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Zeit ist dehnbar

6. Oktober 2013

Die Vergesslichkeit ist hilfreich. Sie trennt Wichtiges von Unwichtigem.

Eine Minute sind vier mal fünfzehn Sekunden. Acht Sekunden brauchte es bis ich einen Stapel von, den mit Plastikfolie ummantelten, Spanplatten gebildet hatte und so in die Presse legen konnte. Dann hatte ich sieben Sekunden Zeit. Zeit um dem Lärm zu lauschen, verursacht von der Oberfräse, nebenan. Dort wurden die Nute in die Platten gefräßt, die später, zurechtgeschnitten, von mir in die Presse zu legen waren.

Also, eine Minute macht vier mal acht Sekunden plus vier mal sieben Sekunden. Das reicht zum Lauschen und zum Gucken. Mit dem Lauschen war es bald vorbei, wg. Oberfräse. Das gleichförmige Band hat sich schnell abgenutzt. Dafür hat sich die Uhr in den Vordergrund geschoben. Die Hölzer, die ich aufzusammeln und zu einem Stapel von je acht sorgsam in eine Presse zu legen hatte, waren etwa fünfundfünfzig Zentimeter lang. War die Presse voll, wurde mittels eines Startknopfes die Pressung vorgenommen.

Alles weitere spielte sich hinter meinem Rücken ab. Die Presse wurde geleert und wartete sodann auf neuerliche Befüllung. Alles im Takt und immer unter der ohrenbetäubenden Kakophonie der nachbarlichen Oberfräse, usf. Durch den Knopfdruck wurden die acht Sekunden, also nach sechzehn Durchläufen, verkürzt auf etwa fünf Sekunden.

Das holte man raus. Es gehörte zu Rhythmus. In der Zwischenzeit kamen immer neue, ummantelte Hölzer. Immer im Takt. So hatte ich einmal etwas mehr Zeit. Die Presse produzierte gleichsam ein Zeitfenster. Danach hieß es wieder acht Sekunden Konzentration und sieben Sekunden warten auf die Konzentration.

Die Uhr versuchte man zu ignorieren. Der Minutenzeiger wollte einfach nicht vorwärts. Linderung gab es, wenn die Rolle mit der Plastikfolie ausgetauscht werden musste. Das geschah etwa zweimal pro Schicht. Der türkische Vorarbeiter war allerdings so schnell darin, dass man sich sputen musste.

Schließlich hatte man menschliche Bedürfnisse und rauchen wollte man auch noch. Das Klo war unbeschreiblich. Ich versuche es erst gar nicht zu beschreiben. Die Art, wie dieser Vorarbeiter und sein Team mich behandelten widerspricht der Verwahrlosung dieses Ortes immens. Die machten die Schüssel nicht schmutzig weil sie darauf stiegen. Sie stiegen darauf, weil sie schmutzig war.

Ich hatte eine ältere Frau beobachtet, wie sie im Takt der Maschine mit einem Messer die Endlosfolie durchtrennte, damit ich danach die Hölzer stapeln konnte. Dazu durchfuhr die Wurst aus Folie und Holz eine Lampenstation. Dort konnte man den Raum zwischen den Hölzern kurz sehen und ihn trennen. Es sah so leicht aus. Die Frau musste nur im Takt der Maschine die Endlosfolie mit dem Messer durchschneiden. Dieser Arbeitsplatz war paradiesisch im Gegensatz zu dem Platz an der Presse. Sie saß als einzige.

Der Vorarbeiter war schnell überzeugt und so wechselten wir beim nächsten Folienwechsel. Innerhalb von einer Stunde stand das Band viermal. Wegen mir. Ich traf den Schlitz für das Messer einfach nicht. Der Vorarbeiter reparierte, entsorgte und bedeutet mir nach dem vierten Stillstand, meinen angestammten Platz an der Presse wieder einzunehmen. Irgendwie kann ich mich nicht an Geräusche in diesem Zusammenhang erinnern. Selbst die Oberfräse schien zu Pausieren. Es geschah alles ohne Vorwürfe oder Kommentare. Man hatte zu tun, geschäftige Stille.

