Skip to content

Die große Welt

8. März 2013

“Und sie alle fanden einen Moment, der es wert war, erzählt zu werden.” *

Oft kaufe ich Bücher, weil ich den Titel mag. Manchmal lese ich die erste Seite an, und wenn ich dann nicht wieder aufhören will, ist das klar. Hier hat es mir das Cover angetan. Irgendwie kam mir der Mann mit dem Balancierstab bekannt vor. Diese Geschichte habe ich eher so by-the-way gekauft. Bauchgeschichten.

Erstmal war das dann doch ziemlich sperrig zu lesen und fast hätte ich es beiseite gelegt. Die große Welt versprach das bunte Treiben in New York, und begann doch in Irland und das auch noch spießig. Weiter ging das auf dem billigsten Straßenstrich in der Bronx, elendig, dreckig und auch noch langatmig. Vom Drahtseilakrobaten keine Spur und dick war das Buch auch noch.

Schon komisch: Jeder hockt in seiner kleinen Welt und hat das tiefe Bedürfnis zu sprechen, jeder trägt an seiner eigenen Geschichte, die er an irgendeinem Punkt beginnen lässt und dann unbedingt zu Ende erzählen muss, damit sie einen logischen, abschließenden Sinn ergibt. (S.452) Uns macht es irre, wenn wir nicht wissen, wo die Reise hin gehen soll. Selten hat mich ein Buch so irritiert! Der schreibt ein Buch über die Grosse Welt und erzählt sie von der Kleinen aus.

Und das fängt natürlich auch ganz unten an. Der Drahtseilakt passiert – kaum erkennbar – weit oben; man erfährt davon erst Mal nur durchs Hören-sagen. In jedem Fall holt man sich einen steifen Nacken, wenn man was mitkriegen will. Und man will. Schließlich muss doch was passieren. Aber es passiert im Grunde nicht viel. Wir lernen Menschen und deren Situationen aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln kennen. Und das ist trivial.

Irgendwie nimmt das Triviale mehr und mehr Besitz vom Leser und schließlich will man wissen, wie die Geschichte weitergeht … Man denkt über vieles nach, was auf den ersten Blick nichts mit Drahtseilakten, Straßenstrichen oder Wohngegenden New Yorks zu tun hat. Große Kunst. Gut, dass ich so hartnäckig war!

Nachsatz: Reisen bildet, sagt man. Auf Reisen trifft man immer zuerst auf sein eigenes Ego, gleichgültig wo man landet. Das sagt man auch. Die große und die kleine Welt, beide geschehen in einem Kopf. Besser in vielen. Das gilt für New York und die Copacabana, genau so wie für Dortmund-Hoerde oder Bielefeld. Mal trifft man wen, selten ist man froh allein zu sein.

Colum McCann: Die große Welt. rororo 2011. ISBN 978 3 499 24827 4 (Im Buchhandel und in ordentlichen Bibliotheken.)

mick (2011/2013)

* Gefunden in dem wunderbaren Blog FindeSatz von maribey.

Advertisements

From → Liebe

19 Kommentare
  1. Ich freue mich, dass der kleine Satz deiner guten Buchvorstellung nun voran steht. Welch Ehre und ich mag sie, diese Verbindungen. Danke fürs Verknüpfen. 🙂

    Gefällt mir

  2. Auch ich kam an dieses Buch zufällig – aus dem Remittentenstapel gefischt – und brauchte meine Zeit, um den Drahtseilakt mitzugehen. Dann aber gerne bis zur letzten Seite. Zum Kommentar von Rambling Brother: Auch wenn die Ausprägungen (Abarten finde ich nicht so schön) des eigenen Ego immer vielfältiger werden, auch wenn man sich selbst manchmal genug ist, hat man sich des öfteren doch auch über. Was ich meine: Alleine reisen ja, aber Begegnungen und Berührungen mit Menschen sind – jedenfalls für mich – immer noch das Salz in der Suppe. Selbst die schmerzhaften.

    Gefällt mir

  3. mickzwo permalink

    Hat dies auf Alles mit Links. rebloggt und kommentierte:

    Ich lese gerade den Bel-Ami. Dabei kam mir zunehmend diese Geschichte in den Sinn …

    Gefällt mir

  4. Ich reise immer allein, aber die Abarten des Egos werden vielfältiger. Ich habe mit mir auf Reisen also genug zu tun. Und das mit dem Großen, was sich im Kleinen sammeln soll, in Bildern und Notizen, in Memorabilien und Tagträumen, ist der eigentliche Antrieb meiner Reiselust.
    Colum McCann kannte ich bisher nur vom Hörensagen. Kommt auf meine Leseliste.

    Liebe Grüße

    Achim

    Gefällt mir

    • mickzwo permalink

      Wenn ich allein reise kommt ist es in der Regel so, dass ich mir was zu tun vornehme. Oft komme ich gar nicht dazu, weil ich auf irgend einen Menschen treffe, der dann viel spannender ist. Will ich das beim nächsten Mal wiederholen, dann funktioniert das dann natürlich nicht. Ich glaube, man muß sich schon auf den Zufall verlassen. Dir wünsche ich noch viele Reisen mit interessanten Erlebnissen. Komm gut dahin, wo Du hin möchtest und finde heil wieder zurück. Wenn Du magst, berichte uns davon.

      Liebe Grüße

      mick

      Gefällt mir

  5. Eine wunderbare Besprechung, die bei mir sofort Lust auf das Buch weckt. Von Colum McCann kenne ich bisher bereits den Tänzer, den ich vor Jahren mit großer Begeisterung gelesen habe. Dieses hier wandert auf die endlos lange Wunschliste. 🙂

    Gefällt mir

    • mickzwo permalink

      Ich glaube ja, die guten Bücher suchen sich den Leser und den Zeitpunkt aus. So wird jedenfalls bei mir ein Schuh draus. Wie auch immer: Wenn Dir diese Geschichte mal über den Weg läuft, wünsche ich Dir viel Spass damit. 🙂

      Gefällt mir

  6. ich weiß gar nicht, ob ich das buch mögen würde, aber diese besprechung, die mag ich.

    Gefällt mir

  7. Wie schön, ich mag Colum McCann sehr!

    Gefällt mir

    • mickzwo permalink

      Ich kannte diesen Schriftsteller gar nicht. Aber das besagt ja nichts. Dieses Buch ist für mich sehr wichtig geworden und es freut mich, das Du ihn magst. Von Schiller stammt wohl der Satz: „Ehret ihr immer das Ganze, ich kann nur Einzelne achten, immer in Einzelnen nur hab ich das Ganze erblickt.“ Vielleicht ist es das, was mich da so festgehalten hat. Kriege ich noch raus 😉

      Gefällt mir

Trackbacks & Pingbacks

  1. Island? | Alles mit Links.
  2. 4. Teil/2: Die verlorenen Briefe – das Erleben und das Notieren Juni 2014 | Alles mit Links.
  3. Sympathie (Frisch, Tagebuch 1946-1949) | Fett/Anthrazit Blog
  4. Schnee | Alles mit Links.
  5. Sympathie (Frisch, Tagebuch 1946-1949) | Alles mit Links.
  6. Der Blockflötenspieler | Fett/Anthrazit Blog
  7. Bel-Ami | Alles mit Links.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: