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Das absolut wahre Tagebuch eines Teilzeit-Indianers

2. Juni 2013

Als ich den Titel hörte, da musste ich dieses Buch lesen. Ist klar, oder? Und wie dieses Buch dann erst mal nicht zu mir fand, das ist schon eine Geschichte für sich. Aber lassen wir das. Es ist ja jetzt da, sonst könnte ich ja kaum davon schreiben. Also schreiben könnte ich schon davon, aber das ist wieder eine andere Geschichte. In der Bibliothek haben sie wieder so einen Aufkleber darauf gemacht. Familie/Freunde heißt der.

Es gibt eine andere Welt, und sie ist in dieser. W.B. Yeates

Arnold Spirit ist Indianer, lebt in einem Reservat und ist wie jeder Junge unzufrieden. Haupsächlich mit sich. Er trägt es aber noch mit Fassung. Möchte nur manchmal zaubern können. Dem Schlamassel kurzfristig entfliehen, beispielsweise. Ein ganz normaler Junge, könnte man meinen. Er ist arm, er ist hungrig. Doch das alles ist halb so schlimm.

Sein bester Freund ist ein Hund. Er ist ihm zugelaufen und er ist krank. Arnold kann ihm nicht helfen. Und darum stirbt der Freund. Weil er ein armer Indianer in einem Reservat ist, der geboren wurde von armen Indianern in einem Reservat, ihrerseits geboren von armen Indianern in einem Reservat. Das ist wirklich schrecklich.

Wir lernen auch Rowdy kennen, seinen besten Kollegen aus der Menschenwelt und seine Familie. Alles Kinder von Eltern, für die sich niemand interessierte. Warum sollte sich also jemand für den Freund des Enkels interessieren, zumal wenn der auch noch ein Hund war?

Wir werden mit in die Schule genommen und lernen auch dort die Verhlätnisse kennen. Also Lehrer, Mitschüler und so. Einmal wird so ein Lehrer von Junior – so wird der 14-jährige Held unserer Geschichte im Reservat genannt – unglücklich getroffen.

Am Ende blutet der Lehrer im Gesicht und Junior wird vom Unterricht suspendiert. Der Mathelehrer hat nicht den besten Ruf. Eher gilt er als ’scharfer Hund‘, dem die Schüler eher gleichgültig sind. Trotz allem fühlt sich Junior ja nicht ungerecht behandelt. Pech eben.

Der Lehrer besucht Junior und entschuldigt sich unter vier Augen. Er erklärt darüber das System der Reservationen: Die Eingeborenen, als das schlechte Gewissen einer Gesellschaft. Reservate liegen immer am Arsch der Welt. Unfruchtbares Land, indem der schutzbefohlene Rest der Gesellschaft dahinvegetieren kann. Unter Aufsicht versteht sich, usf.

Das geht so lange bis dem Staat etwas besseres einfällt. Oder das Land wird gebraucht. Oder die Indianer haben sich aufgelöst. Das alles bringt Junior auf einen Gedanken. Letztendlich muß er einen Weg aus dem Reservat suchen. So kommt die Geschichte langsam in Gang.

Sherman Alexie berichtet uns das alles aus der Sicht eines Kindes in einem Reservat für Indianer. So ernsthaft wie nötig und so witzig wie möglich. Das ist kein Kinderbuch. Es ist eine Geschichte, für Leute die noch große Augen machen. Also: kleine und große, dicke, dürre, alte, junge, die dazwischen auch, Normalos und sog. Abgefahrene.

Ein ganz normaler Junge mit den Bedürfnissen, die so einen Jungen ausmachen, erzählt hier. Nur eben ein armer und indianischer Junge. Es geht um Identiät, wie man sie suchen und wie man sie finden kann. Ich würde immer ein Spokane-Indianer bleiben. Diesem Stamm gehörte ich nun mal an. Aber ich gehörte genauso dem Stamm der amerikanischen Einwanderer an. Und dem Stamm der Basketballspieler. Und dem Stamm der Leseratten. Und dem Stamm der Zeichner. … (S.252)

Es kommt einem ewig vor, bis so ein Tunnel durchschritten ist. Und nie gibt es die Sicherheit auf ein gutes Ende. Gordy sagt einmal: (…) das Leben ist ewiger Kampf zwischen dem Dasein als Individuum und dessen Existenz in der Gemeinschaft. (S. 155) Selbstmitleid hilft da garantiert nicht weiter. Oft ist es harte Arbeit und sicher auch Glück. Manchmal ist es auch nur ein Lächeln von der richtigen Person. Hoffnung kann helfen.

Dieses Buch ist komisch. An manchen Stellen ist es sicher auch lustig. Es wird viel gelacht, vielleicht noch mehr geweint. Einfühlsam deutet der Erzähler, wie etwas geworden ist. Beschreibt Grenzen, und Wege sie zu überschreiten (Irrtümer und Niederlagen inbegriffen). Kann man Gesten in Worte packen? Der Erzähler kann es. Begleitet wird das Ganze von den tollen Zeichnungen, die von Ellen Forney stammen.

Beim Lesen hatte ich, besonders zum Schluß, immer „Was bleibt“ von dem Album Fornika im Kopf.

