Skip to content

Das Müll-System

26. Mai 2013

Wo bin ich hier eigentlich gelandet? fragte der Dozent einmal ziemlich entrüstet. R.F. war unser Dozent in einem Seminar an der Uni die damals noch eine Gesamthochschule war. Auf dem Müllhaufen! wäre die korrekte Antwort gewesen. Das weiß ich jetzt. Statt dessen erkannte ein Kommilitone Karl-Hermann Flach in einem Doku-Video und machte so die Scharte wieder etwas wett.

Hier, hätte auch gereicht. Das geht lässig von den Lippen und ist durchaus allgemeinverständlich. Als lakonische Antwort auf so eine Eitelkeit wäre das auch angebracht gewesen. Erbschaft dieser Zeit * war wohl das große Thema dieser Veranstaltungsreihe, von der wir mit Sicherheit nur einen Bruchteil verstanden haben.

Verstanden haben wir aber, dass Geschichte nicht als Zahlenwerk funktioniert. Zahlen sind auch wichtig, aber eben nur auch. Um Geschichte zu verstehen, muss man viele Geschichten kennen, danach können Zahlen durchaus Orientierung geben. Wenn wir uns das damals schon angeeignet hätten, brauchten wir R.F. nicht zu behelligen.

Wir wollten aber wissen wie es geht. Das ist ja schon mal was; etwas ist an unserer Neugier ja hängen geblieben. Daran konnte unser Duckmäusertum und auch seine elitäre Haltung nichts ändern.

Es ist schon möglich, dass der Dozent uns einschüchtern wollte. Vielleicht hatte der ja Angst vor uns? Möglicherweise war das ja auch nur ein Akt von Verdrängung. Verdrängung von irgendwas.

In jedem Fall ist es ihm gründlich gelungen uns auf Distanz zu halten. Die Beschimpfung des Publikums war ja zu dieser Zeit die große Mode. Egal – wir haben totzdem gelernt.

Das Müll-System ist damals noch nicht veröffentlicht worden, lag aber in der Luft. Die Provinz wurde gerade zu Gunsten irgendeines globalen Dorfes abgeschafft. Auch das wußten wir damals noch nicht. (Ob R.F. das jemals verstehen wird, wage ich – bei aller Wertschätzung – zu bezweifeln. Den Elfenbeinturm gibt es heute genauso, wie früher.)

Genau: das Müll-System zäumt Geschichte vom Müll her auf. Er, der Müll, wird mehr verdrängt statt beseitigt. Das Buch ist Anfang der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts als metarealistische Bestandsaufnahme bei Suhrkamp erschienen. Wird eine Sache verdrängt, hört sie deswegen ja nicht auf mit Existieren. Für die verdrängte Sache ist das Verdrängtsein langfristig gesehen eher von Vorteil.

Kann man doch unbehelligt weiter existieren. Quasi mit Selbstentwickelei ** dem Durchbruch zustreben. Ernsthaft: Das Müll-System geht der Frage nach, wie Urbanität sich – zwangsläufig – entwickelt und am eigenen Müll zu ersticken droht. Ausgesprochen spanned zu lesen. Nicht nur R.F. wäre von solch einem Geschichtsbild beeindruckt.

Zum Anfixen hier mal das Vorwort:
http://waste.informatik.hu-berlin.de/grassmuck/texts/muellsystem/vorwort.html

Volker Grassmuck und Christian Unverzagt: Das Müll-System. Edition Suhrkamp. 1991. ISBN 3 518 11652 5
Immer noch beim Verlag und über Antiquariate zu haben (oder im Internet, s.o).

* siehe dazu im Wikipedia zu den Artikel zu Ernst Bloch
** frei nach H. Schneider: Akopalüze Nau!!

Advertisements

From → misc.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: