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Vom Handeln mit Schäfchen

16. Oktober 2013

… und wie man dabei eine nasse Hose bekommt.

Er hatte das wunderbare Gefühl stark zu sein. Nicht rambomässig oder sowas. Nein, er war einfach im Innern sicher. So sicher wie einer, der eben genau weiß, was er tun wird. Er beherrscht die Materie. Ohne Hektik beginnt er den Morgen. Ihm ist klar, dass seine Freunde ihn belächeln.

Stand er doch allen Ernstes freiwillig um sechs Uhr auf, um am arbeitsfreien Tag solche Kinderspiele zu veranstalten. Kinderspiele, die keinen Profit, aber dafür schmutzige Schuhe und viel Arbeit in Aussicht stellten. So fuhr er denn in der Dämmerung los, und ließ sich von dem starken Gefühl verwöhnen.

Es brachte ihn kein Problem der Welt mehr aus der Ruhe. Er wusste in diesem Moment für alles eine Lösung. Er wusste sogar, dass seine Lösungen gegen Mittag wohl schon wieder hinfällig sein würden. Auch das ficht ihn nicht an, nicht jetzt. Er wusste eben alles an solch einem Morgen. Die Lösungen fielen ihm immer auf der Hinfahrt ein. Dafür benötigte er ziemlich genau dreißig Minuten. Über Land fuhr er und oft im Morgendunst. Das war schon ein Genuss.

Manchmal war er müde und gelegentlich noch erschöpft vom Freitagsbier – Nebensächlichkeiten. Er war stark, vollkommen mit sich im Reinen. Na, weißt du schon, was er da macht, samstags, alle vier Wochen? Genau, Viehmarkt. Die Liebe zu den Tieren hat etwas Metaphysisches. Nun wirst du denken: Was ist das für eine Liebe? Der verkauft die Tiere, handelt mit ihnen und manchmal frisst er sie auch noch auf.

Stimmt. Es war die Übersichtlichkeit. Wenn man die Gesetzmäßigkeiten kennt – und auf Gesetzmäßigkeiten war er spezialisiert – dann sind die Tiere und die Leute, die damit umgehen, äußerst übersichtlich. Selbst Schoßhündchen oder Schmusekätzchen sind übersichtlich. Nur dass sie nicht aufgegessen werden.

Es war übersichtlich dort, weil niemand verbarg, dass er Profit schlagen wollte. Wo sonst gibt es das in so schöner Offenheit. Keiner will verlieren, jeder sich den Bauch voll schlagen. Und das geht nur auf Kosten anderer. Klingt unfein, nicht?! Eben. So verlogen sind wir. Das alltägliche Geschäft von Liebe und Zuneigung.

Ich liebe dich und brauche deine Gegenwart. Der Preis sind bestenfalls Schmeicheleien. Aber wehe, der Preis stimmt nicht. Scheiße, trotzdem liebe ich dich. Kriege dich aber nicht. Weil mein Kapital nicht reicht. Den Preis bestimmt immer der Verkäufer, nach seinen Bedürfnissen. Ob ein Käufer da ist und auch den Preis fair findet macht die Angelegenheit dann spannend.

Manchmal machst du ein Schnäppchen. Ein andermal blamierst du dich – du hattest zu lange gefeilscht. Der Trick ist früh genug zu sehen, wann ein Geschäft nicht zu Stande kommt. Auf den richtigen Zeitpunkt kommt es an. Es lohnt bisweilen Scheine zu zeigen. Das ist, im richtigen Augenblick, hohe Kunst. Nur ehrlich darf man nicht sein und, wie gesagt, zu lange feilschen sollte man nicht. Dann lacht nämlich der ganze Markt über dich. Und das Schäfchen, das du liebst pinkelt dir womöglich noch an die Hose.

Möglicherweise wunderst du dich, was das mit Liebe zu tun hat. Wenn das so ist, dann beglückwünsche ich dich!

