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Letzte Nacht in Twisted River

20. Juli 2012

Was als schräge Milieustudie in einer mobilen Holzfällerstation in New Hampshire beginnt, wächst sich aus zu einer fulminanten Familiensaga. Diese Vater-Sohn-Geschichte ist langwierig. Gut. Wir gehen auf eine Zeitreise durch die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Es gibt mächtig viele Rückblenden und Einschübe. Perspektivwechsel sorgen dafür, dass die wichtigen Personen zu Wort kommen. So etwas erlebt man nur in einem Roman. Das wirkliche Leben ist nie so rund.

Die Welt ist voller Zufälle oder vermeidbare Unfälle, sagt der Koch des Öfteren. Der kleine Daniel glaubt erstmal an den Weihnachtsmann – hier in der Form eines Bären – und wächst. Der Koch ist der Vater von Daniel. Er und Ketchum sind alte Freunde und was sie verbindet ist mythisch. Es kulminiert in dem Wunsch, Daniel zu beschützen. Der versucht sein Halb- oder Unwissen über die Vergangenheit mit seiner Phantasie zu kompensieren. Schließlich wird Daniel Schriftsteller. Er war zu jung, um zu wissen, dass es in einem halbwegs anständig geplanten Roman keine Zufälle gibt. (S.186)

Das Leben ist wie ein breiter, oft ziemlich langsam daher kommender Fluss. Einige seiner Biegungen stellen sich erst im Nachhinein heraus. Manchmal werden sie fast gar nicht wahr genommen, sind aber da.

In diese gleichgültige Welt ungestellter oder unbeantworteter Fragen – die nicht nur Asiatinnen betrafen, sondern auch einige langjährige Geheimnisse zwischen dem Koch und seinem Schriftstellersohn – brach ein blauer Mustang ein und machte ihnen allen (wenn auch nur vorübergehend) die unvorhersehbare Natur der Dinge deutlich. (S.382) Jeder erzählt nur die halbe Wahrheit. Oder ein Viertel oder so.

Auf jeden Fall ist es in der Regel ’seine‘ Wahrheit; sie kann sich von der Wahrnehmung der Anderen sehr unterscheiden. Seltener treffen sie sich. Als Danny eine verkrüppelte Kiefer sieht, die dem Winter trotzt, zeigt er sie Ketchum. Der Baum ist praktisch Cookies Ebenbild, aber er hält’s aus, Danny – genau wie dein Dad. Cookie hält’s aus. (S.531)

Am Ende, als der Schriftsteller vollkommen auf sich gestellt ist und im Grunde nichts mehr kommen kann, findet er heraus: Wir können uns nicht immer aussuchen, wie wir einander kennenlernen. Manchmal stürzen Menschen unvermittelt in unser Leben – als fielen sie aus dem Firmament oder als gäbe es einen Direktflug zwischen Himmel und Erde -,genauso abrupt, wie wir Menschen verlieren, von denen wir einmal dachten, sie würden immer Teil unseres Lebens bleiben. (S.727)

Nicht mehr und nicht weniger beschreibt dieses Buch. Es handelt von Liebe und Respekt, von Verantwortung und Versprechen. Versprechen die man im Grunde nicht halten kann, und trotz allem daran festhält. Man hat Gründe. Und immer wieder geht es um Liebe, oder?
Happiness ist a warm gun. (The Beatles)

John Irving: Letzte Nacht in Twisted River. Roman, 2010. Diogenes TB.
ISBN 978 3 257 24099 3

Im Handel und in guten Bibliotheken.

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From → Liebe

2 Kommentare
  1. Jarg permalink

    Schöne Rezension eines wunderbaren Buches!

    Gefällt mir

    • mickzwo permalink

      Von John Irving hatte ich schon einiges gelesen und man ist leicht in der Gefahr, etwas zu erwarten. „Letzte Nacht in Twisted River ist tatsächlich wunderbar. Ich werde mir den „Vatermord und andere Familienvergnügen“ vormerken und lesen, wenn ich Zeit für ein neues Abenteuer habe. Jetzt muß ich wohl noch einmal die CDs von Amy Winehouse betrachten. (Auch um Abstand zu gewinnen.)

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