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Ruhelos

12. November 2011

Eva war ein ziemlich flotter Feger, und das in jeder Beziehung. Auf der Beerdigung ihres Bruders lernt sie einen etwas arroganten, sehr selbstsicher wirkenden und ungemein gut aussehenden Romer kennen. Der macht ihr – im Grunde sehr zielstrebig – irgendwann ein etwas unmoralisches Angebot.

Nicht was Sie jetzt denken, das kommt später und ist möglicherweise nicht unbedingt ehrlich gemeint, was zur Klarheit des Sachverhalts auch nicht beitragen soll. Viele ’nichts‘ in einem Satz, nicht? Genau. Das hier ist reine Mathematik und gehört zum Spiel.

Es sind die ausgehenden dreissiger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts, und Europa starrt wie das bekannte Kaninchen auf die Schlange. England bereitet sich auf den großen Krieg mit Deutschland vor. Romer hat schnell erkannt, dass Eva gut für seine Zwecke einsetzbar ist. Er bietet ihr an, ihren Bruder zu ersetzten, der von irgend welchen Nazischlägern getötet worden war, weil er konspirativ für Romer – das ist in diesem Falle für England – gearbeitet hatte.

Erzählt wird das Ganze von Ruth Gilmartin. Sie lebt in den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts im beschaulichen Oxford. Dort führt sie ein Leben als allein erziehende Mutter. Ruth läßt sich mit Sprachunterricht an Studenten der Universität von ihrer Doktorarbeit abhalten, in der sie wohl keinen so großen Sinn mehr sieht. Man schlängelt sich so durch. Uni-Leben in den Siebzigern eben.

Gemildert wird dieses ’normale Chaos‘ einer jungen Frau auch nicht durch den Umstand, dass sie ihren Sohn am Wochenende schon mal zu ihrer Mutter bringen kann. Diese wird nämlich zunehmend anstrengender und fühlt sich auch noch irgendwie verfolgt. Sally Gilmartin – die Mutter – kontrolliert mit dem Fernglas genauestens den Waldrand und besorgt sich ein Gewehr.

Eigentlich heißt Sally Gilmartin Eva Delektroskaja*; sie war clever und führte ein aufregendes Leben. Solche Kleinigkeiten erfährt Ruth häppchenweise, so nebenbei, wie sie denkt. Das Leben ist seltsam(…) Es gibt nichts, dessen man sich wirklich sicher sein kann. (S.125)

William Boyd verlangt schon, dass sein Leser mitarbeitet. (Wofür macht man sich auch die ganze Arbeit!) Wer sich darauf einläßt, wird reichlich belohnt. Eine Geschichte um Liebe und Macht im Agentenmilieu. Akiribisch gebaut und sehr distanziert erzählt. Wunderbar.

Siehe dazu auch den Roman Einfache Gewitter vom gleichen Autor.

* Eva Dalton (wie sie damals auch hieß) war im Dienste Ihrer Majestät geheimdienstlich tätig. Siehe dazu u.a. auch den Artikel zu Jakob Maria Mierscheid in Wikipedia. Bemerkenswert.

William Boyd: Ruhelos. Roman. BTV 2011. ISBN: 978 3 8333 0536 8 11.
In ordentlichen Bibliotheken gibt es das auch.

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From → Liebe

3 Kommentare
  1. Wirklich wunderbar! Wird Zeit, dass ich mal wieder einen Boyd lese…

    Gefällt mir

  2. mickzwo permalink

    Hat dies auf Alles mit Links. rebloggt und kommentierte:

    Noch ein Boyd.

    Gefällt mir

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