Nachdem der Schaden behoben war ging alles wieder seinen gewohnten Gang. Eine Minute sind vier mal fünfzehn Sekunden. Der Takt, der Lärm, die Uhr. Alles wie gehabt. So verdiente ich mein Geld für die große Reise in das, was ich die Welt nannte. Dieser Vorfall war schnell zu den Akten gelegt. Jedenfalls habe ich nie wieder von ihm gehört.

Nur diese Uhr bleibt hartnäckig. Sie hat sich genau im meinen Blick geschoben. Vier mal sieben Sekunden auf eine Uhr schauen ohne erkennbare Veränderung. Sechzig mal sieben Sekunden auf eine Uhr schauen gibt eine Stunde. Acht Stunden sind ein Tag. Danach ist man platt. Und Morgen geht es wieder los. Endlos. Kleister an den Fingern ist gar nichts dagegen. Es ist gut, wenn man so etwas nicht vergisst. Seitdem weiß ich die Arbeit eines jeden zu schätzen. Der Respekt vor der Leistung eines anderen wird umso größer, je genauer der Blick auf die Situation ist.

Diese Geschichte habe ich so erlebt. Möglicherweise habe ich sie für manche Ohren schon zu oft erzählt. Aufgeschrieben habe ich sie, weil ich einen Artikel von Klausbernd Vollmar über der Zeit gelesen habe. Der kürzeste Weg zwischen A und B ist eben nur manchmal eine gerade Linie.

mick

Nachsatz: Mir fällt gerade auf, außer der Uhr habe ich ja auch noch die Herzlichkeit der Arbeitskolonne behalten. Sie haben, aus welchem Grund auch immer, auf mich geachtet. Dafür danke ich. m. (11/2014)

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From → Liebe, Musik

12 Kommentare
  1. Gedanken am Fließband, Gedanken entstehen wie am Fließband. Deine konzisen Beschreibungen werfen mich zurück in die Studentenzeit, als ich in Mainz Bildschirmröhren vom Fließband hob und verpackte. Aus der Zeit stammen meine Rückenbeschwerden, ich wette drauf.

    Saustarker Text, wenn du mir meine Derbheit verzeihen möchtest.

    Liebe Grüße

    Achim

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    • mickzwo permalink

      Für Röhrenbildschirme war ich wohl immer noch nicht stark genug. Der Artikel von Klausbernd und Deine Überlegungen zum Bloggen haben mich darauf gebracht, diese Geschichte nieder zu schreiben.
      Offensichtlich gefällt Dir mein anderer Blog. Das ist schön. Im Übrigen habe ich oft die Meinung vertreten, dass man Dinge so benennen soll, wie man sie findet. Danke für diesen saustarken Kommentar.
      Liebe Grüße
      mick

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      • Ja, irgendwie ist dein anderer Blog bislang unter meinen Radar geflogen. Schön, dass ich ihn gestern abend ausgiebig genießen durfte. Christian Morgenstern und Joachim Ringelnatz schauen im Himmel zu 🙂

        Liebe Grüße

        Achim

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  2. Ich sympathisiere sehr mit Gottfried Keller: „Die Zeit geht nicht, sie stehet still, wir ziehen durch sie hin.“ Etwas weiter heißt es dann: „Ein Tag kann eine Perle sein und ein Jahrhundert nichts.“ Natürlich ist das für uns schwer vorstellbar, wo wir doch der vermeintlichen Zeit in jeglicher Hinsicht unterworfen zu sein scheinen. Ich mag solche Gedankenspiele, aber sie sind der reinste Luxus, wenn man unter dem Diktat der Zeit eine sich permanent wiederholende Tätigkeit zu verrichten hat. Und ich finde auch, jeder sollte wissen, wie sich das anfühlt.

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  3. Die Gedanken, die sich, wenn man so monotone Arbeit verrichtet, wie von selbst entspinnen.
    Rechenaufgaben,die zu Mantras werden. Gesänge im Kopf, mal das Eine, mal das Andere.
    Schon lange habe ich daran nicht mehr gedacht. Danke für die schöne Beschreibung. Ich hoffe, es ist eine Erinnerung aus einer Zeit, die lange her ist.

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