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Momentum

31. Dezember 2012

Versuch einer Annäherung.

Von allen kleinen Jungen, die man nach dem großen Sommer nach ihrer liebsten Ferienbeschäftigung fragt, geben die meisten an „Fernsehen und Computer“, viele auch „Fußballspielen“. Ein einziger aber sagt: „Maulwurfshügel-Zertrampeln“. Man sieht ihn da in Gummistiefeln über die Felder kommen, über die Wiesen, in einer Mission, die ihn über den Horizont hinaus in die Erdkrümmung trägt, ein literarischer Mensch, eine Künstlerfigur. Er hinterlässt dieses eine, in sich stehende Bild, hinterlässt seinen Schatten. Kann sein, dass es sich schon um der Kindheit willen lohnt zu leben. Sollte selbst ihr Glück unfühlbar sein, kann es als Bild oder als Dämmerung später doch noch Erscheinung werden. (S.21)

Es gibt Sätze, die lese ich vergnügt sofort zweimal. So wunderlich schön sind die. Manches mal habe ich Bücher vor mir, da bin ich voller Ungeduld weiter zu kommen. Vielleicht, weil ich etwas erwarte. Hier ist es schon da. Wie einen Schatz betrachte ich diese Geschichten, will nichts überstürzen, weil fast jeder Absatz eine Geschichte für sich in mir eröffnete. Bis jetzt habe ich keine Eile verspürt. Aber dafür viele Überraschungen gefunden.

Die Ereignisse werden uns knapp. Als Gegengift erfinden wir den „Tag der unbotmäßigen Handlungen“ und sammeln die Gesichtsausdrücke. … Der Ausbreitung der Verunsicherung sehe ich gerne zu. Sie tut den meisten Gesichtern gut. (…) „Würden Sie sich bitte mal küssen?“ Sie tun es. „So, jetzt aber mal ran an den Speck!“ Sie tun es lachend wieder und wieder und aus Überzeugung. Ende des Tages. (S.30f)
Später: Und manchmal entfaltet sich morgens die Idee, einen schönen Tag zu machen, nicht, um ihn zu verschleudern, eher, um ihn zu bekleiden wie man ein Amt bekleidet. … Ein Feiertagsmorgen, Raureif auf den Autos, die Rasenfläche silbernadelsteif. (S.35)
Oder: Ich verfolge die Objekte seiner Teilnahme nicht, sondern bloß seine Teilnahme. (S.36)

Das ist bruchfeste Daseinsbejahung. (S.48) Alle Konflikte, alle Freuden die ein Mensch so haben kann, die von Ferne betrachtet oft so nebensächlich wirken, die ihn aber erst ausmachen, so zum Zerreissen wichtig und unaufschiebbar sind, sie werden hier gesammelt. Die Sprache, so schön, so abgehoben seltsam. Geheimnisvoll, vertraut. Ein französischer Serienstar (freundlich), ein Gewitter (bedrohlich) mit anschliessendem Landregen, ein See (geheimnisvoll), wie so Seen manchmal sind. Dieser Ort – der Entspannung verspricht und jugendliche Verzückung finden lässt – und ein Entschluß zur Bewegung. Eindruck verlangt eben nach Ausdruck.

Wir alle tun das so, lassen uns jedoch gern davon ablenken. Von Wichtigem. Lächerlich. Ein Weltuntergang ist hier wirklich einer und nicht eine Wirtschaftskrise, die noch ihren Namen ändert, von Jahresrückblick zu Jahresrückblick. Ein Mensch beschäftigt sich mit Elementen, lässt sie auf sich einwirken, während die Politik so tut als passiere etwas. (Es passiert in der Tat etwas, aber nicht das, was wir sehen.) Beobachtungen, die einer in Momente gegossen hat. Der ganz private Tanz auf dem eigenen Vulkan.

Kriege, Krisen und Katastrophen kommen nicht vor weil sie zu abstrakt sind, als dass sie wirklich existentiell werden könnten. Und komme keiner auf die Idee, dieser Autor sei unpolitisch. Er beobachtet Menschen, was sie erleben, wie sie auf ihn wirken, wie die Verhältnisse sind in verschiedensten Situationen. Dabei ist alles bis ins letzte komponiert. Natürlich. Was das Leben so macht und zu Momenten werden lässt. Unpolitisch ist anders. Das ist mal sicher.

Manchmal gehe ich ins Kino. Aber wenn ich eine gute Imagination habe, dann schließe ich die Augen und sehe nicht hin. (S.69) Man denkt: zu lang für einen Aphorismus, zu kurz für ein Essay. Und dann ist er da, der Essay. Kurz darauf kommt der Aphorismus. Immer aber steckt eine ganze Geschichte hinter dem Text, nicht selten wird es eine eigene. Ich bin erst am Anfang eines Buches, das noch lange mein Begleiter sein wird.

Das ist gut und es ist schön. In der Zwischenzeit lesen Sie vielleicht Jargs* Einlassungen zu diesem Buch. Noch besser ist es natürlich, Sie machten sich selbst auf die Reise zu und durch diese Geschichten. Zwischendurch das Augenschließen nicht vergessen. Zeit für eigene Momente lassen.

Ps.: Ich bin jetzt immer noch im ersten Viertel dieses Buches und schon wieder habe ich etwas gefunden. Für mich ist das gerade wichtig. Ansonsten ist das ja beliebig. Wie viele Bücher würde es füllen, wollte man alle Vorgänge im Kopf eines Menschen aus einer einzigen Stunde notieren! (S.89) Gerade ist er in Süd-Ostasien unterwegs und zwischenzeitlich macht er uns seine Notizen zugänglich zu Begegnungen mit Menschen, woanders. Nur das Atmen nicht vergessen. Willemsen vergisst das nicht. Keine Angst. Aber so einem Leser kann das schon mal passieren.

Früher hatte ich ab und an die Furcht, der Welt könnten die Wörter ausgehen. Mir sowieso. Heute habe ich nur die begründete Angst, dass ich nie so viel Zeit haben werde, auch nur eine(!) Sprache annähernd vollständig zu erlernen. Eines ist selbstverständlich: Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Aber die Möglichkeiten Erfahrungen zu machen sind schier unendlich. Dinge – kleine, scheinbar belanglose oder große, wichtige – können behilflich sein Beziehungen zu erklären.

Indem ich Dinge und Menschen in Beziehung setze, erhalte ich Aufschluß über die Verhältnisse, in denen jemand lebt. Daraus ergeben sich Geschichten; die sind immer subjektiv. Die Perspektive kann ich oft verstehen, in manchen Fällen gleicht sie der meinen sogar. Genau gleich ist sie so gut wie nie. Jeder Mensch ist ein Geschichtenfinder, wenn er nur will. Roger Willemsen kann solche Geschichten nicht nur finden, er kann sie auch erzählen. Spannend und wunderbar.

* http://jargsblog.wordpress.com/2012/11/29/momentum-roger-willemsen/#more-7936

Siehe dazu auch den Artikel zu: Roger Willemsen, Nur zur Ansicht.

Roger Willemsen: Momentum. S. Fischer Verlag 2012. ISBN: 978 3 10 092107 9

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From → Liebe, Musik, Sprache

2 Kommentare
  1. mickzwo permalink

    Ja, es sind Bilder, die uns beflügeln … 🙂

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  2. Ein Bild, das ich gerne mitnehme in den Tag… ihn zu bekleiden wie ein Amt.

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