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Thomas Bernhard hätte geschossen

14. Februar 2014

Es hört doch jeder nur, was er versteht.*

Als die Zentralperspektive (wieder-)entdeckt wurde, hat ein – mir nicht näher bekannter – Schmied ein Gitter geschaffen. Es befindet sich in unserem Dom unter der Orgel, ist mannshoch und fristet dort seit einigen Jahrhunderten sein Dasein. Man sieht dort eine ziemlich verzierte Absperrung. Blickt man aber aus gewissem Abstand mit nur einem Auge darauf, sieht man das Bild, dreidimensional.

Eckart von Hirschhausen läßt sein Publikum gern mal durch ein Loch in der Handfläche schauen. Ohne Blut zu vergiessen. Wie jeder gute Zauberkünstler macht auch er sich die Trägheit unseres Gehirns zu nutze.**

Auf dem Aa-See zu Münster gab es mal einen schwarzen Schwan, der hatte sich verliebt. So etwas kommt vor. Es wäre nicht weiter bemerkenswert. Das Ziel der Anbetung war aber ein Boot. Als Schwan verkleidet, aber eben ein Boot. Es war gemacht aus Plastik, für lauschige Stunden zu zweit auf dem See.

Der Schwanen-Herr hatte sich also verguckt in ein Boot, das keine Anworten gab, und vielleicht zwanzig mal so groß war wie er. Das Publikum, den Sommer, hat sich gewundert und lauthals gelacht.

In der Zwischenzeit werden von anderen Leuten ganz reale Entscheidungen getroffen. Oft gar nicht so weit entfernt. Längst nicht so verborgen, wie man meint. Unbemerkt, weil in einer andern Welt. Dort arbeiten sie in aller, ihnen zur Verfügung stehenden, Ernsthaftigkeit. Dafür sind sie schließlich da. Die Leute, und auch die Entscheidungen.

Es gibt Welten die, von einander scheinbar losgelöst, unerreichbar und getrennt existieren. Sie bedingen sich und sind nicht soweit weg, wie wir glauben mögen. Die Auswirkungen sind sprürbar. Die Lebensumstände in den verschiedenen Welten glauben wir zu kennen. Doch wir blenden sie aus, verlassen uns auf Bilder die wir sehen. Mit unseren eigenen Augen.

Wir geben das Bild der einen, eigenen Welt nicht so leicht auf. In Zeiten der digitalen Fotografie längst als Unsinn entlarvt, wird es doch immer gern praktiziert. Die Welt, in der es – bei allen Problemen – doch so kommod zugeht, wollen wir nicht ändern. Nicht zuerst – vielleicht später mal.

Hofnarren haben den Herrschern immer den Spiegel vorgehalten. Dazu waren sie ja auch da. Waren sie schlecht, konnten sie geköpft werden. Mit dem Aufbegehren des mündigen Volkes begann dann der Aufstieg der Kabarettisten. Der natürliche Feind dieser Spezies ist die Einstellung, nach der noch immer alles gut gegangen ist.

Im Programm, Thomas Bernhard hätte geschossen, bekommen wir gezeigt, wie man eine Sau, ordentlich durchs Dorf treibt. Das Alles wird begleitet durch Grundsatzreferate über Bedrohungslagen, scheue Rehe, richtiges Verhalten in Wartezimmern oder das Benehmen an Wohltätigkeitsständen. Wir sehen in Parallelwelten hinein, und wie man sich darin tummelt.

Ach ja, die Sau im Dorf. Ab und an muß das possierliche Tier doch ersetzt werden. Geschichtsbetrachtung kann sehr spannend sein. Sie kann auch an den Rand der Verzweifelung führen. Dombrowskis Verzweiflung kann man nicht mehr rückgängig machen. Er verfällt seelisch und ich vermute, dass er im nächsten Programm entweder gerade wieder aus der Psychiatrie entlassen wird … oder drin ist.***

Das Programm heisst: Thomas Bernhard hätte geschossen. Hat er aber nicht. Niemand hätte wirklich verstanden warum. Kurzfristig wäre ein Sturm im Wasserglas losgebrochen. Wie beim Schwan auf dem Aa-See. Es würde nichts ändern, ausser bei ihm und seinem potenziellen Opfer. Das Publikum hätte schnell seinem Rhythmus wieder.

Da sei Georg Schramm vor. Zum unserem Glück ist er kein Stimmenimitator oder ein Autor, wie im Epilog. Eigenwillig mag der sein. Georg Schramm ist zu allererst jedoch Kabarettist und das mit Leidenschaft.

* Goethe, Johann Wolfgang von
** Wer sich die Magie dieses Tricks bewahren will, schaut hier nicht nach.
Georg Schramm: Thomas Bernhard hätte geschossen. Ein Kabarett-Solo. Mitarbeit und Regie: Rainer Pause. Audio-CD, aufgezeichnet am 28. September 2008 im Pantheon-Theater Bonn. ISBN 978 3 9810337 5 5
Epilog gelesen von Dieter Hildebrandt: Thomas Bernhard, ‚Ein eigenwilliger Autor‘ aus: ders., ‚Der Stimmenimitator‘. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 1978
*** Georg Schramm, ebenda.

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From → Liebe, Sprache

6 Kommentare
  1. Ich freue mich über die schöne Besprechung dieses Programms. Vielen Dank, Mick! Georg Schramm ist nämlich mein Lieblingskabarettist..:-)

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    • mickzwo permalink

      Es gibt verschiedene Sichten dieser Welt. Die gilt es wahrzunehemen und zu verstehen. Immer wieder. Möglicherweise wird sich dann etwas zum Guten ändern.
      Das Programm ist, glaube ich, zum ersten Mal 2005 an den Start gegangen. Dieses ist eine Neuauflage von 2008. Er stellt vieles Allgemeingültig dar. Insofern ist es ‚modern‘. Es bleibt schwierig.
      Deine Einschätzung freut mich. Danke für den Kommentar. LG, mick.

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  2. Damals waren wir oft in Münster und haben dem verliebten Schwan einen Besuch abgestattet
    Die Kinder waren beruhigt als die Beiden im Winter zusammen, ein Asyl im Zoo fanden.Eigentlich war das Tretboot keine schlechte Wahl, sagte damals eine Münsteranerin zu mir: ein starker Partner der nie widerspricht:)

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    • mickzwo permalink

      Zudem schmutzt so einer kaum, und verursacht eher einen geringen Pflegeaufwandt 😉
      LG, mick

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  3. Und Georg Schramm ist nicht nur zu allererst Kabarettist und das mit Leidenschaft, sondern er ist auch gut, richtig gut. 🙂

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