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Der Busant

15. Dezember 2012

Es gibt Leute, die die Art haben einem ins Leben zu treten …(S.68) Dieses Zitat ist (wie jedes Zitat) naturgemäß aus dem Zusammenhang gerissen. Gleiches gilt für Geschichten. Die Wirklichkeit ist zu komplex, als dass sie insgesamt betrachtet werden könnte.

Einige Mitwirkende in diesem Buch: Solothurn, der Ueli, die Polizisten und der Busant*, früher einmal wild – jetzt wohl erfolgreich. Ferner ein Versicherungsvertreter auf Reisen, eine Robinsonade mit letalem Ausgang oder ein hilflos neidischer Kellner, der am Ende gar keiner ist. Auch ein Nashorn oder der Lehrling von Prey, der Autor sowie der Leser selbst … Kurz, die universelle Provinz in acht Variationen.

Die schöne Magelone wohnt in Solothurn und ist zweifellos in die Jahre gekommen. Saufend und vom Leben enttäuscht ist sie, und doch so schön. In den Köpfen bleibt sie schön. Sie wird von allen respektiert. Überhaupt wird von allen alles respektiert. Respektiert im Sinne von, es ist so. Man hat da nichts zu ändern, allenfalls hat man damit irgendwie umzugehen. Solothurn ist schön, fast schon putzig. Und die Polizei achtet darauf, dass es so bleibt. Auch wenn es ihr etwas mulmig dabei ist.

Wird schon.

An manchen Stellen scheint der Leser an der Konstruktion der Geschichte teil zu haben. Ich habe ihn (d.i. Viktor – eher der Versagertyp, Anm.d.Verf.) mit Müller in ein Raucherabteil gesetzt.(S.52) Wobei die Sympathien wohl klar verteilt sind: Ganz nebenbei, wir mögen Müller nicht: zu spät.(S.49) Immer wieder gibt es diese Perspektivwechsel.

In Robinson wird vielleicht geschildert, wie man im Alltag ganz langsam verrückt wird. Von der Umwelt sachlich registriert, als sei es das normalste der Welt. Warten in Baden-Baden handelt etwa von der Machtlosigkeit. Es schildert die ohnmächtige Wut des kleinen Neidischen, der sich ewig zu kurz gekommen fühlt und alles besser weiß.

Niemand will so etwas wirklich aber jeder kennt es irgendwie. Dieses Buch handelt von Liebe, Treue und dem falschen Respekt vor dem Gewordenen. Es gibt Geschichten, die einer in die Wiege gelegt bekommt. Manche dieser Geschichten hören niemals auf – gerade auch, wenn man glaubt, sie nicht zu erleben. Alles hängt mit Zeitpunkten zusammen, also auch Biographien. Geschichten werden gebaut um Erzählungen, die längst da sind.

So entstehen neue Geschichten durch die Phantasie beim Lesen oder Hören. Das erinnert mich stark an das Plakat der Bäckersfrau, die eine Mütze trug, die die Bäckersfrau zeigte, die eine Mütze trug, die die Bäckersfrau zeigte, die eine Mütze trug, die die Bäckersfrau zeigte, die eine Mütze trug … usf. Scheinbar gibt es Verzweigungen in den Erzählungen. Der Autor, natürlich selbst, hat die Fäden dazu in der Hand. Schon grandios.

Wieder ein – von mir – so lang unterschätztes Buch. Es wirkt auf den ersten Blick so übersichtlich, sympathisch auch. Vermutlich weil es so schmal ist. So ein Unsinn. Im Handel und hoffentlich noch in vielen guten Bibliotheken.

Peter Bichsel: Der Busant. Von Trinkern, Polizisten und der schönen Magelone. Luchterhand 1985. ISBN: 3-472-86609-8

*Busant=Wilder Mann, kommt in alten Sagen mit landestypischen Ausprägungen vor. Immer mit vergleichbarem Kern. Siehe u.a.: Ebenda S.7f oder unter http://de.wikipedia.org/wiki/Wilder_Mann .

Nachsatz:
In der Geschichte kommt irgendwo auch Dürers Nashorn vor. Tatsächlich habe ich mir oft die Frage gestellt: Was will der Dichter mir damit sagen? Dabei ist das so offensichtlich. Susanne Haun hat mich mit ihren wunderbaren Zeichnungen heute darauf gestoßen. Siehe dazu die Nashornbilder von Susanne Haun.

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From → Liebe, Sprache

10 Kommentare
  1. Danke für deinen Link auf mein Blog, mick!

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    • mickzwo permalink

      Ich habe zu danken, für die guten Bilder und die Gedanken die dadurch provoziert wurden.

      Im konkreten Falle gebührt der Dank der ‚Frau im Spiegel‘ von dem außerordentlichen Blog ‚Cool Pains‘. Die kennst Du ja. Ihr ist es aufgefallen, dass der Link aus dem Artikel zu Dir nicht funktionierte.

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  2. (Ich weiß, welche Du meinst, nichtsdestotrotz: Der Link zu Susanne funktioniert nicht…)

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  3. Haha, ja den Peter Bichsel sollte man nie unterschätzen…

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  4. Gefällt mir sogar sehr!

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  5. mickzwo permalink

    Hat dies auf Alles mit Links. rebloggt und kommentierte:

    ‚Opak‘ wird allmählich zu einem meiner Lieblingswörter.

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  6. Danke, Mick, ich freue mich, dass dich die Nashornbilder inspiriert haben.
    Einen schönen Tag wünscht dir Susanne

    Gefällt 1 Person

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  1. Island? | Alles mit Links.

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