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Haben oder Sein

22. Februar 2012

Es geht immer so weiter. Aber irgendwie geht es nicht voran. Eines ist klar, die Menschen sind in Eile, denn sie sind beschäftigt. Sie brauchen jede Menge Zeit angesichts ihrer täglichen Vorhaben. Zeit, die sie eigentlich gar nicht besitzen. Mit der Klimakatastrophe verhält es sich in etwa, wie mit Bielefeld. *

Viele reden darüber, am besten so, als wäre sie gar nicht vorhanden. Das ist lustig und liegt im Trend. Dabei könnte den meisten längst klar sein, dass sie da ist. Spätestens seit der Club of Rome in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts sich dazu geäussert hat, kann das Thema auf der Tagesordnung stehen.

Schöner ist es allerdings die Sache nicht so hoch zu hängen, solange sich damit noch Geld verdienen lässt. Geld verdienen lässt sich bekanntlich ja immer irgendwie. Ein, zwei Grad mehr im Jahresdurchschnitt, was ist das schon? Ausserdem friert man doch im Winter. Also, alles wie gehabt.

Die Zeit zu ignorieren ist eine Sache, sich ihr zu unterwerfen ist eine andere. (S.159)
Erich Fromm war Vielschreiber. Dabei war er einer, der es verstand, seine Ansichten klar darzulegen. So etwas ist selten. Unter anderem beschreibt er eine Bürokratie, die nach dem Prinzip des Habens arbeitet. Da wird man schon sehr an die Vogonen** erinnert.(S.226) Sachverhalte werden beschrieben, als wäre es jetzt.

Die Prognosen liegen dabei kaum falsch. Das klingt wie Heute! Quasi das Ganze von oben besehen. Aber es ist Gestern. Merkwürdig daran ist: offensichtlich hat sich von den Gedanken dieses Mannes wohl kaum etwas festgesetzt in den Köpfen der Menschen. Es ist eher alles noch schlimmer geworden als dieser Erich Fromm es damals festgehalten hatte. Nichts begriffen.

Was in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts schon dringend war und nur von einigen Spinnerten vorgetragen wurde, muß heute immer noch erklärt und gegen Sachzwänge verteidigt werden. Wo man damals schon dachte, dass die Hütte brennt; man könnte heute glatt annehmen, der Anruf bei der Feuerwache erübrige sich schon.

Der Antagonismus von Haben oder Sein ist schon irgendwie von der Volksseele verinnerlicht worden; so sehr sogar, dass er zur Folklore wurde. Am Geld verdienen hat dieser Gedanke die Menschen nicht im geringsten gehindert.

Ohne eine Änderung unseres Lebensstils geht jedoch gar nichts. Erich Fromm glaubt, der Wandel von einer Struktur des Habens zu einer Struktur des Seins ist zwingend. Sonst sind die Probleme, vor denen die Menschheit steht, nicht mehr zu bewältigen. Man kann das alles aber auch sein lassen und in Ruhe noch eine Weile Geld machen.

Die Bürokraten könnten sich freuen, denn sie würden doch nicht so schnell arbeitslos werden. Es stellt sich dabei kaum die Frage nach taktischen Überlegungen. Wer, wann, wo anzufangen hat, ist im Grunde egal. Zu spät ist es sowieso schon. Es geht hier um den Gegensatz von Haben oder Sein.

So dachte Erich Fromm in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Und er dachte möglicherweise: Sein bedeutet gerade auch, voller Hoffnung leben und an Zukunft glauben. Eins ohne das andere geht wohl nicht.

Frisch, unkonventionell und gerade mal fünfundvierzig Jahre alt ist dieses Buch. Unglaublich lesenswert.

Erich Fromm: Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. 1976, 38. Auflage 2011. dtv ISBN: 978 3 423 34234 6
(Überall, wo es was Ordentliches zu lesen gibt.)

* Bielefeld-Verschwörung, die: War mal ein Witz, und zwar ein richtig guter. Nach anfänglichem Zögern hat man auch in Bielefeld darüber gelacht. Das ist schon lange her. (Hat eben mittlerweile einen Bart, der Witz. Der Mann vom Stadtmarketing, der noch glaubt, darin läge irgendwo Geschäftspotential lacht noch aus berufl. Gründen. –>Arme Socke, die.

** Vogonen, die:
Das Grauseligste was einem Per Anhalter durch die Galaxis, passieren konnte, war von einem Schiff mitgenommen zu werden, das von Spezies der Vogonen geführt wurde. Nicht weil sie sich als besonders blutrünstig oder grausam zeigten. Sie waren da eher mittelmäßig. Aber sie galten als loyal. Loyal gegen jeden und jedes, das ein gut ausgefülltes Formular beibringen konnte. Im Zweifelsfall haben ja immer ausgerechnet die Falschen ein gut ausgefülltes Formular dabei. (Ordentliche Zeitgenossen waren gar nicht per Anhalter unterwegs.)

Mit einer angemessenen Bearbeitungszeit wurde jedes ordentliche Formular abgearbeitet. Ohne Wenn und Aber. Freilassen oder Hinrichten, Folter oder Lob; alles regelrecht, alles korrekt, alles effizient. Es waren Befehlsempfänger deren Findigkeit allein darin bestand regelrecht zu arbeiten. Ihnen fehlte Empathie, und zwar komplett.
(weiterführende Informationen zu diesem Thema findet sich u.a. hier: Per Anhalter durch die Galaxis )

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From → Liebe, Sprache

6 Kommentare
  1. Sehr feine Besprechung! Da es leider keine Pflichtlektüre ist, sollte das Buch mindestens einmal im Jahr aus der Versenkung geholt werden…

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  2. wie du mir aus der Seele schreibst, auch wenn durch Erich Fromm inspiriert ist und er erst … es ist mit ihm, wie mit allen Weisen, das Volk hat verstopfte Ohren und die Mächtigen, Reichen und Schönen wollen nix hören … nix sehen … und schon gar nicht verstehen!

    herzlich grüsse ich dich
    Ulli

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  3. mickzwo permalink

    Hat dies auf Alles mit Links. rebloggt und kommentierte:

    – „Und sonst?“

    – „Dienstags, oder Donnerstags.“

    – „Ja, nee. Is klar.“

    (Beide kopfschüttelnd ab. Einer links, der andere rechts. Ein Passant staunt.)

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