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Wer hat Angst vor Rot, Blau, Gelb?

17. März 2013

Wer hat Angst vor Rot, Blau, Gelb? ist ein Buch über Kunst. Ich habe es zufällig in der Kinderbibliothek gesehen. Da musste ich es mit nehmen. Wer hier eine Besprechung über dieses Buch erwartet hat, der ist vielleicht enttäuscht. Das täte mir Leid. Dieser Text hat in der Hauptsache etwas mit diesem Buch zu tun, weil mich der Titel auf einen Gedanken brachte. Den musste ich aufschreiben.

Wenn ich so ein tolles Buch in meiner Schulzeit gehabt hätte, vermutlich hätte ich es nicht gelesen. Oder ich hätte es gehasst, weil ich es lesen sollte, um später noch einen Aufsatz darüber schreiben zu müssen. Ich habe immer mit Kunst gelebt, habe sie konsumiert, beiläufig. Mit ihr hantiert, sie wirken lassen, sie oft auch ignoriert. Dann wieder im Geheimen auf sie gelinst, wie ein Verschwörer.

Ab und an habe ich den großen Kunstsachverständigen gegeben, mehr aus Ironie und als Jux. Auch habe ich schon mal jemandem offen klar gemacht, dass der, der Bescheid weiß, mit so manchem Wasser gewaschen ist. Also das Leben kennt. Ich kannte das Leben zwar auch nicht, aber der, der war nun wirklich zu dumm. So habe ich mir die Welt zu eigen gemacht. Ich behauptete, ich versuchte und ich glaubte.

Die Arroganz der Jugend habe ich mit Lässigkeit getragen. Aufsätze über diese Dinge zu schreiben fand ich doof. Das hatte mit Handwerk zu tun. Ich wollte frei sein und ungebunden. Als einer meiner Freunde mal den Vorschlag machte die Schule zu schwänzen und dafür besser einen Tag auf der documenta in Kassel zu verbringen, war ich Feuer und Flamme.

Im Foyer begegnete mir Frederike Frei mit ihrem Bauchladen voller Gedichte. Die schrieb ihre Gedichte auf Kärtchen und verkaufte sie für eine Mark pro Stück. Videoinstallationen waren dort auch zu sehen. Vor allem aber hatte Joseph Beuys einen Raum, in dem er über Kunst dozierte. Verstehen sieht anders aus. Aber beeindruckt hat es mich.

Dort habe ich zum ersten Mal begriffen, dass ich etwas nicht verstehe. Nein, zum Lachen war das nicht. Das war mein vollkommener Ernst. Ich war alles andere als leichtfertig. Niemals habe ich es mir einfach gemacht. Schließlich glaubte ich das alles. Nur die anderen haben mich nicht verstanden. Manchmal konnten sie es auch nicht und verdienten mein Mitgefühl.

So bin ich denn voller Übermut und Arroganz durch das Leben gegangen und musste alles buchstäblich allein herausfinden. Das war vielleicht eine Arbeit. Heute glaube ich, dass sie nie jemals fertig wird. Die Arroganz habe ich hoffentlich längst abgelegt. Übermutig über Ziele hinaus schießen, das gelingt mir schon noch mal. Im Nacken begleitet mich jetzt allerdings die Möglichkeit von Irrtum. Es riecht so immer auch nach Niederlage.

Zwei, drei Jahre bevor ich mit den Freunden zur documenta fuhr, waren der Blaumann und der Schutzhelm zum Arbeiten für mich schon parat. Der Mann von der Arbeitsvermittlung teilte die Menschen ein. Die, die später Konzerte spielen würden und jene, die allenfalls einen Plattenspieler bedienen könnten. Mich und meine Fähigkeiten schlug er sorglos der zweiten Kategorie zu.

Da ich aber noch zu schwächlich zum Fernseher tragen war, fiel es ihm nicht so leicht, mir eine Stelle in dieser Branche an zu bieten. So war es für uns beide ein vertaner Morgen, wie ich fürchtete. Ich wußte damals wirklich noch nicht viel. Begriffen habe ich aber dann doch, dass die Arbeitswelt noch eine ganze Weile auf mich verzichten müsste.

So stürzte ich mich in die Liebe und die Philosophie. Oder es war umgekehrt? Egal. Es war herrlich. Wie herrlich das war bemerkte ich erst, als ich von der großen Stadt in dieses Kaff im Mittelgebirge kam. Von hundert auf null. Boah, war das schwer. Freunde weg, Liebe weg, alles weg. Alles, alles, alles.

Klar hatte ich Lehrmeister. Manchmal alte, manchmal junge. Selten waren es die, die sich dafür bereit hielten. Oft habe ich bei Meistern gelernt, die mich schon aufgegeben hatten. Andere haben es nicht einmal bemerkt, wenn ich bei ihnen in die Lehre ging. Bei der Suche nach Lehrmeistern bin ich noch heute eigen.

Wer hat Angst vor Rot, Blau, Gelb? Das war die Frage anfangs. Der kürzeste Weg zwischen A und B ist nur in der Mathematik eine gerade Linie. Da gibt es Formeln. Die können zweifelsohne eine eigene Schönheit entwickeln. Je genauer man hinsieht, desto verschachtelter wird alles. (Mythos der Effizienz: willi, anläßlich der 7. Expedition nach dem Innersten.)

Müssen muss man ja fast nichts. Aber können kann man so einiges. Dieses wunderbare Buch kann man lesen. Ich habe darin vieles an Geschichten und Geschichte wiederentdeckt. Manchmal habe ich auch ein (blaues) Wunder erlebt. Aufschlußreich und gut lesbar erklärt es das Wesentliche über Kunst. Dabei fand ich es nicht belehrend sondern unterhaltsam.

Wer hat Angst vor Rot, Blau, Gelb? Die moderne Kunst erklärt von Susanna Partsch. C.H.Beck-Verlag, München 2012. ISBN: 978 3 406 62371 4

In guten Bibliotheken und im Handel.

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From → Liebe, Sprache

8 Kommentare
  1. Graugans permalink

    Manchmal bin ich einfach nur baff…wortlos…sprachlos…jetzt auch…angesichts Deiner waaaaahnsinnigen Schreibkunst…Du schreibst über Bücher und doch schreibst du eigene Geschichten und ich bin längst süchtig nach Deinen worten!
    Und das Buch werd ich mir SOFORT kaufen. Danke Mick

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    • mickzwo permalink

      Wie gut dass ich damals noch zu schwächlich zum Fernseher tragen war. Ich wünsche Dir viel Spaß mit dem Buch. Ich finde es wirklich wunderbar. Ich danke für Deinen freundlichen Kommentar.
      Viele Grüße, mick.

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  2. Hat dies auf Meine Bibliothek ist toll! rebloggt und kommentierte:
    Niemand braucht hier Angst zu haben. Das ist ja das Schöne!

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  3. Das ist das Schöne an Deinen vermeintlichen Rezensionen: Am Horizont zieht immer diese Karawane auf, die weit über den Rand des Buchdeckels hinaus wandert…

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