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Das mohnrote Meer

12. April 2013

Man hat sich einen Abenteuerroman mit geschichtlichem Hintergrund gewählt. Zum Schmökern. Plötzlich findet man sich in einem Meer aus Worten wieder und hat darin zu schwimmen. Um nicht unter zu gehen, paddelt man wie wild. Von Mal zu Mal geht es besser. Man ist wohl ins 19. Jahrhundert geraten, Ostindien.

Wir segeln von Afrika her. Mit merkwürdiger Besatzung sind wir auf einem ehemaligen Sklavensegler gelandet. Es geht zum Gewusel des Ganges bei Kalkutta – direkt in die Geschäfte. Diti ist eine der Hauptpersonen. Sie ist mit einem der Singh-Sippe unglücklich verheiratet. Der stirbt und sie entkommt in letzter Minute dem Schicksal einer indischen Witwe. Doch Schmökern?

Es sind viele Mosaiksteine die hier sorgsam zu einem Bild gesetzt werden: Diti, die Singh-Sippe und Kalua, Jodu, Pauline, Zachary und die Laskaren. Der Gumashta und der Raja von Raskhali, genannt Nil. Sie alle werden mit den Kontraktarbeitern, den Girmitiyas, auf einem Schiff, der Ibis landen. Diese Kulis sind ausersehen den Nutzwert der Kolonien zu mehren.

Ben Burnham, der Eigner der Ibis, ist englischer Kaufmann. Er steht als Platzhalter für England und wie es die Macht in Indien und sonstwo übernommen hat. Im fernen London werden die Regeln gemacht, während die indische Oberschicht, noch machtverliebt, allmählich an Bedeutung verliert.

Jodu will Laskare werden, um endlich seinem Elend zu entfliehen. Zuerst muß er jedoch seine Mutter beerdigen. Das ist er ihr schuldig. Genau dieser zeitliche Unterschied ist es, den die Pfeffersäcke ausnutzen. In dieser Zeitspanne werden Fakten geschaffen. Immer und überall. Vielleicht trennt das Habenichtse von Erfolgreichen. Heute sagt man wohl: der frühe Vogel frisst den Wurm. (S.82f)

Für mich ist die Szene, in der Babu Nob Kissin Pander – der Gumashta – an Deck steht, besonders wichtig. Er genießt die frische Brise, denn er schlägt sich mit seinem Verdauungstrakt herum. Eher beiläufig beobachtet der Gumastha wie Nil und sein Gefährte auf dem Deck misshandelt werden. Er erkennt ihn als den Raja von Raskhali und weiss, dass er ihn letztlich in diese Situation gebracht hat. Er macht sich so seine Gedanken. Zum Ende der Vorstellung wird der Gumastha schleunigst zur Latrine eilen, um für sich Schlimmeres zu verhüten. (S.472-475)

Jeder kann es sehen, wie einer sein Mütchen kühlen muss, indem er andere viehisch drangsaliert. Das Schiff wird zum Spiegel einer Gesellschaft. Jeder kann Ungerechtigkeiten wahrnehmen. Fast alle profitieren davon, wenn weg gesehen wird. Es brodelt zwar, aber die Konventionen sind zu stark. Zum Glück gibt es ja die Sündenböcke. Es spielt kaum eine Rolle, wo auf der gesellschaftlichen Leiter man steht. So lange es einen nicht betrifft ist es besser So (zu) tun, als ob’s ihn nicht gibt. (S.472) Am Ende geht man auf die Latrine, um sich zu entleeren. Sch….. .

So ein Schiff kann die Kastenzugehörigkeit vielleicht verwischen. Die Kultur der Menschen ist jedoch stärker und der Mohnsame bleibt der Planet, der ihr Schicksal bestimmt. (S.550) Er steht für Wohlstand und Profit. Sehen sie, das ist der Charme der Kolonien. (S.101) Es geht immer um Profit. Das ist im 19. Jahrhundert so, wie zu allen Zeiten. Auswanderer, billige Arbeiter und Kulis. Letztlich arbeiten alle für’s Empire bzw. für den, der gerade das Sagen hat.

