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Ein Morgen wie jeder andere

30. September 2012

Die einen muß man ermutigen, die anderen muß man hindern.*

Es handelt sich hier um die Geschichte von Bélouard, einem Tierarzt in der Provinz. „(…) er war nicht wirklich in ihr gefangen, nichts zwang ihn, darin zu verweilen, er hatte nur ein paar Gründe, da zu sein, keinen einzigen aus ihr aus zu brechen.“ Die einzig wahre Frage, dachte er, lautet im Grunde: Wird auch der Rest der Zeit, die mir bleibt, derart sterbenslangweilig sein? (S. 17)

Typisch. Ich hätte dieses Buch fast nicht gelesen, sah aus wie Krimigraubrot. Ein Mann findet eine hilflose Frau, nimmt sie auf und versorgt sie. Später wird er feststellen, dass noch ein monströses Verbrechen in dieser beschaulichen Gegend passiert ist.

Dabei verstrickt er sich immer mehr in diese hilflose, schweigende Frau. Sie ist abweisend, manchmal hart und still bis zur Teilnahmslosigkeit. Aber sie fasziniert ihn und außerdem hat er doch sowieso nichts besseres vor. Mit der Zeit begreift er, dass irgendwas schief ist an dem Bild.

Bélouard fühlt sich elend und krank, kann sich nicht konzentrieren. Er müßte dem Ganzen ein Ende machen. Bélouard kann es nicht, gewinnt aber die Einsicht, dass alle Probleme haben und fast alle Lösungen für die Probleme der anderen. Man wird sich einigen. Dabei weinte er. Das Wort ‚Morgengrauen‘ bekommt hier eine ganz neue Bedeutung.**

Als ob man ein Vergrößerungsglas in der Hand hat, erhält man die Möglichkeit, wie in dem sprichwörtlichen Ameisenstaat, die Regungen und Bewegungen einzelner Individuen zu beobachten. Klasse! Möglicherweise wird man irgendwie erschöpft sein von dem Anblick, aber das Abwenden fällt so schwer.

Der Mensch sucht ja immer Aufschluß, warum etwas so ist. – Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass ich je wieder diese Stadt besuchen werde. Trotzdem versuche ich ihre Geographie zu verstehen, Nachts. Mich dort zurecht zu finden, ist nicht sehr sinnvoll. Es lohnt nicht, die herausgefundenen Wege zu behalten; trotzdem versuche ich es. – Die Suche nach Bedeutung treibt mich an. Bei Ameisen und in Städten genauso wie in menschlichen Beziehungen. Klüger wird man dadurch selten und glücklich? Na ja, es läßt einen eben nicht los.

Ob das nun ein Krimi ist oder nicht ist mir vollkommen wurscht. Es ist eine tolle Geschichte, wunderbar erzählt.

* Sancho Pansa zu einer Dame, in Don Quichote und der Löwe.
** Vergl. Kap. 24

Christian Pernath: Ein Morgen wie jeder andere. Kriminalroman. dtv, München 2009. ISBN 978 3 423 24719 1

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From → Liebe

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