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Fermats letzter Satz

25. Januar 2012

oder: Es kommt der Tag, da will die Säge sägen. *

Pierre de Fermat als Menschenfreund zu bezeichnen ist, wenn man Simon Singh folgen will, wohl nicht so angebracht. Fermat war Provinzrichter im Frankreich des 17. Jahrhunderts. Er war vernarrt in Zahlen. Nach heutigen Maßstäben würde man vielleicht sagen, dass die Mathematik seine Leidenschaft war. Von Gesellschaften hielt er sich eher fern. Briefe schrieb er ungern, und wenn, dann pflegte er seine Briefpartner mehr zu verhohnepiepeln als zu trösten oder aufzumuntern.

Pythagoras war ein griechischer Philosoph und Mathematiker. Uns allen ist er durch den Satz bekannt: a²+b²=c². Vielen ist das auf Anhieb klar, denn das ist sauber formuliert und kann auch angewandt werden. In der Schule wird dieser Satz schon ganz früh gelehrt. Man kann ihn gut gebrauchen um diese lästigen Dreiecke zu berechnen und sonst noch was.

Irgendwann nun wollte ein Mathematiker heraus finden, ob denn diese schöne, einfache Formel mit Kubikzahlen oder noch größeren Werten auch funktionierte. Also a³+b³=c³ oder höher. Schnell kam man zu der Meinung: das geht nicht. Zumindest fand man es nicht. Wenn nur diese lästige Unendlichkeit nicht wäre. Für Otto Normalverbraucher kein Ding. Man probiert eine Weile, es geht nicht, also ab in die Tonne.

Die Mathematiker sind berüchtigt dafür, es ganz genau zu nehmen und einen unumstößlichen Beweis zu verlangen, bevor sie eine Aussage als wahr anerkennen.(S.162) Um das besser zu verstehen sollte man folgende Anekdote auch noch geniessen: Ein Astronom, ein Physiker und ein Mathematiker machten einst Ferien in Schottland. Vom Zugfenster aus sahen sie inmitten einer Wiese ein schwarzes Schaf stehen. „Wie interessant“, bemerkte der Astronom, „alle schottischen Schafe sind schwarz!“ Darauf antwortete der Physiker: „Nein, nein! ‚Einige‘ schottische Schafe sind schwarz!“ Der Mathematiker rollte seine Augen flehentlich gen Himmel und verkündete dann: „In Schottland gibt es mindestens eine Wiese mit mindestens einem Schaf, ‚das mindestens auf einer Seite schwarz ist‘.“ **

Pierre de Fermat hat im 17. Jahrhundert – eher beiläufig als gezielt – irgendwo eine Bemerkung hingekritzelt, nachdem er, Fermat, herausgefunden hat, das an + bn = cn nicht funktionieren kann, wenn n > zwei ist.  Allein der Platz zum Aufschreiben des Beweises reiche ihm, Fermat, an dieser Stelle nicht aus. Dabei blieb es dann, Fermat  wandte sich anderen Dingen zu; irgendwann nahm er sein Wissen mit ins Grab. Dieser Mathematiker machte sich überhaupt keinen Kopf darum, was er möglicherweise bei anderen mit so einer Bemerkung auslöste. Pierre de Fermat war so.

Ich bin mir nach der Lektüre dieses Buches nicht so sicher ob und wie weit ich das alles durchdrungen habe. Eines weiß ich aber gewiß: Ich bin kein Mathematiker! Vielleicht habe ich verstanden, wie diese Wissenschaft funktioniert und auch warum ich niemals ein Mathematiker sein kann. Das allein wäre schon eine Menge.

Drei Jahrhunderte hat es gebraucht bis Wissenschaftler bewiesen haben, dass Fermat recht hatte! Es war eines der größten mathematischen Probleme aller Zeiten. Die Lösung dieses Problems hat im Grunde nur dazu geführt, den Blick auf neue, vielleicht noch größere Fragen zu ermöglichen.

Was es gekostet hat, dieses Problem zu lösen! Damit ist nicht das Geld gemeint, das es gebunden haben könnte. Es ist die Beharrlichkeit und eine ganze Portion an Mut, die Menschen aufgebracht haben, um am Ende doch zu scheitern.

Genies sind sicher oft auch Eigenbrötler. Obwohl man allerorten das Credo zu hören bekommt, dass Wissenschaftler sich austauschen, kommunizieren und gegenseitig befruchten. Bei den genialen Geistern hört da der Spass auf, wo der Ruhm winkt. Oder die Wahrheit. Ein leichter Hang zum Irrsinn gehört sicherlich auch dazu. Positiv kann man das auch als Selbstdisziplin bezeichnen.

