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In der Hitze der Nacht

Wie geht man mit Veränderung um? Wie bemerkt man etwas, das sich eher langsam breit macht? Es war schon lange da, kam gar nicht so plötzlich, wie uns immer weiß gemacht wird. Oder machen wir es uns selbst weiß?

Diesen Film habe ich gestern auf Arte nochmal genossen. Er zeigt wie schwer es ist, sich von überkommenen Denkmustern zu befreien. Erst muss man sie entdecken. Dann ist man vielleicht in der Lage sich davon zu befreien. Mancher prescht vor. Hat vielleicht ein unrühmliches Ende. Fällt hin oder um.

Dann geht es weiter, an anderer Stelle: Stück für Stück geht es. Oft sich es so kleine Schritte. Und für mache mögen die Schritte viel zu klein sein. Ungeduld verbreitet sich.

Erst viel später, aus der Vogelperspektive wird es manchen gelingen so etwas wie eine Struktur zu entdecken. Ein Bild zu malen oder einen Film wie diesen. Große Kunst ist das. Dieser Film hatte etwas Großartiges.

Alles mit Links.

Young, gifted and black.

Jung, gut aussehend und etwas blasiert. Großstädtisch eben. Ein Städter aus dem Norden trifft auf die Provinz der Südstaaten. Alles könnte gut sein, wäre da nicht ein kleines Detail, das er eine Spur zu selbstverständlich mit sich herum trägt. Er ist schwarz. So ein Neger auf der Durchreise muss doch schuldig sein, verdächtig ist er allemal. Schließlich wäre das die sauberste Lösung. Man könnte schnell wieder in sein gemütliches Leben zurückkehren.

Dumm nur, dass dieser Schwarze so halsstarrig ist, seine Unschuld zu beteuern. Dann stellt sich noch zu allem Überfluss heraus, dass er Polizist aus dem Norden ist, auf der Durchreise. Der muss es natürlich nun allen zeigen. Lässig und analytisch geht er die Sache an. Im Grunde hält er sich an die Regeln. Er hat Kenntnis von einem Officialdelikt bekommen, und da sollte man einschreiten.

Schnell wird klar, dass diese Regeln nur als Fassade dienen…

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Schilf

Wer die Welt erklären kann, dem gehört sie. S.41

Und so versuchen diese Physiker die Welt zu erklären. Vor Publikum. Als wäre es eine Wette. Dabei stellt sich Oskar etwas genialer an. Jedenfalls schafft er es, dass seine Umgebung mehrheitlich solches glaubt. Sebastian hat dafür eine Familie. Maike, Sebastians Frau, schwankt bei Oskar. Auf der einen Seite lehnt sie ihn ab, andererseits weiß sie um seine Genialität. Etwas aufgeregt ist sie schon.

Onkel Oskar scheint regelmässiger Gast bei Maike und Sebastian zu sein. Dabei ist er eher ein Eindringling. So empfindet es Sebastian. Das jüngste Mitglied der Familie, Liam, leidet. Er ist noch ein Kind. Will im Mittelpunkt stehen. Liam sieht eher den Onkel, der ihm so viele Wünsche erfüllen könnte.

Sebastian löst eine Hand vom Lenkrad und wischt sich den Schweiß von der Oberlippe. Schlimmer als Oskars Sticheleien ist die Tatsache, dass die Beschäftigung mit solchen Theorien sein Leben stört. In letzter Zeit zieht er sich fast täglich nach dem Abendessen ins Arbeitszimmer zurück. Dort brütet er über seinen Unterlagen, bis sich irgendein Formelfragment wie eine hängen gebliebene Schallplatte durch seinen Kopf zu drehen beginnt. In manchen Nächten wagt er nicht mehr, ins Bett zu gehen, weil sich der Lärm seiner Gedanken im stillen Dunkel des Schlafzimmers bis zur Unerträglichkeit steigern kann. Einmal ist Maike lang nach Mitternacht zu ihm gekommen. Die Schritte ihrer nackten Füße im Flur klangen nach einem kleinen Mädchen. Als er aufsah, stand sie vor ihm und sah in ihrem Nachthemd klein und zerbrechlich aus. Bleib bei uns, sagte sie. Bevor er etwas erwidern konnte, hatte sie sich abgewandt und war verschwunden. Sebastian lief ihr nicht nach, weil er nicht sicher war, ob er sie wirklich gesehen hatte.
  Am Morgen nach solchen Nächten weiß er kaum noch, in welcher Welt er sich befindet. Beim Frühstück ist er kein Mann neben seiner Ehefrau, sondern ein Mensch, der sich in der eigenen Wohnung erschrocken zwei Unbekannten gegenübersieht. S.66

Längst hat es sich von einem Spiel entfernt hin zu einem Schaukampf.

Oskar gegenüber nannte er diese Verwirrung einmal die Nebenwirkungen einer großen Idee. Daraufhin richtete dieser seinen strengen Zeigefinger auf ihn. Gib dir keine Mühe mit deinen Neurosen, sagte er. Aus dir wird niemals ein großer Mann. S.67

Darüber hatte sich Sebastian sehr geärgert.

Doch jetzt hat er ein wirkliches Problem: Liam ist verschwunden und kommt nicht wieder. Erst muss Dabbeling weg. Und zwar durch ihn, Sebastian. Vorher wird er seinen Sohn nicht zurückbekommen.

