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So was von da

4. Mai 2013

„Zum Abschied habe ich noch drei gut gemeinte Worte für euch:
Werdet. Er. Wachsen.“
Ich: „Was meint er?“
Pablo: „Keine Ahnung.“
*

Chaos ist angesagt. Nicht so ein normales Durcheinander. Da will eine Welt unter gehen, mit Pauken und Trompeten. Trotzdem ist es aus der Ferne betrachtet nur ein Strum im Wasserglas. Für die Helden der Geschichte ist diese Schlußfolgerung naturgemäß falsch. Sie haben die Probleme ja jetzt. Plötzlich werden dir Sätze um die Ohren gehauen – besser – vor Augen geführt, die sind bestürzend wahr, echt und so erstaunlich.

Über allem schwebt eine Melange aus Steve McQueen und Marc Aurel. Es geht um … Oskar Wrobel, 23. Er hat’s versucht.** Sein Club in Hamburg ist zwar angesagt, muß aber schließen. Aus Gründen. Zum Abschluß muß noch eine Party steigen. Es ist Sylvester, Schulden drücken den Oskar, Selbstzweifel, eine Jugendliebe, seine Freunde und zu allem Überfluß erpresst ihn jetzt noch der Schneider vom Kiez.

Meine Probleme in geordneter Reihenfolge: Ich, Mathilda, der Schneider, Überschuldung, Existenzangst, und sechstausend andere Dinge, die mir gerade nicht einfallen.*** Ob er das Ende des Tages erlebt und wo, das ist noch nicht klar. Der Club wird baden gehen mitsamt allen, die dieses Fest begehen wollen. Die Menschen sind böse, die Welt ist kalt, und man fragt sich, wo das alles noch hinführen soll.****

Da lebt einer am Abgrund. Schnell wird klar, dass er immer noch einen Schritt weiter geht. Es ist eigentlich nicht zum Aushalten. Wir verstehen es, weil wir uns manchmal auch in solchen Umständen wähnen. Bei Licht besehen kommen wir kaum wirklich in so eine Situation, glauben es aber immer. Real ist das alles nicht, entwickelt sich aber in einer irren Geschwindigkeit. So entlastet es möglicherweise, und läßt uns lachen.

Plötzlich wird diese Angelegenheit jedoch ganz seriös. Wir erfahren auf etwa zwanzig Seiten die Ballade von Oskar und Mathilda. Eine Liebesgeschichte, vom Feinsten. Unglücklich. Sage ich doch: vom Feinsten. Doch dafür hat Oskar ja gar keine Zeit. Hat eine Party zu organisieren, Geldhaie, sich selbst und auch noch seine Freunde im Nacken. Probleme. Doch man will sich ja Morgen auch noch im Spiegel ansehen können. Es wird zwar kein Morgen geben, aber was soll’s. Weiter. Immer weiter.

Natürlich wird die Party ein Erfolg. Furios und unglaublich, wie die ganze Geschichte. Auf dem Umschlag dieses Buches liest man einen Spruch von Heinz Strunk: „So müßte jede Party sein, ich wäre dabei.“ Genau. Nur nicht als Macher. Eben. Herrlich!

Zum Ende der durchzechten Nacht liest man Oskar sagen: Man fragt sich doch, wofür man lebt, wenn man immer alles vergisst.***** Die Antwort auf so eine Frage muß sich doch jeder selbst geben. Oskar, jedenfalls, hat sie. Hatte sie eigentlich immer. War nur zwischengelagert. Irgendwo geparkt und den Platz vorübergehend vergessen.

Für mich war es Lesevergnügen pur. André Heller sang: Nichts bleibt schön, als das Erfundene. Ich erwähnte es bereits.

Timo Hanekamp: So was von da. Roman, 2012. KiWi Paperback
ISBN 978 3 462 04441 6
In ordentlichen Bibliotheken und im Handel.

* S.257; ** S.10; *** S.72; **** S.25; ***** S.284
A. Heller: Platte, 1970. Hier: Nichts bleibt schön, als das Erfundene.

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From → Liebe, Musik, Sprache

11 Kommentare
  1. Aaaaaach, das hab ich so geliebt, also lieb´s ja noch.

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  2. mickzwo permalink

    Hat dies auf Fett/Anthrazit Blog rebloggt und kommentierte:

    Vielleicht so.

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  3. Schau schau, wo ich wieder über Dich stolpere 🙂 Der Lesetipp klingt lesenswert – muss heute sowieso noch in die Buchhandlung, da schau ich mal in die gedruckten Seiten.

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  4. Hat dies auf Analog-Lesen rebloggt und kommentierte:
    Eine richtig gute Besprechung zu einem richtig guten Buch. Von allesmitlinks.wordpress.com

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  5. Genau so!

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  6. Danke für den Lesetipp!

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  7. mickzwo permalink

    Ich kannte den Autor vorher auch nicht. Das war wieder so ein Zufallsfund. Ich wollte das Buch erst gar nicht lesen 🙂 Das habe ich einfach nur mitgenommen mit dem Vorsatz „Lesefutter“ für andere zu besorgen. Die haben es schnöde verschmäht. Und plötzlich hatte ich selbst nichts. Wie das manchmal so ist. Es entpuppte sich als Text für mick, willi und sogar für ernst. Wunderbar.

    Liebe Grüße an Dich und die Deinen, im kleinen Dorf am großen Meer.

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  8. Klausbernd permalink

    Eh, das ist ja ein toller Text, macht an. Ich hatte nie zuvor von Timo Hanekamp gehört, scheint `ne echte Bildungslücke zu sein. Danke für den Hinweis.
    Liebe Grüße vom kleinen Dorf am großen Meer
    Klausbernd und seine Buchfeen Siri und Selma

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