Es gibt einige gute Gründe dieses Buch zu lesen, einer liegt hier: Wer wissen will, wozu Menschen in der Lage sind um der Wahrheit willen – auch im Hinblick auf die Tatsache, dass die Mehrheit der Zeitgenossen das Problem nicht versteht oder einfach indifferent ist – für den ist dieses Buch ein muss.

Was hat jetzt ein Heimatfilm aus dem Ruhrgebiet von Adolf Winkelmann mit dem ganzen zu tun? In diesem Film gibt es eine Szene, in der ein Protagonist in der Kellergarage seiner Siedlung ein Auto untersucht, Rost daran entdeckt und darüber ins sinnieren kommt, was so alles unbemerkt vom täglichen Leben passiert.
Viele Revolutionen ereignen sich, während die überwiegende Mehrheit der Menschen im Bett liegt und dabei ruhig schläft.
Faszinierend.

* aus Adolf Winkelmann: Jede Menge Kohle. Film 1981 (s. dazu auch einen Eintrag zum Film in Wikipedia.)
**S.163, in Singh, Fermats letzter Satz, erzählt nach Ian Stewards: Concepts of Modern Mathematics.

Simon Singh: Fermats letzter Satz. Die abenteuerliche Geschichte eines mathematischen Rätsels. DTV-Verlag, München, 15. Auflage 2011.
ISBN 978 3 423 19518 8
Im Handel und in ordentlichen Bibliotheken.

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From → Liebe

10 Kommentare
  1. Ich habe dieses Buch als zweites nach Simon Singhs „Big Bang“ gelesen. In „Fermats letzter Satz“, ich glaube es war seine erste Veroeffentlichung, habe ich die manische Detektivarbeit von Andrew Wiles nach der Lösung auch wie einen Krimi gelesen. Es scheint mir, als hätten die Anglo-Amerikaner uns eins weit voraus: Grandiose Publikationen im Bereich der Populaerwissenschaften.

    Liebe Grüße

    Achim

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  2. Also bei a³+b³=c³ haettest Du mich beinahe verloren, aber jetzt bin ich doch froh, dass ich zu Ende gelesen habe. Das klingt wirklich spannend und es ist faszinierend, was Menschen so an- und umtreibt. Lieben Gruss aus Greenwich, Peggy

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    • mickzwo permalink

      Dieses Buch habe ich gelesen, weil mein Sohn von der Mathematik so begeistert gesporchen hat, was meinen Respekt vor der Wissenschaft doch sehr beflügelte. „Was Menschen so an- und umtreibt“ finde ich in fast jeder Form spannend. Schön, dass Du durchgehalten hast.

      Danke für Deinen Kommentar, mick

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  3. andrea permalink

    Das kenne ich zu gut und sehe das auch jetzt bei meiner Tochter…HERZlichst ANDREA:)

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  4. mickzwo permalink

    Hat dies auf Alles mit Links. rebloggt und kommentierte:
    Nochmal:
    Menschen sind Getriebene. Den Grund zu finden ist die Herausforderung. Viele bemerken das, andere nicht.
    Es dauert oft lange bis sie herausfinden was sie antreibt.
    Manche geben sich Mühe dabei. Von Außen wirkt es unübersichtlich, geheimnisvoll. Banalität ist nicht selten.
    Es gibt welche, die finden ihr Glück. Andere zerbrechen und begreifen es nicht.

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  5. Klausbernd permalink

    Ich finde das ein tolles Buch. Mathematik wird spannungsreich wie ein Krimi präsentiert. Ich hab den Roman in einem durchgelesen, atemlos.
    Herzliche Grüße von Nordfolks Küste
    Klausbernd

    Gefällt 1 Person

    • mickzwo permalink

      Ich kenne einige Mathematiker oder Leute, die sich mit dieser Materie auseinander setzen. Ich habe lange gebraucht mich in sie hineinzufühlen. Dabei ist es so einfach. Es gibt solche und solche.
      In erster Linie hat mich dieses Buch wieder einmal gelehrt, dass Menschen oft getrieben sind. Es geht fast immer um Inhalte, da hat Geld nur eine mittelbare Funktion. Ob das Mathematiker sind oder Tischler, Schriftsteller oder Bergleute; diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Deine Atemlosigkeit beim Lesen kann ich gut nachvollziehen.

      Danke für den Kommentar und liebe Grüße!! mick.

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  1. Wer hat Angst vor Rot, Blau, Gelb? | Alles mit Links.

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