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Goldstein

12. März 2012

Berlin 1931. Die Stadt versinkt im Chaos, wird zum Ungeheuer und bleibt dabei doch auch provinziell. Diese ganze verrückt gewordene Stadt (S.403) ist der spannendste Ort, den man sich denken kann. Berlin ist zu dieser Zeit der Nabel der Welt.

Die in diesem Bewußtsein leben werden in so kurzer Zeit die Stadt zum Anus dieser Welt verwandeln, dass einem buchstäblich Hören und Sehen vergeht. Auch das sollte für die Ewigkeit sein, wie so manches. Für die Ewigkeit dauerte das dann doch zu kurz. Tröstlich ist das aber nur im Nachhinein. Zum Zeitpunkt des Geschehens ist das eher dramatisch, weil mit Blut verbunden.

  • Ein kleiner Dieb wird von einem sadistischen Polizisten – nicht jüdisch – in den Tod getrieben. Mit dem Leser wissen erstmal nur drei von diesem Mord.
  • Ein smarter US-Gangster – jüdisch – kommt mit ungewissen Zielen in diese Stadt.
  • Ein preußischer Polizist – eher lustlos – soll dem Gangster auf die Füße treten.
  • Ein Vizepolizeipräsident – jüdisch – gibt Anweisungen im Kasernenhofton.
  • Ein Polizeiapparat verhält sich – situativ bedingt.
  • Ein Ringverein bekriegt den anderen – und umgekehrt.
  • Ein Mord auf einer Müllkippe am Rande Groß-Berlins.

Ein Gangster denkt:
Dass wir leben ist ein verdammter Zufall, aber dass wir sterben, das steht fest… (S.127) Der smarte US-Gangster musste sich zu Hause etwas dünne machen. In Berlin hat er zu tun und er spricht die deutsche Sprache perfekt. Praktisch. Nebenbei wird er mit seinen Wurzeln konfrontiert, was immer unpraktischer wird …

Wenn ich in der Schule etwas verwirrend fand, dann die goldenen zwanziger Jahre in Deutschland. Irgendwie habe ich das Gold da immer gesucht, in der Mehrheit jedoch Gewöhnliches und Dreck gefunden. Straßenkinder und andere Opfer in diesem Zusammenhang sind a:) kollateral und b:) verzweifelt. Der Geschichtsunterricht war zudem oftmals unübersichtlich.

Das Zusammenspiel der Kräfte:
Kräfte waren da und manche haben das sicher auch als Spiel betrachtet. In der Musik würde man etwa sagen Klangteppich. Manche sagen auch Kakophonie, aber die hören wohl nicht genau hin. Die Welt war längst globalisiert, aber landläufig dachte man noch nicht in solchen Kategorien.

Die es taten schwiegen besser, denn sie mussten noch schnell Geld verdienen statt unkommod zu leben. Die sich zu Wort meldeten wurden schnell unbeliebt. Sie hatten zu oft Ungemütliches zu berichten. Das mag man nicht auf Dauer.

Schon gar nicht, wenn man in der Bredouille steckt und Ergebnisse braucht. Männer und Frauen, Korruption, die Schere zwischen arm und reich, Multikulti usf. Das alles ohne Web 2.0 und ohne Smartphone. Zivilisation neunzehnhunderteinunddreissig.

Ganz wie heute sollte eine Gesellschaft ihre Hausaufgaben erledigen. Statt dessen Raffgier, Not und – oft alberne – Befindlichkeiten. So anders ist das alles gar nicht. Am Ende des Tages ist noch so viel Leben übrig, das noch gelebt werden will – oder kann. Das hängt oftmals vom Standpunkt ab. Es handelt sich um überforderte Menschen, die nicht dazu kommen, zu sich zu kommen.

Goldstein ist Krimiliteratur vom Feinsten und Gereon Raths dritter Fall. Es wird eine Zeit thematisiert, die den schrecklichen Vorboten abgibt für den absoluten Tiefpunkt deutscher Geschichte. Dabei gibt das Buch einen Blick auf Zusammenhänge frei. Das macht neugierig.

Volker Kutscher: Goldstein. KiWi Paperback 1214, 2011.
ISBN 978 3 462 04323 5
In guten Bibliotheken und im Handel.

… die Zivilisation ist keine Sache, die man aufbaut und dann für immer hat. Man muss ständig an ihr bauen, sie tagtäglich wieder erschaffen. Sie verschwindet weitaus schneller, als er es jemals für möglich gehalten hätte.
Aus: Der Cellist von Sarajevo.

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