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Lüneburger Trilogie

7. Februar 2014

Am Horizont war noch Licht. Der Wind legte sich, die Gebüsche standen regungslos am Rande des Wegs. Vor ihnen lag eine Anhöhe; sie ging jetzt voran, der Rock flatterte über ihren hellen Kniekehlen. Vor ihnen gabelte sich der Weg, sie wandte sich halb nach ihm um. In diesem Augenblick hörte er hinter sich ein Geräusch, ein verschlafenes Vogelschwatzen, und blickte zurück. Als er sich wieder umdrehte, war sie verschwunden. *

Einschiffung nach Cythera **. Eine wendische Reise.

Da kotzt einer seinen Überdruß auf Provinzialisches aus. Und zwar reichlich. Nicht von der Menge her aber treffend. Eindrücklich. So etwas bringt die norddeutsche Tiefebene eben auch zu Stande. Sommer in Niedersachsen: der bleiche, tote Mittag der Provinz. (S.16)

Grandios, die Beschreibung des Kaufhauses (am Platze). Zur Verschönerung des heimischen Ambientes gehören röhrende Zigeunerinnen und dekoltierte Hirsche. (S.14) Heimelig. Solches Gewese habe ich seit der Kindheit noch deutlich vor Augen. Und ich bin nicht in Niedersachsen aufgewachsen worden. Ich habe es damals mit offenem Munde bestaunt und so hingenommen. Später habe ich klammheimlich gehofft, die wären mit mir wenigstens älter geworden. Offensichtlich sind sie es nicht.

Es gibt dort aber junge Kellnerinnen, die, zigarrenrauchende, Herrenrunden bedienen. Die Bedienung. Ich dachte auch dieses Institut sei ausgestorben.

Ein Satyr auf der Suche im Wendland. Soll man nun lachen oder sich gruseln?

[Exkurs, I. Nicht in Lüneburg und auch nicht im Wendland.
Ich erinnere die Milchbar im Südbad. Alles in Lauerstellung bei Erdbeermilch und ersten Rauchversuchen. Besser nicht ausmalen, was die Dame an der Kasse dachte. Alles war einsames Warten und sich – nach Möglichkeit in aller Beiläufigkeit – zur Schau zu stellen. Nichts geschah in diesem bleiernen Sommer in irgendeiner Stadt, irgendeinem Jahr an irgendeinem jugendlichen Kind. Da konnte man noch so adrett unkonventionell daher kommen. Alles schien woanders stattzufinden. Nur nicht dort. ‚Life is what happens to you, while you are busy making other plans.‘ So sprach später jemand.

Jetzt aber war erstmal ‚In the summertime‘ und gleichzeitig ‚Lasy sunday afternoon‘ angesagt. Dieser Widerspruch wurde ignoriert. Was ja die größte Kränkung ist. Das Nichtbemerktsein. Von der ratlosen Langeweile zu einem ‚Leben ist jetzt!‘ liegt oft ein ganzes Dasein. Oder auch nur ein Wimpernschlag. Wie man’s nimmt. So betrachtet kann man das ‚Heute hier – morgen dort‘ auch als Flucht in die Beständigkeit sehen. Das Idyll der Langeweile ist überall zu finden. Es wird auch ‚Provinz‘ genannt.]

Und immer wieder: Tagträume. Geballte Ratlosigkeit. Auch schonmal als Rastlosigkeit bezeichnet. Manchmal ist es eben nur ein ’s‘. Die Kellnerin im Wendland ist auch nur ein Versuch. Im Traum ernst. Wie so vieles. Kellnerinnen werden oft mit ‚Bedienung‘ gleichgesetzt.

Die Trostlosigkeit des Waldschwimmbades (…) frappierte B. (…) „Gehst du nicht ins Wasser?“, fragte sie. „Ich ziehe das feste Land vor.“, sagte er lächelnd und blickte ihr nach, wie sie mit schaukelnden Hüften auf das Becken zuschritt. (S.23f)

Dann wieder: Bierseeligkeit im Gastraum, Verdauungstätigkeit in hinterhöfischer Kulisse und sonst kein Mensch unterwegs.

Und das Glucksen der Traufen, das tropende Laub der Holunder und die Spur, die quer übers Wespennest an der Scheune rinnt, wiederholen die Botschaft: es regnet – es regnet im Wendland. (S.30) Die Kellnerin, indes, ist längst zur Tagesordnung übergegangen.

Melancholie macht sich oft an entfliehenden Geräuschen fest. (…) durch die öde Pause des Wiedererkennens knatterte der Auspuff eines Motorrads, dessen lärmende Spur sich in der Entfernung verlor. (S.34) Das kann überall sein. Auch in Lüneburg.

Die Begegnungen mit altem Gemäuer, Kirchen: Traumbilder und Gespinste werden zu Realem. Vom Tagtraum zum Albtraum und zurück. Phantastisch.

Diese Lüneburger Trilogie von Jürgen Buchmann ist über Jahre hinweg entstanden. So übersichtlich das schmale Bändchen daherkommt, es verlangt Zeit. Schon das Inhaltsverzeinis ist ambitioniert. Wie ein Archäologe kann man fündig werden in den Sedimenten und Aufschichtungen die sich angesammelt haben, mit der Zeit.

[Exkurs, II. Über die Ungeduld:
Den ganz Jungen geht es immer nicht schnell genug. Ein Jahr ist endlos lang. Im Sommer ist Weihnachten unerreichbar. Für die Alten fliegt zunehmend die Zeit. Besser man schiebt nichts auf, wer weiß schon was Morgen ist. Beide können nicht warten. Aus ganz unterschiedlichen Ursachen.
Die dazwischen glauben, sie hätten den Durchblick. Das ist doch lachhaft, oder?]

Im zweiten Teil des Bandes ist die Phantastische Topographie der Hansestadt Lüneburg zu finden und als drittes gibt es das Logbuch vom Meer der Finsternis.
Zu empfehlen ist die Nachbemerkung: Editorische Notiz und Über den Autor. So, und jetzt will ich wieder lesen 🙂

Jürgen Buchmann: Lüneburger Trilogie. freiraum-verlag, 2013.
ISBN: 978 3 943672 09 1
* Jürgen Buchmann: Logbuch vom Meer der Finsternis. Ebendort S.90f
** Cythera wird auch Aphrodite genannt und ist eine Bekannte aus der griechischen Mythologie.

Aufmerksam bin ich auf dieses Buch geworden durch Jan Kuhlbrodt und seinem Blog Postkultur. Nachzulesen hier.

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