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Größerer Versuch über den Schmutz

26. Januar 2013

Rein nennt man im wissenschaftlichen Sprachgebrauch das, was, von allen fremdartigen Zusätzen frei, nichts enthält, als was zu seinem Wesen oder Begriff gehört. (S.35)

Wir bewegen uns auf dem sprichwörtlich dünnen Eis. Jeder kennt das: Ordnung ist nur oberflächlich. Es gibt definitiv mehr Unordnung als Ordnung auf dieser Welt. Ordnung ist immer an der Oberfläche. Darunter herrscht das Chaos. Chaos ist es nur für Ordentliche. Mit Chaos bezeichnen sie das Fehlen einer einsehbaren Ordnung. Das Gewusel hat sicher auch seine Regeln. Die sind jedoch für die Ordentlichen nicht erkennbar.

So fügt sich eins zum anderen. Das Eine könnte das Andere in Frieden vertilgen, zersetzten, aufheben um wiederum vertilgt, zersetzt und aufgehoben zu werden, usf. Das Alles könnte, wie gesagt friedlich von Statten gehen, wenn nicht das ordnende Prinzip Einzug halten würde. Vielmehr versucht es Einzug zu halten.

Man stelle sich nur einen banalen Eimer, gefüllt mit Wasser vor. Diesen Eimer überläßt man nun sich selbst, also: Luft, Staub, Mikroben. Da ist Ende mit Ordnung, das geht ganz schnell. Wer jemals versucht hat, den Nachlass der Großeltern zu sortieren oder die eigenen Photos aus der Kiste von damals, der versteht was ich meine.

Reden über den Zerfall: Der Zerfall habe, soweit er sehe, drei wichtige Eigenschaften: er zerkleinere das vorher Ganze, er brauche Zeit, er sei einzig nach unten gerichtet. (S.36)

„Mama, Mama, komm schnell. Papa ist jetzt vollkommen verrückt geworden. Der will alle meine Sachen auf den Hänger schmeißen und sie zur Müllkippe bringen.“ Die so lebenskluge Mama hat der versuchten Zeichensetzung des Vaters im rechten Moment Einhalt geboten. Dies ging so selbstverständlich, das können nur wahre Mütter. Somit blies ihm, dem Vater, eine Briese mütterlichen Triumpfes voller Mitleid warm ins, nunmehr belämmerte, Gesicht.

Zwanzig Jahre später begleitete eben dieser Vater eben diesen Sohn in sein neues Domizil. Im Treppenhaus begegnete ihm, dem Vater, eine Skulptur mit einer bezeichnenden Inschrift: „Der Müll der Einen ist die Kunst der Anderen.“ Bingo. So war das dann da auch. Aber der Sohn war ja längst aus dem Gröbsten heraus. Das mulmige Gefühl behielt der Vater dann doch erst mal für sich (er gestand es der Frau erst viel später).

Ordnung gibt es, nach meiner – neuerlich gewachsenen – Überzeugung, nur in Westeuropa. Besser gesagt, bei gewissen westeuropäisch gegrägten Erwachsenen, die zu glauben bereit sind, durch eine Form von Übersichtlichkeit, das Leben ihrer Nachzucht zu ermöglichen. Ordnung ist nur vorübergehend. Sie stellt sich auch nicht von selbst ein. Jedenfalls nicht, wie wir ordentliche Verhältnissen verstehen.

Ordnung stellt sich immer als ein sehr labiles Konstrukt dar. Sie ist persönlich. Damit ist jegliche Art von Ordnung gemeint die jemals von einem menschlichem Wesen ersonnen worden ist. (Für andere Arten mag man ja nicht sprechen. Man verdächtigt sie höchstens.) Es bleibt ein oberflächliches Unterfangen, zudem ein verlogenes. Warum sonst gibt es Schubfächer und Schränke mit Türen?

Enzensbergers Größerer Versuch über den Schmutz spielt mit all den Vorurteilen die in uns mehr oder weniger schlummern. Da wird aus allen möglichen Perpektiven betrachtet und es fällt einem oft Erstaunliches auf. Dieses Buch kann man getrost öfter zur Hand nehmen.

Ich habe es jetzt mit dem Gefühl wieder gelesen, etwas ganz Vertrautes neu zu entdecken. Und ich bin froh, dass ich in diesem Vertrauten für mich neue Bilckwinkel finden konnte. Es gibt immer Titel die beschäftigen. Sie begleiten dich, gucken um die merkwürdigsten Ecken und grinsen dich dabei an – das ist durchaus auch mal schmutzig. Dieses Buch gehört für mich definitiv zu den Besten.

Christian Enzensberger: Größerer Versuch über den Schmutz. Carl Hanser Verlag. 1968 2011. ISBN 978 3 446 23 763 6

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From → Liebe, Sprache

2 Kommentare
  1. Ich habe noch eine alte, schon sehr vergilbte, zerlesene Ausgabe. Aber an der hänge ich. Ich sollte sie einmal wieder zur Hand nehmen.

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