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Sand

3. Juni 2012

Es geht um eine Person, die sich im Stadium der Auflösung befindet. Auf den Akt der einen Zertrümmerung wird noch ein neuer drauf gesetzt. Carl – so wird man sich später auf einen Namen einigen – ist schwer verletzt, flüchtet und wird verfolgt. Er weiß nicht warum, weiß nicht, wer er ist und auch nicht, was man von ihm will. Die Zeit läuft ihm davon. Niemand glaubt ihm, eher sieht es nach Desinteresse aus.

Sonderbar, mit welchem Gleichmut wir es hinnehmen, dass da jemand verzweifelt ist. Surreal, die ganze Situation; schnell ist es klar, in welcher Aussichtslosigkeit sich dieser Mensch befindet. Statt irgendwann auf zu hören, wird es immer mehr. Jeder noch so kleine Hoffnungsschimmer zerlegt sich wie von selbst. Zerstört wäre in diesem Zusammenhang falsch, richtiger scheint mir: zerfließt.

Man entdeckt irgendwo einen Ausweg, da ist schon das nächste Unheil zur Stelle. Schnell akzeptieren wir, dass es auf den Menschen zufährt, wie die sprichwörtliche Lokomotive. Das ist Demontage, wo man eigentlich schon nichts mehr vermutet. Gott sei Dank betrifft es uns ja nicht. Der Ausgang dieser Geschichte scheint doch klar, oder? Man könnte das Buch einfach weg legen. Und doch ist da was, das fließt: Sand.

Weil alles sich wiederholt
aber nichts das selbe scheint
gehen wir voran, setzen
einen Fuß vor den anderen
und ziehen unmerklich
einen langgestreckten Kreis.
Wir stapfen durch tiefen gelben Sand,
der so fein ist, dass unsere Spuren
im Augenblick des nächsten Schrittes
zunichte werden.

Gelassen rieselt
Sandkörnchen für Sandkörnchen
an seinen angestammten Platz.
Lächerlich zu glauben
wir könnten die Ordnung des Sandes
durcheinander bringen.

Von der heimlich-kleinlichen Hoffnung
auf eine Oase
lassen wir uns antreiben.
Nicht ahnend, dass wir immer nur
Kreise schließen.

So gehen wir
bis die Dämmerung
uns einholt
und finden uns eins
mit den Sternen.
Dann empfinden wir dankbar
– beim Anblick des Mondes –
unsere Müdigkeit und vergessen
die Kälte der Nacht.
*

Oma Frieda sagte gerne: Es gibt Geschichten, die fühlen sich an, wie eine zerquetschte Fingerkuppe. Genau. Wer Spass daran hat, was so ein zermatschtes Körperteil mit einem Menschen macht – und wie die, die ihm zuschauen dabei sich verhalten – der ist mit diesem Buch sicherlich gut bedient. Es verwundert mich immer sehr, dass man so viel Hilflosigkeit ertragen kann. Gerade auch als Voyeur, der man ja als Leser erst Mal ist.

Es sind Vermutungen, die neue Rat- und Rastlosigkeiten hervorbringen. Dummheiten, Zufälle und Ignoranz leisten immer neuen Brutalitäten Vorschub;  zunehmend werden solche Vorgänge als gegeben hingenommen. Vielleicht weil sie so abseitig sind, gelten sie fast als normal. Schrecklich und fesselnd ist das. Wir müssen immer wieder hingucken. Man erkennt überhaupt keinen Plan. Null. Letztlich wird es uns ersticken: Sand.

*[mick 1989/2012]

Wolfgang Herrndorf: Sand. Roman. Rowohlt-Berlin 2011. ISBN 978 3 87134 734 4
In guten Bibliotheken und im Handel.

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From → Liebe

4 Kommentare
  1. Rätselhaftigkeit ist für mich oft die größte Herausforderung, etwas zu lesen. Auch Deine Gedanken zum Buch und zum Rieseln des Sandes machen mich eher noch neugieriger, als dass sie mich abschrecken würden…

    Gefällt mir

    • mickzwo permalink

      Da bin ich sehr gespannt wie Du es findest. Der Autor hat für dieses Buch Auszeichnungen bekommen.

      Gefällt mir

  2. mickzwo permalink

    Hat dies auf Alles mit Links. rebloggt und kommentierte:

    Ich verstehe es immer noch nicht.

    Gefällt mir

Trackbacks & Pingbacks

  1. Schneller als der Tod « Alles mit links.

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