Skip to content

Stadt der Diebe

29. Januar 2012

(…) Die Zivilisation ist keine Sache, die man aufbaut und dann für immer hat. Man muss ständig an ihr bauen, sie tagtäglich wieder erschaffen. Sie verschwindet weitaus schneller, als er es jemals für möglich gehalten hätte. (S. 228)  Der Cellist von Sarajevo
Ich meinte das Buch Der Cellist von Sarajevo hinter mir gelassen zu haben.  Grausamkeit und Schrecken, staatlich angeordnet oder nicht, sind international und zeitlos. Es geht nicht darum, wer gerade wen angreift. Wer um sein Leben rennt und wer es auslöschen will.

Als Leningrad das Wartezimmer des Todes war schrieb man das Jahr 1942. (S. 35) Für die Russen war das der große vaterländische Krieg. Leningrad war eingekesselt und von der Wehrmacht belagert. In der belagerten Stadt sollten die Menschen mit Hunger und Panik zu Tieren werden. Außerhalb versuchten die Nazis das russische Volk zu versklaven oder auszumerzen wie Ungeziefer.

Solange Lew und Kolja zusammen sind, kann ihnen niemand etwas anhaben; weder in der Stadt der Diebe noch woanders. All die Grausamkeit, das Elend und die Furcht vor dem Sterben verblassen hinter ihren trotzigen Zankereien – Albernheiten auf den ersten Blick; ebenso vermeintlich sinnlos wie ihre ganze, unausweichliche Situation, schützt ihr Verhalten sie vor dem Wahnsinn.

Lew über Kolja: Einen Mann, der eine Romanfigur mit solcher Inbrunst verachtete, musste man einfach mögen, und wenn er noch so viele irritierende Eigenschaften hatte. (S. 137) Angesichts ihrer Situation solche Gedanken zu haben: das ist Kultur. Aus der Vogelperspektive gesehen ist das Irrationale der einzig mögliche Ausweg. Diese Leningrader sind damals von allen verlassen und belagert zugleich. Menschen sind Menschen sind Menschen. Dumm und genial. Gleichzeitig voll von Freude laufen sie über vom Ärger über Details. Über allem herrscht die Panik, dass die physische Existenz in jedem Augenblick gefährdet ist.

Wer ist klug in solch einer Situation? Der Realist oder der Aufschneider, Feigling oder Draufgänger? Vieles hängt vom banalen Zufall ab. Die Situation entscheidet häufig. Irrsinn oder Humanismus ist nicht die Frage. Ohne etwas Irrsinn wird Humanismus einfach nicht gehen. Einmal sagt Kolja zu Lew: „Mach dir keine Sorgen, mein Freund. Ich laß dich nicht sterben.“  Ich war siebzehn und dumm. Ich glaubte ihm. (S. 150) Lew und Kolja werden leben. So oder so. Nur das zählt am Ende.

Jung, datt Leben geht weiter hat Frieda Heidenreich, geb. Taube, oftmals zu mir gesagt. Als die Belagerung stattfand war sie eine erwachsene Frau, lebte im Westen und hatte gewiß andere Sorgen. Ich glaube nicht, dass Frieda sich über irgendwelche Russen Gedanken machte. Dazu war sie viel zu sehr mit ihrem eigenen Leben beschäftigt. Aber vielleicht hat sie etwas in der Art doch auch gemeint.

Es fällt mir schwer dieses Buch angesichts der brutalen Umstände als wunderbar zu bezeichnen. Diese Geschichte handelt von der Grausamkeit der Menschen, dem Elend, der Hoffnung, dem Glauben und von der Liebe. Es geht um die Kultur, die jemand mit allen Mitteln bis zum Ende verteidigt, weil er nur so ein Mensch bleiben kann. Ein großartige Geschichte. Verstörend und einfühlsam zugleich!

David Benioff: Die Stadt der Diebe. Heyne Verlag, München 2010.
ISBN 978 3 453 40715 2
Im Handel und ordentlichen Bibliotheken.
Siehe dazu auch den Wikipedia-Artikel zur Blockade.)

Advertisements

From → Liebe

8 Kommentare
  1. mickzwo permalink

    Hat dies auf Alles mit Links. rebloggt und kommentierte:

    Heute ist Karfreitag (dazu gibt es auch einen Wikipedia-Artikel). Und es gibt immer noch nichts Neues unter der Sonne.

    Gefällt 1 Person

  2. Vielen Dank für diesen Tipp, den ich immer wieder vergesse.

    Gefällt mir

  3. philembrelly permalink

    Du hast geschafft, was eine Rezension schaffen sollte. Durch sagen und nicht-sagen eine Neugier zu erschaffen, der man sich nicht entziehen kann. Ich werde das Buch lesen.

    Gefällt mir

Trackbacks & Pingbacks

  1. Daldossi oder das Leben des Augenblicks | Alles mit Links.
  2. Sterben | Fett/Anthrazit Blog
  3. Tante Jolesch | Alles mit Links.
  4. Schneller als der Tod | Alles mit Links.
  5. Schneller als der Tod « Alles mit links.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: