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Umwege (Stiller)

7. November 2013

Eine Situation… ein Ehepaar, das schon aufgegeben hatte eines zu sein, kann es kaum fassen.

Rolf kam nicht aus dem Staunen heraus: Die spiegelnden Fähren auf dem Hudson, die Girlanden der Brücken, die Sterne über einer Sintflut von Neon-Limonade, von Süßigkeit, von Kitsch, der ins Grandiose übergeht, Vanille und Himbeer, dazwischen violette Blässe von Herbstzeitlosen, das Grün von Gletschern, ein Grün, wie es in Retorten vorkommt, dazwischen Milch von Löwenzahn, Firlefanz und Vision, ja, und Schönheit, ein Kaleidoskop aus Kindertagen, ein Mosaik aus bunten Scherben, aber bewegt, dabei leblos und kalt wie Glas, dann wieder bengalische Dämpfe einer Walpurgisnacht auf dem Theater, ein himmlischer Regenbogen, der in tausend Splitter zerfallen und über die Erde zerstreut ist, eine Orgie der Disharmonie, der Harmonie, eine Orgie von Alltag, technisch und merkantil über alles, zugleich denkt man an Tausendundeine Nacht, an Teppiche, die aber glühen, an schnöde Edelsteine, an kindliches Feuerwerk, das auf den Boden gefallen ist und weiterglimmt, alles hat man schon gesehen, irgendwo, vielleicht hinter geschlossenen Augenliedern bei Fieber, da und dort ist es auch rot, nicht rot wie Blut, dünner, rot wie die Spiegellichter in einem Glas voll roten Weines, wenn die Sonne hineinscheint, rot und auch gelb, aber nicht gelb wie Honig, dünner, gelb wie Whisky, grünlich-gelb wie Schwefel und gewisse Pilze, seltsam aber alles von einer Schönheit, die, wenn sie tönte, Gesang der Sirenen wäre, ja, so ungefähr ist es, sinnlich und leblos zugleich, geistig und albern und gewaltig, ein Bau von Menschen oder Termiten, Sinfonie und Limonade, man muß es gesehen haben, um es sich vorstellen zu können, aber mit Augen gesehen, nicht bloß mit Urteil, gesehen haben als ein Verwirrter, ein Betörter, ein Erschrockener, ein Seliger, ein Ungläubiger, ein Hingerissener, ein Fremder auf Erden, nicht nur fremd in Amerika, es ist genau so, daß man darüber lächeln kann, jauchzen kann, weinen kann. Und weit draußen, im Osten, steigt der bronzene Mond empor, eine gehämmerte Scheibe, ein Gong, der schweigt… Das Verwirrendste aber für Rolf war natürlich Sibylle, seine Frau, die hier zu Hause war. Sie tranken ihren Martini – etwas stumm – und blickten einander gelegentlich an, lächelten fast etwas spöttisch, als sie merkten, daß ein Atlantik zwischen ihnen eigentlich nicht nötig war. Rolf getraute sich zwar kaum, ihren nahen Arm zu fassen; seine Zärtlichkeit blieb in den Augen. Auch Sibylle fühlte, daß die Welt, wie groß sie auch sein mochte, keinen Menschen hatte, der ihr näher stehen könnte als dieser Rolf, ihr Mann; sie leugnete es nicht. Immerhin erbat sie sich eine Bedenkzeit von vierundzwanzig Stunden.
(S.308f.)

Form folgt dem Inhalt. Großartig, wie ich finde.

Max Frisch: Stiller. Roman, Fankfurt 1952. Suhrkamp TB. Erste Auflage dieser Ausgabe 1996.
ISBN: 3 518 39147 X

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From → Liebe, Sprache

5 Kommentare
  1. Toll. Jetzt bin ich überzeugt.

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  2. Du sagst es!

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  3. Ja, unwidersprochen: Großartig. Max Frisch 🙂

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