  Das Schöne an der Zeit ist, dass sie ohne Hilfestellung vergeht und sich nicht an dem stört, was in ihr geschieht. Auch die nächste Handvoll Sekunden wird sich vom Acker machen, und schon ist das, was eben noch unmöglich erschien, vergangen und vorbei. Warten ist nicht schwer. Das Leben besteht aus warten. Folglich, beschließt Sebastian, ist das Leben kinderleicht.
  Das Zischen der Reifen kommt heran, wird lauter, höher, will rasch weiter. Bevor es gemäß dem Dopplereffekt im Vorbeiflitzen die Tonhöhe senken kann, wird es von einem feuchten Hacken unterbrochen. Zugleich erklingt eine menschliche Stimme, die erste Silbe eines nicht zu Ende gebrachten Wortes. „Wa-“
  Hartes durchdringt Weiches. Anschließend ein kurioser Augenblick der Stille, dann trifft Metall mit protestierendem Kreischen auf die Fahrbahn. Ein Aufprall, das Rutschen eines schweren Körpers. Gestänge schlagen mehrmals auf die Straße, kleine Einzelteile klimpern in alle Richtungen auseinander. Ein Gegenstand plumpst in die Böschung, hüpft und kollert, als liefe ein Tier mit großen Sprüngen davon.
  Danach herrscht schweigen. S.106f

Ein hastig gespanntes Drathseil über der Radstrecke soll es richten. Soll Dabbeling richten.

Ein liebender Kommissar, ein tödliches Missverständnis und die Beschaffenheit der Welt. *

Jeder hat immer eine Wahl.

Juli Zeh: Schilf. Roman 2007. Hier: 11.Auflage, Frankfurt am Main, Btb.
ISBN 978 3 442 73806 9

* Aus der Verlagswerbung. Rückseite des Umschlags.

Ps.: Jetzt habe ich zwei Bücher von Juli Zeh gelesen. Die Metaphern und Umschreibungen die sie dabei verwendet, lassen mich meistens erst stutzen, um dann Zustimmung auszulösen. Sie könnte so zu meinem Lieblingsschreiber avancieren. Beobachtungen werden in einer Art ausgesprochen, die mir durchaus gefallen.

Unabhängigkeit

Bestandsaufnahme.

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Der Chronist derWinde
18. Februar 2015

Dieses Buch erzählt die zweite Geschichte, die mir von diesem Schriftsteller begegnet ist… Sie spielt in Afrika, und handelt vordergründig von Optionen.

Am Ende ist es immer das Fälligste, was uns zufällt. Max Frisch *

Jetzt:

Man kennt das, aus den Medien
Schlimm, die ganzen Leute und der Reporter
raucht auch noch! Sowas geht doch nicht
Was war jetzt, schon wieder so ein Brennpunkt?

Menschen wollen keinen Krieg. Das machen nur Leute
Sie tun es, so bleibt das Gesicht gewahrt
Privat sind wir ja alle Menschen – integer
trotz allem…Leid, was Leute haben.

Den Leuten ist nicht zu helfen – Gleichgültigkeit
und Krokodilstränen sind Schutz vor dem drumherum
Die Nützlichkeit lauert schon an allen Ecken
Wie lange kann so ein Spiegel standhalten?

Genau: getötet

„… die Zivilisation ist keine Sache, die man aufbaut und dann für immer hat. Man muss ständig an ihr bauen…

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Glückliche Umstände, leihweise

Bestandsaufnahme.

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„Bücher, das ist für mich nicht das bedruckte Papier. Sie sind Landkarten menschlicher Erfahrung.“ Alexander Kluge

Zum Beispiel:

Das Eigentum am Lebenslauf

„Martha Blackbrun, meine Großmutter mütterlicherseits, hatte sich zu einem Nachmittagsschläfchen hingelegt. Sie konnte zu dieser späten Zeit ihres Lebens die Gewohnheit, sich hinzulegen, zwar befolgen, das Einschlafen aber gelang ihr nicht mehr. Sie grübelte über den Tod. Einerseits, diskutierte sie von ihrem Bett aus zu dem Besucher hin, der sich schläfrig auf der Couch im gleichen Zimmer bewegte, sie sei ja bereit, anzunehmen, daß es ein Leben nach dem Tode geben könnte. Andererseits wolle sie sich nicht lächerlich machen, wenn sie das anderen gegenüber äußere oder auch nur innerlich annehme. Sie wolle sich nämlich auch nicht vor sich selbst nicht lächerlich machen. Umgekehrt habe sie aber den Wunsch, nicht aussichtslos auf den Tod zuzusteuern. Sie sei zählebig, antwortete der Gast, der noch etwas schlafen wollte.“ (S.70)

Oder Nun…

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Personen und Reden vom 4. November 2012

Bestandsaufnahme.

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Menschen hausen in ihren Lebensläufen wie in Häusern.*

Die Klassiker setzten auf die Autonomie der Menschen. Wir haben auch heute nichts Praktischeres, langfristig Durchdringenderes und Vertrauenswürdigeres als dies, das Selbstvertrauen, diese Autonomie. Und sie tritt überall dort in Erscheinung, wo erzählt wird, sei es in den Intimbereichen, sei es in der Öffentlichkeit, sei es in der Literatur.

In gewisser Hinsicht ist selbst der Krieg eine Erzählung. Ich bin überzeugt davon, dass der Krieg, der eine wilde Maschine ist, nichts zähmt, ausser dem eigenen Monolog, der Krieg geht an seiner eigenen Unfähigkeit zugrunde. Das ist eine erzählenswerte Tatsache.**

Thema ist das Urvertrauen. Es ist mir kaum möglich, das komplexe, verwobene und letztlich doch so klare Denken dieses Menschen zu beschreiben. Darum die zwei Zitate vom Anfang und vom Ende einer Rede zum Schiller-Gedächtnispreis 2001, stellvertretend zu diesem Buch.

Dazwischen liegt etwas, das man selbst erfassen kann: Ich verneige mich…

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