Möglicherweise wunderst du dich, was das mit dir zu tun hat. Wenn das so ist, dann denk dir was (und erzähl es mir).

Möglicherweise fragst du dich, wie das Geschäft ausgegangen ist. Wenn das so ist, dann laß uns zusammen ein Bier trinken und ich erzähl es dir dann (vielleicht).

Nachbemerkung:
Mittlerweile habe ich das Biertrinken eingestellt. Es langweilt mich. Spannend finde ich allerdings, nach wie vor, Situationen zu beobachten. Wer sich dabei erwischen lässt, geht das Risiko ein, an den Rand gestellt zu werden. Das ist komisch, denn alle tun das. Und zwar ganz fix.

Alles, was ich in dem Buch von Kennard erfahren habe, ist mir bei meinen Lehrmeistern und Freunden unter den Schäfern zuvor begegnet, überall. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass ich da Freundschaft erlebe und nur deshalb Zutritt zu ihrer Arbeit und so zu ihrem Leben bekam. Ich wollte wissen, wie das geht und sie haben es mir erklärt.

Ich finde die Bilder von Dina sind nicht typisch englisch. Ich finde sie wunderschön und sie stellen aus meiner Sicht etwas ganz besonderes dar. Es ist Ausdruck einer Arbeits- und Denkweise. Die ist international, soviel habe ich für mich gelernt. Der Ort ist eher zweitrangig. Was man dort verloren hat ist von Belang, und auf welchem Weg man versucht, es zu erreichen. Vielleicht werde ich dieses Buch noch einmal lesen um es genauer zu beschreiben. Immerhin befindet es sich jetzt wieder in meiner Nähe.

Im Grunde brauche ich es aber nicht. Betrachte die Arbeit und die Umwelt eines Menschen, dann tun sich Chancen auf, ihn zu verstehen. Dieses Buch habe ich als Schatz ganz tief in mir gespeichert. Das ist schon was.

David Kennard: Auf Englands grünen Hügeln. Als Schäfer in North Devon. Pieper TB 2006.
ISBN: 978 3 492 24805 1

mick (1991/2013)

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From → Liebe, misc.

18 Kommentare
  1. Ich krieg gleich Fernweh davon…und Schafe sind voll mein Ding…mal schaun obs das Buch in der Bibo gibt 😉 Danke für den Tip

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  2. Sorry, ich meine natürlich „Zeit ist dehnbar“, nicht „Harz“! 🙂

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  3. Lieber Mick,

    ich finde deine Gedanken sehr interessant. Und inspirierend! Ich las den Artikel vor meiner Abreise aus England und fing daraufhin sofort einen Artikel über Landschaften vorzubereiten, jedoch bremste mir die Zeit. Der kommt noch! 🙂
    Ich freue mich sehr auf das Buch. In England ist David Kennard sehr beliebt, es läuft eine TV-Serie über das Leben mit den Schafen etc, ich wusste das nicht. (In Cley gibt es kein Fernseher)

    Jetzt bin ich zurück in Bonn und gehe gleich arbeiten. Mein Kopf ist voll von „Harz“. Es ist erschreckend, wie Fließbandartig die Pflege sich entwickelt, wie die Stoppuhr läuft und kaum menschliche Zuwendung zulässt. In Norwegen hat jede Pflegefachkraft 4-5 Patienten zu betreuen, in Deutschland dagegen 13-17. Glücklich ist der Gesunde, der nicht auf Krankenhaus oder Altersheim angewiesen ist.

