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Geschichte und Eigensinn

21. April 2011

Jede Geschichte hat Statur. Logisch. Schließlich gibt es ja auch Menschen, die man mag, und welche, die man nicht mag.

Doofe, kluge und Schlaumeier. Charmante Zeitgenossen, die einen in jeder Situation um den Finger wickeln genauso wie die öligen Typen, denen die hemmungslose Jagd auf den Vorteil schon auf der Stirn geschrieben steht. Verklemmte Buchhalter und Hallodries, Mauerblümchen und Blender.

Alle sie bevölkern diesen Planeten, manchmal in Reinkultur, häufiger als Mischform. Manche von denen schreiben auch Bücher. (Immer sind es ja Menschen.) Wenn es dem Schreiber gelingt die Figuren glaubhaft dar zu stellen, eine Geschichte plausibel wie überraschend zu bauen, dann mag das wohl Kunst sein. Wenn ich beim Lesen dann noch die Zeit vergesse, ist das möglicherweise hohe Kunst.

Oder ich habe zur rechten Zeit das richtige Buch zur Hand genommen, und mein Nerv ist getroffen. Vielleicht schien die Sonne. Vielleicht war es einfach nur schön dieses Ding zu sehen und zu befühlen. Jemand hat mir davon erzählt? So ein Buch kann duften wie ein Mensch oder stinken wie ein Kretin (Klar welches von beiden ich lesen möchte). So subjektiv und so zufällig?

Es gibt Bücher, die kann man gar nicht lesen. Und trotzdem sind bleiben sie spannend. Werden mit jedem Blick hinein immer anregender.

Mir ist dieses Buch vor vielen Sommern über den Weg gelaufen.

So etwas hatte ich noch nicht in der Hand gehabt. Satz und Typografie waren sehr überlegt ausgesucht. Das Ding stellte Ansprüche an mich, wollte nicht einfach nur gekauft werden. Dass Geschichte einen Eigensinn hatte, war für mich sofort plausibel. Nur wie? ….

Das wurde so ein Buch, darin konnte ich schwimmen ohne zu ertrinken. Als braver Leser fängt man ja vorne an. Plötzlich stellt man fest, dass man per Anmerkung eben auf Seite vierhundertzweiundfünfzig weitermachen könnte und landet von da auf einem Einschub weiter vorne (S.274, oder so).

Ein Buch-Buch, wie es kaum besser geht. Das ist kein Roman. Das Buch beschreibt Dinge und Zustände, es interpretiert immer auch, wertet. Klar, denn es ist ja von Menschen gemacht – also im besten Sinne subjektiv.

Die Verweise zeigen, dass es immer weiter dröselt. Geschichte geht ja schließlich auch immer weiter; manchmal scheint sie sich zu verlaufen, hört aber niemals auf. Man wird nicht fertig mit lesen. Möglicherweise fängt man an Eigenes zu denken. Wunderbar.

Oskar Negt und Alexander Kluge: Geschichte und Eigensinn. Zweitausendundeins.
Man vergleiche auch: www.kluge-alexander.de/literarischer-autor/theorie.html

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From → Liebe, Sprache

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