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Für einen kurzen Augenblick

16. September 2013

Heute mache ich was ich will. Nix. *

Es ist Markttag. Ich bin viel zu früh. Ein guter Grund zum Trödeln. Die Marktbeschicker sind schon in ihrem Element. An ihrem Angebot lässt sich die Jahreszeit genau festmachen. Ein Bischof geht zur Arbeit. Etwas verschlafen noch, aber gezielt und betont sachlich steuert er auf sein Büro zu.

Mein Lieblingsbettler ist auch schon da. Er kommt immer mit dem Bahnbus in diese Stadt. Es ist noch zu früh, für seine Arbeit. Außerdem ist das Wetter viel zu garstig für seinen Arbeitsplatz. Auf dem Heimweg werde ich sehen, wo er sich heute platziert hat. Dann will ich meinen Obolus bei ihm entrichten.

Jeder folgt hier seinen Routinen. Alles geht scheinbar seinen Gang. Etwaige Katastrophen? Das zu bemerken, dafür ist schon eine geschulter Blick notwendig. Es geht ja im Grunde auch niemanden etwas an. Man improvisiert dann, überspielt mehr oder weniger gekonnt. The show must go on. Das macht es wieder interessant. Die alte Geschichte von Hase und Igel.

Die Innenstadtbaustellen haben sich zurückgezogen. Vorerst. Die Baustellen mit ihren Geräuschen sind kurzfristig umgezogen. Nur die Ruhe. Die kommen wieder! Es ist trotzdem schon geschäftig in dieser Stadt. Das übliche Event steht an. Heute feiert man die Engländer, sorry die Briten. Sie haben sogar Penny Lane und das berühmte Bild von der Abbey Road mit den Beatles im Angebot. Die Dudelsackpfeifer haben schon mal einen Soundcheck gemacht, traditionell. Schließlich sind die von der Army.

Manchmal trödele ich vor der Arbeit. Das ist schön, wenn so eine Stadt erwacht. Dann gehören die Orte mir. Die üblichen Verdächtigen kontrollieren – im schummrigen Dämmerlicht noch – die Marktstände und bisweilen werde ich erkannt. Man grüßt sich freundlich. Doch das Unausweichliche ist von mir so nicht gewünscht. Ich müsste eine Tarnkappe haben. Möchte nicht gestört werden in meinen Betrachtungen. Unsichtbar sein.

Ich bin kein Misantroph. Im Gegenteil! Aber an so einem Morgen bin ich ein Betrachtender. Ich beanspruche Zeit für mich zu träumen und Raum für meine privaten Gedanken. Wird man da herausgerissen, ist es vorbei mit dem Zauber. Das ist bei Licht besehen auch von Vorteil. Schließlich kann man nicht endlos träumen.

Man ist zum Arbeiten gekommen und will sich nicht verzetteln. Die Stadt, die so schön ist, wie jede Stadt schön sein kann, wird wieder zur Allerweltsstadt. Das ist überhaupt nicht despektierlich gemeint. Die Stadt ist dann nur nicht mehr mein Eigentum. Sie wird zu dem, was sie immer war und ist: ein Ort zum Leben, wie jeder andere auch. So gehe ich dann zufrieden zur Arbeit und bin froh über das, was mir begegnet ist.

* aus einer genialen Werbung für ein überflüssiges Produkt

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From → Liebe, misc.

8 Kommentare
  1. Nix machen, ist super und seeeeehhhhr gesund 😉
    Aber das ist doch ein sehr umfangreiches, feines Nix. Dank dafür 🙂
    Liebe Grüße von uns vom Meer
    Dina & Klausbernd, Siri & Selma

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  2. Solche Momente sind wunderbar.
    Aber warum feuert man die Briten? Hab ich was verpasst? Bei uns ist Eingroßes Kaufhaus auch“ very britsh“ ……???

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    • mickzwo permalink

      Man feiert die Briten. Oder man läßt sie feiern. Wie man es nimmt. Aber ernsthaft: sie gehen von selbst. Tom Chesshyre hat in „Lost in Paderborn“ in der Episode über das Paderborner Land eine Erklärung dafür gegeben. Es wird einfach Zeit, die Deutschen sich selbst zu überlassen. Na, ja. Vielleicht ist die Rheinarmee den Briten einfach zu teuer geworden?
      https://allesmitlinks.wordpress.com/2012/07/14/lost-in-paderborn/

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  3. Nur ein Lieblingssatz unter vielen: Dann will ich meinen Obolus bei ihm entrichten. Ganz wundervoll…

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    • mickzwo permalink

      Dieses Beobachten bedeutet mir sehr viel und hat mit Voyeurismus weniger zu tun. Eher mit dem Versuch etwas zu verstehen.

      Ich danke sehr für diesen freundlichen Kommentar.

      mick

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  4. mickzwo permalink

    In der Tat, es ist für mich ein Stück Urlaub.
    Vielen Dank für den netten Kommentar.

    Liebe Grüße,

    mick

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  5. Sehr, sehr schön, deine Eindrücke der Stadt und dir, die Eindrücke von dir und deiner Stadt.

    Gruss

    Achim

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  1. The same procedure as every year, James | Alles mit Links.

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