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Schneller als der Tod

24. Dezember 2012

Man wacht nicht jeden Morgen als anderer auf. Uns fehlt nur das Vertrauen zu uns selbst.*

Schnodderig ist wohl das richtige Wort und schnodderig scheint mir angemessen. Das Buch ist sehr gelungen. Wir erfahren wie man, wohl eher zufällig denn aus Herkunft, zum Mörder für eine kriminelle Vereinigung wird. Das geht natürlich nur mit einer wirklich gut dotierenden und diskreten Firma. Des weiteren wird das Gesundheitssystem der USA dargestellt.

Etwas abgedreht wird die Schicht eines Assistenzarztes in einem Krankenhaus in Manhatten geschildert. Beides, die Mafia und das Krankenhaus, ist für aussenstehende fast unglaublich, aber sehr plausibel und kenntnisreich dargestellt. Der Wettbewerb lautet: wer ist tödlicher, die Mafia oder das Gesundheitssystem? So geht es weiter, bis man sich in einer sehr brutal-skurrilen Situation wieder findet.

Für mich war es ein ziemliches Risiko dieses Buch zu lesen. Seit Sand und Stadt der Diebe habe ich kaum etwas gelesen, das mehr abgeklärt daher kam als dieses hier. Sicher ist dabei gar nichts.

Für mich ist es nicht lustig zu sehen, wie Leute sich über Dinge amüsieren, die einem das Lachen im Halse gefrieren lassen können. Unglaublich, es ist immer noch zu steigern. Man bekommt die Bilder lange nicht aus dem Kopf.

Der Assistenzarzt ist hin und her gerissen zwischen seinen Patienten und seiner Vergangenheit. Mir kommt der Gedanke, dass ich vielleicht dabei bin den Verstand zu verlieren.*** Und später: Nie denkt man: Der Typ ist ein Killer, er ist schlau.**** Viel harter Tobak und ich glaube, dass es so etwas gibt.

Ich weiß aber auch, das hier ist Fiktion. Beruhigen kann das nicht. Plötzlich dann der Fingerzeig auf den Leser, also mich: Wenn Sie gefühllos sein wollen, überlegen Sie wenigstens ob nicht jemand anders Ihr Gewissen sein kann.***** Ich glaube das gilt im Wortsinn – ist also überhaupt nicht schräg gemeint.

Diese Sprache ist sehr genau gesetzt. Komposition und Tempo der Geschichte ist der Handlung angemessen. Mal atemlos, mal in der Rückschau berichtend. Bestürzend komisch, dann wieder über die Schmerzgrenze hinaus genau. Die Anmerkungen zum Text ergeben schon eine Geschichte für sich.

Ich könnte es mir leicht machen. Könnte sagen, ich hatte Gründe für dieses Buch. Das stimmt aber es erklärt nicht, warum ich das Buch bis zum Schluß gelesen habe. Der Showdown ist perfekt, was danach kommt erleichtert erstmal – kurz und lakonisch.

Im Nachhinein ist das voraussehbar. (Die) Geschichte macht eben süchtig, irgendwann muss man weiterlesen. Trotzdem bleibt es dabei: wenn ich mich wirklich gruseln will, dann betrachte ich die täglichen Nachrichten.

Im Dreck wühlen und Erkenntnis finden ist oft notwendig. Als Unterhaltung ist es hier für mich verstörend und großartig zugleich. In guten Bibliotheken und im Handel.

Josh Bazell: Schneller als der Tod. Roman 2010. Fischer. ISBN: 978 3 596 18416 3

Ebenda: *(S.278) **(S.108) ***(S.143) ****(S.156) *****(S.181)

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From → Liebe, Sprache

8 Kommentare
  1. Da Sand das eine meiner beiden Lieblingsbücher letztes Jahr war, kommt dieses nun auf meine Leseliste! Bin gespannt!!! Danke für den Tipp!

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  2. Ich hab’s geliebt. Danke für die Erinnerung – die kam rechtzeitig zur akuten Frage „Welches Buch verschenk ich diesmal?“ Der Showdown in diesem Buch hält bis heute den Highscore in Sachen „Nein! NEIN! Boah!!!“ in meinem Buchregal.

    Gefällt 1 Person

  3. mickzwo permalink

    Hat dies auf Alles mit Links. rebloggt und kommentierte:

    Vertrauen zu sich selbst, das sagt sich leicht. Man sollte schon wissen, wer man ist.

    Gefällt 1 Person

  4. Das hier will ich auch schon lange lesen. Bei Dir kommt man ja wirklich von Hölzchen auf Stöckchen..;-)

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  5. mickzwo permalink

    Mir ist leider der Kommentar von 360hcopa zu diesem Artikel verloren gegangen. Er schrieb:

    „Gelesen von Christoph Maria Herbst, war das mein erstes Hörbuch – einfach grossartig, könnte noch ne tolle Tarentinoverfilmung werden. Das Nachfolgerbuch “Einmal Hölle und zurück” weicht nur 10% Leistungspunkte vom Erstling ab.“

    Danke dafür,

    mickzwo

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