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Stiller

9. November 2013

Bleiben Sie ganz ungezwungen! (S.19)

Man fragt sich schlechthin, was der Mensch auf dieser Erde eigentlich macht, und ist froh, sich um einen heißen Motor kümmern zu müssen. (S.25)

Stopp.

„Ich bin nicht Stiller!“ brülle ich. „Wer denn“, brüllt er, „Wer denn?“ (S.65)

Da kommt ein Fremder in die Schweiz, wird an der Grenze ausgesondert und in Untersuchungshaft gesteckt. Als Stiller. Der streitet alles ab: Man ist nicht unmenschlich. Nur, versteht sich, Ordnung muß sein, auch ein gewisser Ernst. Schließlich sind wir in einem Untersuchungsgefängnis… Zuweilen, allein in meiner Zelle, habe ich das Gefühl, daß ich alldies nur träumte; das Gefühl: Ich könnte jederzeit aufstehen, die Hände von meinem Gesicht nehmen und mich in Freiheit umsehen, das Gefängnis ist nur in mir. (S.19)

Ein Kammerspiel mit wechselnden Auftritten. Sein Pflichtverteidiger wird als pedantischer Langweiler wahrgenommen. Der Gefangene mag ihn überhaupt nicht. Für seinen Wärter Knobel hegt der Untersuchungshäftling schon mehr Sympathien. Als gutmütiger Beobachter ist der auch gutgläubig, will sich aber in nichts hineinziehen lassen. Mit dem Staatsanwalt verbindet den Inhaftierten eine Art Freundschaft; obwohl oder weil der Staatsanwalt sich als der Mann von Stillers Geliebten herausstellt. Julika Stiller-Tschudy, die Ehefrau von Stiller wird zur zentralen Figur in dem Spiel.

Jack White, alias Stiller, schreibt alles auf. In Geschichten und Bemerkungen reflektiert er und verführt sich und den Leser zu seinem Leben. Da geht vieles nur mit Mutmaßungen über Vergangenheit und Gegenwart, usf.
Schnell wird aber klar: Es gibt keine Flucht. Ich bin geflohen um nicht zu morden, und habe erfahren, daß gerade mein Versuch, zu fliehen, der Mord ist. (S.58) Nur, was macht man dann?

Wiederholung! Dabei weiß ich: alles hängt davon ab, ob es gelingt, sein Leben nicht innerhalb der Wiederholung zu erwarten, sondern die Wiederholung, die ausweglose, aus freiem Willen (trotz Zwang) zu seinem Leben zu machen, indem man anerkennt: Das bin ich!… Doch immer wieder (auch darin die Wiederholung) genügt ein Wort, einen Miene, die mich erschreckt, eine Landschaft, die mich erinnert, und alles in mir ist Flucht, Flucht ohne Hoffnung, irgendwohin zu kommen, aus Angst vor Wiederholung – (S.67)

Es geht um Freiheit, um Männer, um Frauen und deren Verhältnis zueinander. Ein Schweizer will nicht Schweizer sein. Versteht man das? Nach dem Weltkrieg? Warum reist er also ein? Ach (…) diese lebenslange Bemühung, anders zu sein, als man erschaffen ist … (S.188). Alles ist Schablone. Manche Vertreter der fidelen Resignation (S.243) lachen sich buchstäblich kaputt über Stiller. Andere schütteln verständnislos den Kopf.

In diesem Roman ist kein Detail zufällig. Jede Einzelheit hat zu dem Hergang der Geschichte etwas beizusteuern. Am Ende fokussiert sich alles auf Stillers Ehe-Frau Julika. (Auch das ist zwingend.)

Packender als jeder Krimi ist dies ein zeitloses Buch. Es ist eine Reise in geschichtlicher, gesellschaftlicher und auch – natürlich – in privater Hinsicht. Es wurde Zeit, dieses Buch noch einmal zu lesen.

Max Frisch: Stiller. Roman, Frankfurt am Main 1954. suhrkamp tb. (1. Auflage dieser Ausgabe 1996.)
ISBN 3 518 39147 X

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From → Liebe, Sprache

12 Kommentare
  1. Toll! Mich fasziniert an Frisch wie es ihm gelingt ein Leben aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Und die Sprache Frisch´s liebe ich einfach.

    Gefällt 1 Person

    • mickzwo permalink

      Das freut mich. Er war, um es mit Pagophilias Worten zu sagen, ein großer „Dirigent (…), der virtuos und unerbittlich den Taktstock über seinem Instrument, der Schreibmaschine geschwungen hat.“
      Ich finde die Sprache auch ganz bemerkenswert!

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  2. Super! Ich bekomme sofort Lust, das Buch nach 20 Jahren wieder (und neu?) zu lesen!

    Gefällt 1 Person

    • mickzwo permalink

      Für mich war es eine Reise – nach der Zeit. Und ja, ich habe vieles neu gesehen und auch altes (wieder-)entdeckt. Ich wünsche einen guten Trip!

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  3. „In diesem Roman ist kein Detail zufällig“ – daraus bezieht dieses Kammerspiel für mich ein gut Teil seiner Intensität. Diese Perfektion könnte natürlich auch konstruiert wirken. Dazu diese Macht, mit der Frisch die Sprache beherrscht, da erscheint ein Satz wie „Ich habe keine Sprache für meine Wirklichkeit“ schon fast kokett. Mir kommt er beim Lesen manchmal wie ein Dirigent vor, der virtuos und unerbittlich den Taktstock über seinem Instrument, der Schreibmaschine geschwungen hat.

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    • mickzwo permalink

      So ein Dirigent, ein guter, lebt die Musik. Darum schwitzen die auch oft so. Das ist ein tolles Bild. 🙂

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  4. Lieber Mick,
    danke für die ergreifende Vorstellung. Als ich nach Deutschland kam, „erbte“ ich nach kurzer Zeit 3 Bücher von Max Frisch die ich alle sehr gerne gelesen habe. „Stiller“ ist nicht darunter, das Buch kommt auf meine Leseliste. Ich bin sicher die Buchfeen haben das gute Werk auf Regalbrett 8.
    Ein entspanntes Wochenende wünscht aus Bonn
    Dina

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  5. Das Hörbuch Stiller steht in meiner Warteschlange, Mick!
    Vielleicht sollte ich es ein paar Positionen überspringen lassen.

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  6. Danke für den Tipp. Stoff für graue Tage…

    Gefällt 1 Person

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  1. Max Frisch: Stiller (1954) | buchpost

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