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Die Sonne war der ganze Himmel

10. August 2013

He’s five foot-two, and he’s six feet-four,
He fights with missiles and with spears.
He’s all of thirty-one, and he’s only seventeen,
Been a soldier for a thousand years.

Donovan

Man hatte ihnen gesagt, (…) der Wahrheit sei es gleich, ob sie geglaubt werde oder nicht. (S.33) Das klingt aus der Ferne erst mal plausibel. Wirkt so schön erwachsen, geheimnisvoll und etwas cool. Ein bisschen zynisch ist das auch.

Das Versprechen lautet, alles ist einfach, alles wird gut. Allerdings kostet es: Wie ich erst später feststellen sollte, ist Freiheit nicht das Gleiche wie offiziell beglaubigte Verantwortungslosigkeit. (S.43) Der Song von Donovan hat mich lange begleitet.*

Jetzt lese ich solche Sätze wie: Der Mensch, dachte ich, hat schon immer versucht, der nackten Wahrheit auszuweichen – er wünscht sich eine offene Zukunft und keine Schicksalhaftigkeit, (…) er möchte das Geschehen als unbeteiligter Zuschauer verfolgen. (S.73) Dieses Buch handelt vom Krieg. Der wird zwar benannt, das ist jedoch zweitrangig. Im Grunde ist das Buch zeitlos.

Es erzählt wie ein junger Mann auszog, überlebte und als sog. Veteran seine Erlebnisse verarbeitet. Das subjektive Erleben eines Heranwachsenden ist hier Thema. Wenn es reine Nabelschau wäre, könnte man es einfach abtun. (…) ich begriff, warum er herkam, warum auch ich sitzen blieb: Man wußte nie, ob das, was man sah, nicht bald für immer verschwand. (S.177)

Wie kann man mit dem Leben fertig werden, nachdem man so viele hat sterben sehen, nachdem man so viele getötet hat, nachdem man am Sterben so oft vorbei gegangen und ihm entronnen ist? Ist es Zufall, gibt es etwas wie Vorbestimmung? Was ist der Kern einer Geschichte und wer legt die Wahrheit am Ende fest? Gibt es mehrere davon und wann greifen sie?

„Haben Sie sich aufgegeben?“
„Nein.“
„Sieht aber ganz so aus.“
„Die Welt dort draußen hat sich verändert.“
„Nein. Falsch. ‚Sie‘ haben sich verändert.“
„Kann sein. Aber das interessiert niemanden…“
(S.193)

Dieses Buch zeugt von höchster Sensiblität. Da wird sehr nuanciert formuliert. Es beschäftigt: Was man sagt, entspricht nie genau dem, was man denkt, und was man hört, entspricht nie genau dem, was gesagt wurde. Es mag kein Trost sein, aber man kommt zurecht, obwohl so gut wie nichts ohne Makel ist. (S.236)

Denken kann man dann selbst. Das ist Literatur pur.

Donovan brachte uns „Universal Soldier“, das war Mitte der sechziger Jahre. Ein Protestlied gegen Krieg. Etwa vierzig Jahre nach diesem Song schien die Sonne immer noch auf diese Welt. Auch jetzt war es ihr gleichgültig worauf. Ich denke, dies ist keine Übertreibung.

Kevin Powers: Die Sonne war der ganze Himmel. S.Fischer Verlag. Fankfurt am Main, 2013. ISBN 978 3 10 059029 9. Der Übersetzer ist Henning Ahrends.