    Ein schönes Wochenende wünscht dir mit herzlichen Grüßen
    Dina

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    • mickzwo permalink

      Ich war etwas zehn als ich meine Mittagszeit auf einer Krankenstation verbrachte. Meine Mama war eine spätberufene Schwesternschülerin und trotzdem der Meinung ich müsse nach der Schule einen halbwegs geregelten Tagesablauf unter Aufsicht genießen. So bekam ich Spiegeleier aus der Teeküche und einen Mittagsschaf in einem der leeren Krankenzimmer verpasst. Damals ging so etwas noch. Was nicht ging war, dass mein Vater seine angetraute Ehefrau im Schwesternwohnheim besuchte. Schließlich befand man sich in einem christlichen Haus. Da war die Oberin vor! Es war schon etwas ulkig.
      Bis zu ihrer Prüfung hörte ich sie in Anatomie ab. Das sollte meiner späteren Biozensur nicht schaden. Nachdem sie Schwester geworden war, durfte sie wieder Zuhause wohnen und ich wurde auch zu alt für angeordnetes Mittagsruhen.
      Die Schwestern hatten damals alle eine Stoppuhr an der Uniform. Aber die waren zum Puls messen gedacht.
      Krankenhaus oder Altersheim sind immer Mist. Selbst wenn man es so erlebte, wie ich anfangs. Die Qualität einer Gesellschaft ist damit wohl nicht zu heben. Ich denke, es ist eher ihr Umgang mit den schwächsten Gliedern, der die Qualität einer Gemeinschaft ausmacht. Da braucht es viele.

      Ich wünsche Dir trotz widriger Umstände ein schönes Rest-Wochenende und einen guten Start in die neue Woche. mick

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      • Lieber Mick, wie schön du die Situationen beschreiben kannst! Ich danke dir sehr für deine Gedanken. Jetzt nur noch ganz schnell, da einen neuen Arbeitstag auf mich wartet.
        Herzliche Grüße, einen schönen Sonntag
        Dina

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  4. Lieber Mick,
    was du ansprichst, das ist, was die Engländer mit großer Emotion ablehnen: die Internationalisierung. „We are British, we are different“ sagt schon alles. Hier bei uns in England ist alles immer sehr englisch und weniger international. „International“ wird eher negativ gesehen. Engländer versuchen das Englische zu bewahren, was ja ein großes Problem mit der EU bedeutet, und sich gegen Internationalismus zu wehren. Natürlich ist England auch vom Zeitgeist geprägt, aber dieser drückt sich stets genuin englisch in England aus. Insofern empfinde ich Dinas Bilder als typisch englisch. Selbstredend war die Romantik ein internationales Phänomen, aber die englische Romantik blieb dennoch typisch englisch an die englische Natur gebunden.
    Oh dear, das soll nun kein Plädoyer für „Englishness“ sein, aber ich merkte, wie sich bei mir als quasi Engländer alles gegen internationale Gleichmacherei sträubt. Ich weiß, in Deutschland pflegt man internationaler zu denken, nicht in Merry Old England.
    Ganz liebe Grüße from rural England
    Klausbernd

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    • mickzwo permalink

      Ich liebe nicht das Britische oder Deutsche. Und schon gar nicht liebe ich das Internationale. Da bin ich dann sogar bei Briten. Mich hat immer nur das Menschliche beeindruckt. Zwar in der regionalen Ausprägung – und wenn das genuin ist, dann soll es das auch sein. Die Schäferei ist allerdings viel älter als das Britische oder gar das Englische. Das Hirtendasein gehört zu den ältesten Daseinsformen überhaupt. Die Denkweise und das Vorgehen bei der Arbeit, die David Kennard da geschildert hat, war bis in die Handgriffe identisch zu dem, was mir meine deutschen Lehrmeister vorgemacht haben. Es gibt westfälische, württembergische und pommersche Schäfer; es gibt welche die auf Bergen ihre Tiere weiden lassen und welche die auf Deichen unterwegs sind, usf. Überall ist es gleich. Ich habe so etwas auch bei den Hirten im südlichen Europa und in Amerika wieder gefunden.

      Noch einmal: „Ich finde die Bilder von Dina sind nicht typisch englisch. Ich finde sie wunderschön und sie stellen aus meiner Sicht etwas ganz besonderes dar. Es ist Ausdruck einer Arbeits- und Denkweise. Die ist international, soviel habe ich für mich gelernt.“ Mehr habe ich nicht geschrieben.

