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Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

9. April 2012

Es kommt wie es kommt hatte Allan Karlssons Mutter einmal gesagt. Und so kam es. (S.38) Man stolpert in diese Geschichte und wundert sich über gar nichts, außer vielleicht, dass man sich über gar nichts wundert. Ein Jahrhundert voller Zufälle, die doch dann eine Geschichte ergeben. Und was für eine!

Diese hundert Jahre beginnen am 2. Mai 1905. Gerade noch früh genug, um alle wichtigen Stationen des zwanzigsten Jahrhunderts zu erleben. Da wird nämlich Allan Emmanuel Karlsson geboren. Ein schwedischer Habenichts mit Eltern, die es nicht schaffen.

Sehr schwedisch ist dieses Buch. Erzählt ist es in der dritten Person, also aus der Vogelperspektive. Die Geschichte ist gleichermaßen abstrus wie realistisch. Ich hatte dabei niemals auch nur im geringsten die Idee, dieser Allan Karlsson könnte irgendein Problem nicht lösen. Ein Schelmenroman bei dem mir mehr als einmal Pipi Langstrumpf einfiel.

Der Protagonist beobachtet die große und die kleine Welt. Dabei kommt er viel herum, schließlich hatte er ja auch lange genug Zeit. Es begegnet ihm häufig Triviales: Die Leute beharrten darauf, entweder so oder so zu denken. (S.197) Daraus findet er sehr einfach und grandios Einsichten für sein Tun. Egal wo und egal wann, Konflikte beruhen eigentlich immer darauf: Du bist doof. Nein, du bist doof. Nein, du … usw. (S.212) Es gibt Situationen, da hilft nur noch ein gezielter Rausch.

Man sollte sich die Großen dieser Welt und deren Beweggründe öfter mal so vorstellen: Den ganzen Schnickschnack und das Gehabe mal beiseite schieben. Das ist es, was Allan Karlsson tat. Im Grunde ist das wirklich nichts neues, es wird nur so selten gemacht. Statt dessen braucht man Experten. Die regeln zwar nichts aber entlasten so schön. Die Dinge müssten oftmals reduziert werden auf das Wesentliche.

Statt dessen verklausuliert man sie lieber und streut sich selbst dabei Sand in die Augen. Datt Leben geht weiter, hatte Oma Frieda einmal zu mir gesagt und meinte genau das. Ändern können wir oft nichts an dem, was passiert. Da ist was dran. Aber betrachten können wir. Mit dem Erfassen der Umstände beginnt etwas neues.

Es kommt wie es kommt, sagte Allans Mutter einmal. Und so kam es. Meistens … hatte Allan irgendwann hinzu gefügt. Genau um dieses Meistens aber geht es. Dafür müssen wir kämpfen und manchmal auch arbeiten.

Das ist sicher kein Fatalismus. Wir müssen arbeiten um findig mit Umständen fertig zu werden, die wir nicht beeinflussen können. Wenn wir nicht an ihnen arbeiten wird aus dem Meistens ein Immer. Das ist mal klar. Leben ist dann nicht nur hart, es wird auch schwer. Ungerecht ist das sowieso.

… nichts währt ewig, höchstens die allgemeine menschliche Dummheit. (S.409)

Chapeau, alter Schwede.

Jonas Joansson: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand. Roman. carl’s books 2011. ISBN 978 3 570 58501 6

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From → Liebe

3 Kommentare
  1. „Wenn man einen Schweden unter den Tisch trinken will, sollte man schon Finne oder Russe sein.“

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  2. Alle, die ich kenne, waren bestenfalls mäßig von diesem Roman begeistert – ganz im Gegensatz zur Kritik. Ich fand`s eine nette, witzige Unterhaltungslektüre.
    Liebe Grüße von meinem literarischen Trip durch Irland auf den Spuren Joyce, Wilde und Beckett
    Klausbernd

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    • mickzwo permalink

      Hallo Klausbernd,

      danke, dass Du in Deinem Irland-Urlaub noch einmal meinen Artikel zu diesem Buch vorgenommen hast. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wann ein Buch als gut oder schlecht zu bezeichnen ist. Wenn mich eine Geschichte aus irgend einem Grund beeindruckt, dann schreibe ich darüber. Ich fand es auch nett und witzig, und modisch ist es natürlich auch. Es gibt sicher einige Titel, die sich mit dem vergangenen Jahrhundert auseinandersetzten. Man trägt das jetzt. Auseinandersetzen ist übrigens mein Stichwort. Ich will, dass die Menschen sich mit den Dingen auseinandersetzten. Womit sie das tun ist mir fast egal.
      Dieses Buch ist mir so über den Weg gelaufen. Also habe ich es mal gelesen. Ich kann da ziemlich ‚bewusstlos‘ sein.

      Den Murphy von Beckett habe ich auch so ‚bewusstlos‘ kennen gelernt. Das war die erste Geschichte, die ich gekauft habe, weil ich dem ersten Satz so verfallen war. Ist schon lange her. Weil ich das mit dem letzten Satz in Deinem Blog gelesen habe werde ich mir dieses Buch nochmal besorgen. Muss ich nochmal lesen.

      Liebe Grüße und eine schöne Zeit in Irland

      mickzwo

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