In der Geschichte befinden wir uns aber im Delta des Ganges, im 19. Jahrhundert. Es ist eine manierierte Gesellschaft, in die man da hinein geraten ist. Voller Tabus und Fettnäpfchen, die ein Insider kaum versteht oder gar auswendig kann. Man muß sie erspüren. Fühlen wo die Grenzen sind, die man verletzen könnte und wendig genug sein, auf Verletzungen sofort zu reagieren. Nur so kann man überleben.

Die neuen Herren benehmen sich kaum anderes als die alten. Sie folgen genau solchen Regeln und sind in ihrem System geschickt und wendig. Wer es blickt glaubt zwar oft nicht daran, ist aber trotzdem darin gefangen. Das alles funktioniert nach wie vor, weil jeder das Ziel hat, wie die Made im Speck zu leben.

Da reicht schon die Aussicht, und sei es nur im Traum. Die Probleme der anderen haben Probleme der anderen zu bleiben. Es gibt nichts neues unter der Sonne, heisst es im alten Testament, oder wie Sheriff Gillespie in dem Film In der Hitze der Nacht zu Virgil Tibbs sagte: Mann, sie sind ja genauso wie wir…

Diese Geschichte ist klug gebaut und sehr ausführlich. Dabei wird nichts erzählt, was zuviel wäre. Sie beschreibt ein Indien, als die Welt noch aus Sahibs und Eingebornen bestand. Immer auch aus deren Blickwinkeln. Opulent ist sie, aber nicht verschnörkelt. Wer mit dem Finger auf die Menschen damals zeigt sollte immer bedenken, dass die restlichen Finger der Hand in eine andere Richtung weisen.

In guten (öffentlichen) Bibliotheken und im Handel.

Amitav Ghosh: Das mohnrote Meer. Roman 2008. Karl Blessing Verlag. ISBN: 978 3 89667 359 6

Nachsatz:
Klar muss man immer auch schmökern und die Zeit vergessen. Wie sonst sollte man Neues entdecken. Das Große und das Ganze holt Dich ja doch wieder ein. Es ist nicht vergesslich. Wenn der kürzeste Weg zwischen A und B wirklich eine gerade Linie wäre, wozu dann der ganze Aufwand in der Mathematik?

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From → Liebe, Sprache

5 Kommentare
  1. dein ’nachsatz‘ ist gold wert!

    Gefällt 1 Person

  2. Klausbernd permalink

    Lieber Klausbernd,

    irgendwie kriege ich es nicht hin Deinen letzen Kommentar zu dem Artikel zu beantworten. Ich kann immer nur einen neuen Kommentar eröffnen. Ich habe wohl ein Häkchen falsch gesetzt und finde es auf die Schnelle nicht. Ich weiß also nicht, ob Dich das erreicht. Dann also so:
    ____________

    Das Meer von Bengalen wird in dem Buch von den Einwohnern dort auch “schwarzes Wasser” genannt. Sie haben wohl Angst davor es zu überqueren. Würden es lieber meiden. Ich habe bislang das Meer immer gemocht. Es hat soviele Eigenschaften. Keine davon ist für mich wirklich bedrohlich.

    Möglicherweise liegt es ja daran, dass ich eigentlich nur zu Besuch am Meer bin. Rot war es für mich jedenfalls noch nie. Wenn Du Deine Lieblingsfarbe nicht geändert hast, dann haben wir den gleichen Geschmack, was Farben angeht. Von meinem Arbeitsplatz kann ich ein Bild mit einem warmen Sonnengelb betrachten. Das macht mir sehr viel Freude.

    In unserer Bibliothek haben wir zur Zeit acht Bücher von Klausbernd Vollmar vorrätig. Drei zu den Farben und fünf zu den Träumen. Ich werde wohl mit den Farben beginnen. Gespannt bin ich auch auf die Fortsetzung des Artikels über die Träume. Leonard Cohen beeindruckt mich heute noch. Ich kann zwar seine Affinität zu Schwarz nicht teilen, die Träume, die der hatte, haben mich schon sehr beschäftigt.