* Donovan: „Universal Soldier“, 1965

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From → Liebe, Sprache

10 Kommentare
  1. Ich bin mir nicht sicher, ob die Natur keinen Krieg kennt. Denn in der Natur geht es oft darum zu fressen und gefressen zu werden. Wir Menschen halten uns fuer weiterentwickelt, aber folgen immer noch dem Schema: alles was anders ist, ist bedrohlich. Wir wollen unsere eigene Lebensweise oder Lebensansichten anderen aufzwingen. Leider sind wir wohl doch noch nicht so zivilisiert wie wir glauben. Interessantes Buch, kommt auf meine Liste. Denn ich glaube, Lernen ist der beste Kriegsverhueter. Lieben Gruss, Peggy

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    • mickzwo permalink

      Wenn Herr Amsel des Abends so schön singt, dann verteidigt er sein Revier. Wer das nicht beachtet bekommt es mit ihm zu tun. Die Natur ist voll davon. Nur die Kategorie Schuld ist eher beim Menschen angesiedelt. Ich denke, Du hast Recht. Lernen ist der beste Kriegsverhüter.
      Vielen Dank für Deinen Kommentar und lieben Gruss, mick

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  2. Die Natur hat keine Meinung über uns, wir sind ihr völlig gleichgültig. Das Angenehme daran ist, dass erst diese Haltung wahre Freiheit verspricht, da z.B. keine Moral im Spiel ist.
    Das scheint ja ein spannendes Buch zu sein. Du hast mich neugierig gemacht. Vielen Dank.
    Herzliche Grüße
    Klausbernd

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    • mickzwo permalink

      Ich habe lange überlegt, ob ich es überhaupt lesen soll. Dann fand ich das sehr spannend zu sehen, wie dieser Mensch mit seiner Situation fertig wird.

      Danke für Deinen Kommentar und viele Grüße, mick.

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  3. Die Natur entzieht sich der Kategorie „Schuld“. Sie „Ist“ einfach. Die Ursachen von Krieg gründen auch nicht in der Natur des Menschen. Krieg ist und war immer Konvention, Zeitgeist und Ausfluß ideologischer Interessen. Er setzt auf Fanatismus, Angst und Herrschaftsansprüche. Die „Freiheit“ eines modernen Helden liegt in der Verweigerung. Damit wäre das Schicksal des Veteranendaseins unterbunden. Und es würde sich erübrigen die Feststellung: „“Nein. Falsch. ‘Sie’ haben sich verändert.”

    Liebe Grüße

    Achim

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    • mickzwo permalink

      Beim ersten Punkt ist der Autor wohl ganz bei Dir. Und ich glaube auch, dass die Natur solche Kategorien nicht kennt. Bei Punkt zwei kann man durchaus geteilter Ansicht sein. Es geht in der Geschichte nicht darum, wie die Menschen wünschenswerter Weise sind. Wenn ich den Autor richtig verstanden habe, ist der Mensch eigentlich gut. Niemand will so etwas wirklich. Aber, die Menschen machen ja Krieg oder lassen ihn zu. Sie erschlagen sich gegenseitig oder sie nehmen solches billigend in Kauf. Die Frage, die gestellt wird ist, wie man mit Unwissenheit, Fanatismus und Angst umgehen kann. Wie man sich den Konflikten, in die man geraten ist, stellt.

      Liebe Grüße

      mick

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  4. Die Natur ist gleichgültig, ja. Und ob wir diese Gleichgültigkeit als zärtlich oder grausam erleben, hat damit gar nichts zu tun. Nur mit uns. Für dieses Buch wünsche ich mir, dass es den Lauf der Zeit auch wirklich überdauern möge.

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  5. Welche Wahrheit individuell auch erlebt wird, Krieg tötet und zerstört unabhängig davon.
    Dein post macht neugierig auf das Buch und bringt mir den Ohrwurm des Tages. Merci

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  6. mickzwo permalink

    Nach meiner Ansicht macht sich jeder ein Bild von seiner Wahrheit. Im besten Falle vergleicht er sie irgendwann mit anderen Wahrheiten. Danke für Deinen netten Kommentar.

    Liebe Grüße, mick

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  7. Ich stelle mir vor, dass es mehrere Wahrheiten gibt. Die einen sehen sie, andere wiederum tun es nicht, oder sie kreieren ihre eigenen Gedanken. Ihre eigene Wahrheit! Auch, damit man weiterleben kann. Danke für diese interessante Buchbesprechung.

    Liebe Grüße,
    Tanja

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