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Wie ein Roman

28. Februar 2013

Von der Lust zu lesen

Wie geht man damit um, wenn der hoffnungsvolle Nachwuchs nicht liest. Oder, zur Ratlosigkeit der mit der Erziehung betrauten, es wieder einstellt. Zu Gunsten kulturell minderwertiger Freizeitaktivitäten? (So wird es dann oft genannt.)

Wir bemühen uns, ihm Bildung angedeihen zu lassen und dieser Mensch zeigt uns die kalte Schulter. Dem jungen Menschen läuft die Zeit davon. Er verdaddelt sie, wie wir meinen. Doch er ist im wahrsten Sinne des Wortes absolut cool dabei.

Oft habe ich ein Buch nach einiger Zeit wiederholt gelesen. Häufig kam mir das absolut neu vor, obwohl die Worte vertraut waren. Dieses Buch jedenfalls handelt von Respekt, was ja -wörtlich- soviel wie Rücksicht heißt. Es handelt von Dingen, die wir alle eigentlich ja wissen.

Weil Ignoranz oft so bequem ist, vielleicht weil sie gradlinig dem Zeitgeist entspricht und darum schnell einleuchtet, setzt sie sich in der Regel durch. Sie verkleidet sich gern mit modischem Anstrich. Sie blendet uns und im ersten Moment übertönt sie alles.

Dabei ist es so eklatant einfach: Kuh hat vergessen, das sie Kalb war. Oma Frieda hat gesprochen. Wir haben sie gern schon mal verlacht dafür. Erst spät ist uns die Klugheit dieses Satzes klar geworden. Aber es ist nicht das Reden über etwas, sondern es ist die Haltung eines Menschen, die ihn auszeichnet.

Das kann auch leise passieren. Wie ein Roman erzählt vom Sinn des Hörens, des Lesens, des Redends und des Schweigens. Die da so lebensklug agieren tun das fast immer still und unspektakulär. Aber sie tun es, und in guten Augenblicken bewirken sie etwas.

Die wenigen Erwachsenen, die mir etwas zu lesen gegeben haben, sind immer hinter den Büchen zurückgetreten und haben sich gehütet, mich danach zu fragen, was ich verstanden hatte. Mit ihnen habe ich natürlich über die von mir gelesenen Bücher gesprochen. (S.198)

Das geht dann nicht nur mit Lesen, sondern mit allen Dingen, die Auseinandersetzung und Zeit brauchen. Schwer, so etwas Kluges mit so klaren Worten darzustellen, wie es in diesem Buch geschieht. Noch schwerer ist es, so etwas zu tun. Der Versuch ist immer lohnend.

Alles was man braucht sind Respekt und viel Geduld. Es ist möglich, den richtigen Menschen zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu treffen. Sicher ist es nicht. Achten wir darauf.

Daniel Pennac: Wie ein Roman. Von der Lust zu lesen. dtv ISBN: 3 423 12412 1

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From → Liebe, Sprache

15 Kommentare
  1. Und manchmal ist es wunderbar zu sehen, wie sich Richtungen ändern, bei jungen Menschen, wie sich Hoffnungen einfach so erfüllen (zum Beispiel die Hoffnung auf die Annahme von Bildungsangeboten), nur weil der junge Mensch ohne weitere äußere Einflußnahme einen Perspektivenwechsel vorgenommen hat.

    Liebe Grüße

    Achim

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  2. Ich danke für diesen eindrücklichen Beitrag über “ Wie ein Roman“,der von Respekt spricht, der heute ein bisschen in den Hintergrund getreten ist, so scheint mir.)

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  3. Erinnern Sie mich in nächster Zeit wieder einmal an dieses Buch, dass ich es nicht vergesse, falls bis dahin ich nicht schon längst. Es scheint nicht ganz unwichtig zu sein.

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    • mickzwo permalink

      Die Vergesslichkeit ist hilfreich. Sie trennt Wichtiges von Unwichtigem.
      „A Hund is er scho“, sagt man in manchen Gegenden. Da ist was dran.

      Danke für den Kommentar, mick.

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  4. Deine leise, eindringlich ruhige Worte haben mich sofort überzeugt, Mickzwo. Das Buch steht oben auf der Liste, ich freue mich darauf. Und die Buchfeen auch! 🙂
    Liebe Grüße, Dina & co

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    • mickzwo permalink

      Deine Einschätzung freut mich. Viel Spaß mit dem Buch.
      Liebe Grüße auch an die Buchfeen und Klausbernd 🙂

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  5. Diesen zeitlosen „Verführer zum Lesen“ lege ich auch gerne allen ans Herz: http://thomasbrasch.wordpress.com/2014/01/25/lies-baby-lies/

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  6. auf die Haltung kommt es an, das ist so wahr, ebenso wie: je lauter eineR schreit, umso leerer ist das Innen, oder so
    macht neugierig das Buch bzw. deine Besprechung- danke und herzliche Grüsse

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  7. mickzwo permalink

    Irgendwo habe ich ein Sprichwort gelesen: Zwischen sagen und tun liegt oft ein Ozean. Besonders schwer sind die leisen Tugenden. Wir können es nur immer wieder versuchen. Ich glaube, dass es notwendig ist, so etwas zu versuchen. Aber das war es immer schon.

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  8. Respekt, Rücksicht oder eben Achtsamkeit… leise Tugenden angesichts des heute so lauten Zeitgeists.

    Gefällt 2 Personen

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