    Als Leser bin ich überzeugter Dilettant, es hat ja etwas mit Freude zu tun. Darum lese ich quer Beet. Für Dich habe ich eine Ausnahme gemacht. Weil Deine Buchfeen über Dein Leseabenteuer “Die Rückkehr der Jungfrau Maria” berichteten, habe ich mir das Buch gekauft und gelesen. Das lasse ich jetzt erst mal sacken.

    Nachsatz: Den Artikel “Fast beträchtliches Erlebnis” ( http://ernstzwo.wordpress.com/2013/04/14/fast-betrachtliches-erlebnis/ ) habe ich nochmal für Dich hervorgeholt und ergänzt. Wahrscheinlich hat sich das schon erledigt. Mir war es wichtig. De nada.

    Ein schönes Wochenende und genieße das Meer mit den Deinen.

    mick

    ANTWORT:
    Lieber Mick,
    habe herzlichen Dank für deine ausführliche E-Mail. Ich lebe am offenen Meer. Zwischen dem Strand hier und dem arktischen Eisschelf liegt eine offene Wasserfläche. Dennoch finde ich das Meer selten bedrohlich, aber manchmal richtig wild. Wildes Meer ist für mich prickelnd wie Champagner. Ich fahre, falls die Tide es zulässt, täglich mit Circe meinem Bötchen heraus und weiß auch um die Gefahren, aber das Erlebnis von Licht, Luft und Wellen löst alle Angst in mir auf. Übrigens rot habe ich auch noch nie das Meer gesehen.
    Ja, über Axel Jensen, Cohen und Marianne werde ich in einem der nächsten Blogs schreiben. Ich arbeite dran. Übrigens sowohl Axel Jensen als Leonard Cohen haben in Dinas Heimatstadt, nämlich Fredrikstad/Norwegen auch Heimatstadt Amundsens, gelebt.
    Liebe Grüße von
    Dina, unseren Buchfeen Siri und Selma und mir, Klausbernd 🙂
    Schönes Wochenende!

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  3. Klausbernd permalink

    Wenn ich mich recht erinnere hat schon Homer das Meer als rot beschrieben, was einige mit der Farbwahrnehmung in der Frühklassik erklären.
    Schiffe waren schon immer eine Metapher für die Gesellschaftsverhältnisse, allerdings auch für die Hoffnung auf Freiheit.
    Liebe Grüße vom heute stürmischen Meer
    Klausbernd

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    • mickzwo permalink

      Dieser Herr Ghosh ist sicherlich sehr gebildet. Im guten Sinne. Es ist anzunehmen, das er die Antike und auch Homer kennt. Mit der Farbwahrnehmung der Frühklassik habe ich mich noch nicht auseinandergesetzt. Bestimmt ist es auch ein lohnendes Thema. Bei dem mohnroten Meer habe ich erstmal stumpf an die Farbe der Felder gedacht und was das alles ökonomisch und sozial für so eine Gesellschaft als Ganzes und den Einzelnen konkret bedeutete. Das tolle an der Geschichte finde ich, das sie durchaus übertragbar auf andere Situationen ist, aber eigentlich selten den Zeigefinger hebt. Das kann der Leser schon selbst für sich besorgen. Das Schiff ist ein zentraler Punkt in der Erzählung und als solches natürlich eine Metapher; das ganze Buch strotzt nur so vor Metaphern. Diese Bilder sind aber bei Leibe nicht erfunden. Sie gab es zu allen Zeiten. Dass das Meer hier als mohnrot bezeichnet wird, tägt nicht zu meiner Beruhigung bei.

      Manchmal beneide ich Dich um Dein Meer.
      Liebe Grüße
      mick

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      • Klausbernd permalink

        Lieber Mick,
        es gibt einen anthroposophisch ausgerichteten Forscher, der über die Entwicklung der Farbwahrnehmung ein kluges Buch geschrieben hat. Ich kann blöderweise das Buch gerade nicht in meiner Bibliothek finden. Ich zitiere es mehrmals in meinen Farbbüchern.
        Well, „mein“ Meer vor der Haustüre ist nie mohnrot, obwohl es hier riesige Mohnfelder gibt – knallrot. Aber das Meer bleibt sich treu, blau eben, manchmal grün oder grau.
        Ein feines Wochenende wünsche ich dir
        Klausbernd

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