      Ich mag auch Bayern und ich mag auch Köln. Aber mit „Mir san mir!“ oder „Kölle alaaf“ (zum Beispiel) kann ich immer dann nichts anfangen, wenn es meint, alles andere ist Dreck.
      Und genauso verhält es sich – immer bei mir, versteht sich – mit den Briten oder den Engländern, Schotten, Walliesern oder den Iren (britisch oder nicht).
      Ich liebe die Beatles aber eben auch Joseph Beuys und Hanns Dieter Hüsch – der übrigens gesagt hat: Der Niederrhein ist überall – genauso wie ich afrikanische Musik, Calypso, Geschichten oder Bilder von Malern oder Fotografen usf. mag.

      Ich danke Dir für Deinen Kommentar und für die Hinweise.
      Viele liebe Grüße aus dem nicht (inter-)nationalistischen Teil von Deutschland.
      Auch und gerade an Deine Buchfeen und an Dina 🙂 mick.

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      • Lieber Mick,
        habe vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar. Sorry, ich habe erst jetzt verstanden, was du mit „international“ meinst. So verstanden sehe ich das auch wie du – Dina, Siri und Selma nicken kräftig bejahend.
        Wir haben uns nie zuvor mit der Schäferei beschäftigt und uns nicht klar gemacht, dass die Faszination der Schafszucht auch auf ihre uralte Tradition zurückgeht.
        Schön dein Wortspiel mit „(inter-)nationalistisch“.
        Ein feines Wochende wünsche ich
        Klausbernd

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        • mickzwo permalink

          Lieber Klausbernd,
          vielen Dank für Deine Antwort. Sie macht mich sehr froh. Grüße auch die anderen von mir. Ein gutes Rest-Wochendende, mick.

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    • Naja das internationale in Deutschland mögen auch nicht alle…bissle merh deutsch, bissle weniger Europa und vorallem weniger Gleichmacherei, fände ich persönlich sehr sehr schön…aber ich lauf da wohl schon immer etwas gegen den Mainstream. Mein Lieblingscafé ist allerdings ein Englisches – wg. den gemütlichen Sitzgelegenheiten und dem Carrot Cake und antürlich wg. dem Tee 😉

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      • Oh dear, oh dear, ich muss dich schwer enttäuschen in Bezug auf den Tee: Die letzte Woche hatte ich 4 Handwerker im Haus und als ich ihnen einen hot drink anbot, wollten alle Kaffee. Das war nicht untypisch, England ist inzwischen zu einer Nation von Kaffeetrinkern geworden. Aber Carrot Cake erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit – ich liebe ihn auch – wie auch die berühmten Cucumber Sandwitches in the garden.
        Liebe Grüße
        Klausbernd

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        • 😉 Yeah, Cucumber is das tollste englische Word ever. Ich kann das kaum aussprechen. Aber ich mags.
          Hab mir grade aus unserem englischen Café Carrot Cake mitgebracht. Und kultiviere grade wieder das Tee Trinken: ich mag Darjeeling und Breakfasttee.
          Manchmal wandern eben auch Traditionen.
          Liebe Grüße zurück
          M.F.

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          • Wir tranken gerade einen gepflegten Earl Grey auf dich, afternoon tea, of course!
            The Fab Four
            Kb 🙂

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          • Oh Thankx a lot – ich aß zufällig Carrot Cake today und dazu einen Darjeeling. Mir fehlt noch eine Teekanne. Früher als ich bei einem Restaurator gearbeitet habe gab es eine spezielle Silberne Teekanne für den guten Schwarzen Englischen Tee 🙂 hach das war immer schön.
            Ja, Earl Grey, auch was Feines nd die Afternoon Teestunde sowieso.

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  5. Danke fuer den Buchtipp. Liebe Gruesse, Peggy

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  6. mickzwo permalink

    Hat dies auf Fett/Anthrazit Blog rebloggt und kommentierte:

    Ein wunderbares Buch über die Arbeit mit Schafen, Hunden und das Leben überhaupt.

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