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Herr Lehmann

6. Mai 2012

Der deutsche Goldrausch und ich

Herr Lehmann spielt in West-Berlin im Sommer 1989. Leander Haußman beschreibt wie ein abgebrochener Student so vor sich hin lebt. Er findet sein Glück, um es wieder zu verlieren. Am Ende fällt eher beiläufig die Mauer und der Mensch fasst einen Entschluss. Die Welt dreht sich und verändert sich dabei. Kaum jemand sieht was kommen. Schließlich ist man mit Wichtigem, sprich: mit sich selbst, beschäftigt. Das ist subjektiv meistens richtig, objektiv kann das schon anders sein.

Wir sind das Volk! Eher ungläubig registriet das Volk und die, die es regieren, was da passiert und wie es passiert. Aus jeweils ganz anderen Perspektiven, versteht sich. Erst mal ist Schockstarre angesagt. Oder hektische Betriebsamkeit (was in Wirklichkeit auf dasselbe herauskommt). Irgendwer hat irgendwas in Gang gesetzt und dann passiert etwas, irgendwo. So richtig für Möglich hielt man das nicht und dann diese ganze Unordnung! Da geht man doch lieber zur Tagesordnung über.

Sicher ist sicher.

Später erst merkt man, dass sich hier essentielles vollzieht und noch lange nicht fertig ist. Das ist aber auch unübersichtlich und geht schon sehr ins Friemeln. Was aber ist die Tagesordnung? Wenn man die Normalität sucht, findet man sie nicht; hat sich wohl aufgelöst. Während dessen tun immer welche was. Ob objektiv oder subjektiv, richtig oder falsch, (un-)absichtlich verborgen oder öffentlich. Man nimmt das selten zur Kenntnis.

In dieser Zeit habe ich den Betrieb, in dem ich immer noch arbeite, mit erfunden. Möglicherweise habe ich aber auch nur das getan, was alle wollten, das ich es tue. Der ostdeutsche Staat war Pleite. Die deutsche Einheit stand wieder auf der Tagesordnung. Das wurde von allen Seiten publik gemacht, teils mit Hähme, teils mit Bestürzung.

Damals hörte ich auch sagen, dass die DDR ihre Grenzen erst mal wieder dicht machen müsste, und wir, also der Westen, denen soviel Geld rüberschicken sollten, wie wir vor Jahren zu unserem Aufbau auch bekommen haben. Nun, ich habe schon immer einen leichten Hang zum spintisieren gehabt und mich um die Finanzen eher prinzipiell gekümmert. Also, solange alles bezahlt wurde, war Geld wenig interessant. Genug gab es ja und die Bäume wuchsen in den Himmel.

Der deutsche Goldrausch handelt von der Treuhandanstalt. Diese Firma, die so einflussreich war in unserer Geschichte, sollte – so das Buch – dafür sorgen, dass die Menschen in Ostdeutschland ihr Eigentum behielten. Wie das? Alle mobilen und immobilen Werte waren ja als Volkseigentum deklariert. Die Treuhandanstalt hatte nach dem Willen ihrer Erfinder nur diesen einen Zweck: das ostdeutsche Volk in den Genuss dieser Mittel zu bringen. Dass es so war, und warum am Ende nichts von dem verwirklicht wurde, beschreibt dieses Buch, spannend wie ein Krimi.

Ich träumte zu dieser Zeit von hehren Zielen in meinem neuen Beruf. Manche träumten von Gisela, oder von Bananen, wie man Ossis bescheisst oder von Hawaii. Von irgendwas eben. Draußen passierte Geschichte und wir ließen Dinge mit uns geschehen. Drinnen hatten wir es mit Geschichten zu tun. Schließlich sollte das Leben funktionieren. Wie das immer so ist.

Genau an dieser Stelle treffen sich Herr Lehmann und Der Deutsche Goldrausch.

Ich glaube nicht, daß sie etwas gepredigt hatten, was im Widerspruch zum Evangelium stand, aber wenn das Evangelium und der Besitz an irdischen Dingen ins Spiel kommen, wird es für die Menschen schwierig, gerecht zu argumentieren.*
Politik ist in allem und in allem ist Politik. Immer.

* s. Adson von Melk in Umberto Eco: Der Name der Rose. S.73, 32. Auflage 2010.

Herr Lehmann, ein Film von Leander Haußmann nach dem Roman von Sven Regener. Mit Christian Ulmen, Deltlev Buck, Katja Danowski, u.a. DVD 105 Min. 2004
Dirk Laabs: Der deutsche Goldrausch. Die wahre Geschichte der Treuhand. Pantheon-Verlag, 2012. ISBN 978 3 570 55164 6

Alle drei im Handel und in guten Bibliotheken.

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From → Liebe

6 Kommentare
  1. mickzwo permalink

    Hat dies auf Alles mit Links. rebloggt und kommentierte:

    Immer noch.

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  2. Ein schöner Artikel zum Tag der Deutschen Einheit (früher, als es noch der 17. Juni war, mit kleinem d, heute mit großem D geschrieben, wie mir gerade bewusst geworden ist)!

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    • mickzwo permalink

      Danke, das ist ein interessantes Detail … Politik ist in allem und in allem ist Politik. Immer.

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