antiquar sich einschaltet. Dazwischen übliches von der Gerechtigkeitsfront und von Polizeifrust.

  Eine ungewöhnliche Mordserie erschüttert das kleine Städtchen Maardam. Van Veeteren nimmt Witterung auf und stößt auf die Spur eines außerordentlich belesenen Mörders, der immer brutalere Spiele spielt… **

Es geht um die Geschlechterrolle im Beginnenden dritten Jahrtausend. Sehr philosophisch. Gerade auch, was die drei K’s betrifft.

  „Irgendwie nur eine Vermutung!“, schnaubte Van Veeteren und schaute ihn missmutig an. „Alles fängt mit einer Vermutung an…sogar du, Herr Kommissar!“ (S.568)

Nach meinem Dafürhalten wird hier mit Clischees gespielt, und das nicht zu knapp. Nichts ist dem Zufall überlassen und da fehlt auch nichts. Großes Kopfkino. Ich bin froh meine Zeit mit dem Text verbracht zu haben. Streckenweise war ich mir da nicht so sicher. Jetzt umso mehr.

Håkan Nesser: Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod. Roman, 7. Auflage, btb Verlag, 2005. Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt.
ISBN 978 3 442 73325 5

* Als Motto dem Text vorangestellt.
** Aus dem Verlagstext Umschlag, hinten.

J.Robert Oppenheimer, Anmerkung

Es bewirkte, was seine Gegner bewirken wollten, es zerstörte ihn. Isidor I.Rabi, (S.535)

Der dritte und vierte Teil beschäftigen sich mit dem Niedergang des Sternes Oppenheimer. In epischer Breite wird seine Persönlichkeit beschrieben, das persönliche Umfeld des Physikers beleuchtet, Widersacher werden dargestellt aber auch die Befürworter seiner Person kommen zu Wort. Der fünfte Teil setzt sich mit den Rehabilitationsversuchen des Physikers durch die demokratische Administration auseinander. Es ist ein wenig unappetitlich, dieses Kapitel der neueren Geschichte. Sein Tod wird auch besprochen.

Folgendes Zitat ist entstanden, da war Dr.J.Robert Oppenheimer schon vom Tod gezeichnet. Er galt zwar als Rehabilitiert, doch das war nur die eine Hälfte der Medallie. Die für ihn entscheidende Unbedenklichkeitsbescheinigung hatte er nicht bekommen. Oppenheimer war zu einem informellen Gespräch mit einem Journalisten verabredetet. Daraus ergab sich, dass er einen Monolog über Verantwortung:

…ein säkularischer Kniff, eine religiöse Vorstellung zu benutzen, ohne diese an ein transzendentes Wesen zu binden. Ich verwende an dieser Stelle gerne das Wort ethisch. Ich bin in ethischen Fragen inzwischen bestimmter als je zuvor – obwohl diese auch schon damals bestimmend waren, als ich an der Bombe arbeitete. Heute weiß ich nicht, wie ich mein Leben beschreiben soll, ohne ein Wort wie Verantwortung zu verwenden; ein Wort, das mit Entscheiden, Handeln und mit der Spannung zu tun hat, in der Entscheidungen gefällt werden. Ich spreche nicht von Wissen, sondern davon, dass man beschränkt ist in dem, was man tun kann. … Verantwortung ist bedeutungslos ohne Macht. Das mag nur die Macht sein, die man hat über das was man selber tut – doch Wissen, Reichtum, Muße, sie wachsen nur in dem Bereich, in dem Verantwortung vorstellbar ist. (S.570)

Der Text dieser Biographie hat einen umfangreichen Anhang, mit Epilog, Abkürzungen und Anmerkungen zu Zitaten, etc., sowie einer Schlussbemerkung:

(…) Vor fünfundzwanzig Jahren bin ich zu meinem Ausritt nach Perro Caliente aufgebrochen, und meine Arbeit an Oppenheimers Lebensgeschichte hat mir gezeigt, wie komplex Biographien sein können. Es war eine zuweilen anstrengende, stets aber auch belebende Reise. Vor fünf Jahren als mein Freund Kai Bird ‚The Color of Truth‘, seine Doppelbiographie von McGeorge und William Bundy, vollendet hatte, bat ich ihn mit mir zusammenzuarbeiten. Oppenheimer bot Stoff für uns beide, und mit Kai als Partner würde ich schneller vorankommen. Gemeinsam haben wir vollendet, was sich zu einem sehr langen Ausritt entwickelt hat. (S.580) *

Ich hatte nicht vor dieses Buch insgesamt zu lesen. Die Ergebnisse kannte ich ja schon aus der Geschichte. So war das im Grunde auch. Aber der Text war zu spannend. Er hielt mich fest, übte in gewisser Weise einen Sog auf mich aus. Das habe ich nicht bedauert.

Kai Bird, Martin J. Sherwin: J. Robert Oppenheimer. Die Biographie. LIST-TB 1.Auflage Oktober 2010. Aus dem Amerikanischen von Klaus Binder und Bernd Leineweber.
ISBN 978 3 548 60980 5

* Aus der Schlussbemerkung: Mein langer Ausritt mit Oppie von Martin J.Sherwin

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