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Der Schatten meines Vaters

16. Oktober 2011

Richard ist bei Kriegsende drei Jahre alt und kennt seinen Vater und die Geschichte, die damit zusammenhängt nur vom Hörensagen. Das erste Mal bewusst hat er seinen Vater im Gefängnis für Kriegsverbrecher in Spandau gesehen. Da ist er vier, und wird in das Sprechzimmer mit hinein geschmuggelt. Was ihm bleibt sind seine Familie und die Briefe die er später mit dem Vater wechselt. Dazu kommen die selten erlaubten und kurzen Besuche im Gefängnis.

Der Junge wächst heran. Langsam beginnt er seine Welt zu erkunden; sich Stück für Stück zu erarbeiten, wie alles beschaffen ist. Ihm fehlt die intakte Familie, die ja nicht in erster Linie Harmonie bedeuten muss, sondern Anschauung, vielleicht auch Erklärung (oft auf Umwegen, verschämt und eklektisch).

Seine Mutter versucht so gut es geht die Kinder durch zubringen, der Vater ist nicht da. So geht es vielen in dieser Zeit. Das Reich hat den Krieg verloren. Es wird aufgeräumt abgerechnet.

Für Besiegte ist das immer eine eher unkomfortable Situation; schon gar, wenn sie zur Elite eines untergegangenen Reiches gehörten. Baldur von Schirach gehörte zum Teilnehmerkreis des Nürnberger Prozesses und zwar auf der Anklagebank. Er wurde für schuldig befunden; und bis 1966 in Spandau inhaftiert. Die Umstände um die Verbrechen dieser Schergen, deren Kumpanen und Mitwisser, auch das Wissen um die Kultur des Wegsehens und einfaches Tolerieren setze ich hier einfach voraus.

Richard hat mit all dem nichts zu tun, und versteht das auch gar nicht. Zwar hat er seine Geschwister mit denen er versucht sich zu erinnern und seinen Vater betreut. Im Grunde ist die Familie zerrissen. Er ist Einzelkind, muss sich die Dinge selbst denken und beim Heranwachsen die notwendige Aufarbeitung des Geschehens irgendwie bewerkstelligen. Diese Arbeit ist naturgemäß gewaltig.

Ein grossartiges Geschichtsbuch über Deutschland, das versuchen muss mit seiner Vergangenheit fertig zu werden. Ein Geschichtsbuch am Beispiel eines Jungen, der in diese Zeit hinein geboren wurde.
Interessant in diesem Zusammenhang u. a. die Biographie von John Lennon, der ähnlich alt, jedoch auf der Seite der Guten war.

Richard von Schirach ist ein Onkel von Ferdinand von Schirach, der das Buch Verbrechen geschrieben hat.

Richard von Schirach: Der Schatten meines Vaters. Deutscher Taschenbuch Verlag 2011. ISBN 978 3 423 34685 6

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From → Liebe

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