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Dunkle Halunken

15. Januar 2014

A Hund is er scho, der Terry.

Sowas in der Art würde möglicherweise ein Bayer dazu sagen. Ich bin aber kein Bayer und Tiervergleiche liegen mir auch nicht so. Aber dieser Plot. Verbeugung! Im Dreck wühlen, um das Glück zu suchen.

Sie sehen aus, als hätten Sie es geschafft, wundert sich der Mathelehrer. Ich habe einen Autohandel, grinst der Ehemalige. Und, wer macht die Abrechnungen? bohrt der Lehrer. Das ist doch einfach, klärt der Schüler auf: Ich kaufe so ein Auto für dreitausend und gebe es für sechstausend weiter. Von den zwei Prozent lebe ich.

Die Botschaft, das Rauschen, und wie das eine von anderen zu trennen ist. Information.

An die Oberfläche gelangen, um fest zu stellen, dass im Grunde dort die gleichen Gesetze herrschen… Gut, das alles kann so gewesen sein, oder auch nicht. Es ist ja kein Geschichtsbuch. Terry Pratchett verbindet Geschichten und Geschichte zu einem Roman.

Es ist und bleibt Fiktion und doch ist es keine erfundene Geschichte. Sie ist wohl gefunden. Sehr kenntnisreich nimmt er Versatzstücke aus der Geschichte Londons und montiert sie zu einem Märchen über das Glück.

Also: ist jeder seines Glückes Schmied? Man hämmert so vor sich hin. Bisweilen drischt man auch. Zaudern ist nicht. Ohne Gefährten jedoch und das richtige Timing geht es nun mal auch nicht. Zeit und Ort sollte man nie unterschätzen.

Es gibt Gezeiten für der Menschen Treiben; nimmt man die Flut wahr führt sie uns zum Glück. (S.302, aus: ‚Julius Cäsar‘ von W. Shakespeare)

Dies Buch ist so reich an Bildern, da wird jeder Film zu einem Witz. Es ist drastisch aber jugendfrei. Digital ist es nicht. Geschichten fangen immer analog an.

Charles Dickens soll so einen Satz geäussert haben, nachdem die Wahrheit ein Nebel ist, in dem jeder sehen kann was er möchte. (S. 179) Es wird zum Motto des Romans. Solomon, ein gebildeter Jude ist der eigentliche Mentor Dodgers.

Solomon beschreibt den Gedanken so: Dem auf einem Amboss geschmiedeten Eisen kann man nicht dem Hammer zur Last legen (…) und Mmm, ich wusste immer, dass Menschen auf das Angesicht der Welt die Welt malen, die sie gern sehen.“ (S.196)

In seinem Nachwort schreibt der Autor u. a. über den Roman (S.371ff):

Die Handlung von ‚Dodger‘ ist im ersten Viertel von Königin Viktorias Herrschaft angesiedelt, in einer Zeit, als Heerscharen von Entrechteten nach London und in die anderen großen Städte kamen. Für die Armen – und die meisten Leute waren arm – war das Leben in London damals äußerst schwer.

Traditionsgemäß scherte sich kaum jemand um alle jene Menschen, die in bitterer Armut leben mussten, (…) Für wie schlecht man die gegenwärtige Lage auch halten mag, vor gar nicht allzulanger Zeit war alles noch viel schlechter. (…)

Dodger ist eine erfundene Figur, wie auch viele der Personen, denen er begegnet, obwohl solche Menschen damals in London arbeiteten, lebten und starben. Disraeli gab es wirklich, ebenso natürlich Charles Dickens und Sir Robert Peel (…)

Bei bestimmten Personen habe ich mir zwar einige Freiheiten erlaubt, die auch ihre Reaktionen in gewissen Situationen betreffen, aber den Schmutz, das Elend und die Hoffnungslosigkeit der Armen, die sich irgendwie durchschlugen, oft indem sie sich selbst halfen, habe ich nicht verändert.

Es war auch eine Zeit ohne Bildung für alle, ohne Gesundheitsschutz und ohne die sozialen Absicherungen und Regeln, die heute für uns selbstverständlich sind. Und es war eine Zeit, die Platz bot für schlaue und clevere Dodgers beiderlei Geschlechts.

Nein, ich bin kein Bayer. Allerdings, Oma Frieda sagte mal: Versuch macht klug. Da hatte sie dann auch irgendwie Recht.

Terry Pratchett: Dunkle Halunken. Roman, London 2012 ISBN: 978 3 492 70301 7
Übersetztung: Andreas Brandhorst.

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From → Liebe, Sprache

11 Kommentare
  1. mickzwo permalink

    Hat dies auf Alles mit Links. rebloggt und kommentierte:

    Es war das letzte Buch, das ich von Terry Pratchatt las. Er ist am 12. März gestorben. Ich möchte mich vor diesem großartigen Schriftsteller verbeugen.

    Gefällt 1 Person

  2. Noch fehlt mir besagtes Buch, freue mich nun aber umso mehr es zu lesen.

    Und oh: ich mag deine Rezensionen.

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  3. Lieber Mick, ich mochte das Buch sehr. Dodger ist eine der interessantesten Dickens-Figuren, nicht gut, aber auch nicht völlig böse, ein Kind seiner Zeit eben. Und Pratchett hat das sehr gut umgesetzt. Liebe Grüße, Peggy

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    • mickzwo permalink

      Erst war ich etwas enttäuscht. Hatte ich doch schon zwei Scheibenweltromane gelesen. Zum Schluss sage ich aber: Verbeugung! Tolle Geschichte.

      Liebe Grüsse, mick.

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  4. Ich kann mich den VorschreiberInnen nur anschließen: So eine schöne Besprechung! So voller Bezüge und Assoziationen… Und ja: „Geschichten fangen immer analog an.“

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  5. Die Rezi ist jedenfalls so , dass man sofort das Buch zur Hand nehmen möchte….

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    • Also da gebe ich zeilentiger absolut recht, sie geistert noch in meinem kopf herum.

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      • mickzwo permalink

        Ich habe die Zeit, die ich mit der Geschichte zugebracht habe, jedenfalls nicht bereut. Ich wundere mich nur, wie Geschichten mir immer dann begegnen, wenn ich sie brauchen kann. Vielleicht kannst Du diese Geschichte ja auch mal brauchen…
        Ps.:’Herumgeistern‘ trifft es ganz gut, glaube ich.

        Danke für Deinen netten Kommentar und, dass Du auch immer von einer Geschichte gefunden wirst.

        L G. mick

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  6. Die großartigste Rezi, die ich je zu einem Terry Pratchett gelesen habe. Und Oma Frieda wird schon recht haben. Gestorben ist jedenfalls meines Wissens noch keiner an solch einem bajuwarischen Satz. 🙂

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    • mickzwo permalink

      Ich war oft in Bayern. Und wie der Autor des Romans mich – von der Innenseite – so ansah, ich konnte es mir nicht verkneifen.
      Oma Frieda hatte natürlich Recht, aber das wusste ich damals noch nicht. …. Immerhin hatte sie locker fünfzig Jahre Vorsprung. Und diese fünfzig Jahre hatten es in sich. Oma Frieda hat mir davon nichts erzählt. ‚Davon versteht der Jung sowieso nix‘, hat sie vielleicht für sich beschlossen. Vermutlich hat sie sogar damit Recht gehabt. Auf jeden Fall bediene ich mich jetzt daran. Sie würde sich gewiss wundern.

      Danke für den Kommentar. Der hat mich sehr gefreut.
      LG, mick

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