Sherman Alexie: Das absolut wahre Tagebuch eines Teilzeit-Indianers. München 2009. DTV. ISBN: 978 3 423 24742 9
Illustrationen von Ellen Forney

Klar kann man das kaufen. In guten Bibliotheken gibt es das aber auch.

Nachsatz:
Ob Reservate der Indianer, Inuit, oder Lager der Zigeuner – Verzeihung: Sinti und Roma, politisch korrekt -, die Homelands, Wanderarbeiter in Indien usf. Egal: Überall werden und wurden Menschen eingepfercht mehr oder minder mit dem Ziel sie letztlich verschwinden zu lassen. Sie pass(t)en nicht in das System und waren einfach für ‚Überflüssig‘ erklärt worden. Um die Kosten möglichst gering zu halten sollten sie etwas arbeiten bis sich das Problem irgendwie auflösen würde, bestenfalls von selbst …

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From → Liebe, Sprache

13 Kommentare
  1. Ich habe eine Freund, der Abkömmling der Sauk Fox Indianer ist und es berührt mich immer, wie er die Natur verehrt. Natürlich besteht seine Identität jetzt aus verschiedenen Komponenten, wie zum Beispiel Los Angeles. Vielen Dank für die Vorstellung dieses Buches. Cari saluti Martina

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    • mickzwo permalink

      Dieses Buch ist mir in der Tat besonders an Herz gewachsen. Die Empfehlung dazu habe ich von einer guten Freundin bekommen.
      Danke für den Kommentar und die freundlichen Grüße. Lieben Gruß zurück!

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      • Weisst du lieber Mick, die Menschen haben ungefähr 5’000 Millionen Indianer umgebracht und es wäre an der Zeit, dass die USA und andere auch, diese Tatsache einmal wirklich zum Thema machen würden. L.G. Martina

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  2. Ich lese sehr gern so genannte Jugendliteratur auch mit knapp 40. Und habe den Gedanken das es für viele Klassiker in der Schulzeit zu früh ist, aus Sprachtechnischen und vielleicht auch Lebenserfahrungsgründen. Aber inzwischen haben sich die Lehrpläne im Bezug auf die Literatur auch geöffnet und es wird auch viel modernes gelesen. Lieben Gruß 🙂

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    • mickzwo permalink

      Das sehe ich ähnlich. Wie jemand auf einen Stoff regiert hat immer auch mit seinem Leben und den Erfahrungen zu tun die er gemacht hat. Ich danke Dir für Deinen Kommentar.
      Liebe Grüße zurück 🙂

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  3. Hättest du das Buch denn gerne in der Schule (ca. 7./8. Klasse) gelesen?

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    • mickzwo permalink

      Mir sind schon viele Bücher in den Kinderbibliothek über den Weg gelaufen, oft auch aus der Rubrik „Jugendbuch“. Die habe ich mit Vergnügen gelesen, denn sie haben mir viel zu denken gegeben. Ich glaube in der Tat nicht, dass es so etwas wie eine Jungendliteratur gibt. Es gibt gute und schlechte Bücher. Das glaube ich. Und manche von ihnen sind einfach zu lesen und manche eher schwierig. Sowohl bei den einen wie bei den anderen.
      Dieses Buch wurde mir von der Mutter einer jungen Dame empfohlen. Die junge Dame kenne ich. Sie war in der Zeit in der 9. Klasse und hat sich so ihre Gedanken gemacht. Heute ist sie eine junge Frau, und es hat ihr nicht geschadet ihren Kopf zu benutzen. Mir übrigens auch nicht. Dabei ist noch lange nicht klar, ob wir zu den gleichen Schlüssen gekommen sind. Aber das ist ja auch nicht Ziel der Sache. Nur weil jemand jung ist bedeutet es ja nicht, dass er unfähig ist zu denken. Er denkt sicherlich anders, aber das macht es doch interessant.
      Bücher in der Jugendbibliothek werden oft nicht als Literatur wahr genommen. „Ist ja nur für Kinder.“ Das halte ich für Unsinn.
      Ich hätte mir in der 7. und auch noch in der 8. Klasse gewünscht, dass das Mädchen hinter mir mich endlich einmal sieht. Aber das tat sie erst in der 9. Klasse. So beharrlich können Jungs in dem Alter sein. Wenn sie einmal etwas interessiert, wollen sie alles darüber wissen. 🙂

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  4. mickzwo permalink

    Hat dies auf Alles mit Links. rebloggt und kommentierte:

    Den Begriff Jugendliteratur habe ich immer schon mit Argwohn betrachtet. Entweder man hat ein Thema oder man hat keins. Zur Zeit lese ich gerade World’s End. Pagophila hat mich darauf aufmerksam gemacht. Es ist eine ziemlich ausführliche Sache geworden. Darum hier zu einem Aspekt der Geschichte mein Hinweis auf „Das absolut wahre Tagebuch eines Teilzeitindianners“.
    Das bekam ich wiederum von einer anderen klugen Frau empfohlen. Es wird oft unter die Rubrik ‚Jugendliteratur‘ gestellt.
    Hauptsache Bücher sind überhaupt irgendwie zu finden.

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  5. Ich glaube mir genügt deine Vorstellung, die habe ich gerne gelesen!
    Liebe Grüße
    Dina

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  1. World’s End | Alles mit Links.

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