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Böhmisches Blut

28. Februar 2014

Der Gedanke an Selbstmord ist für mich beruhigend.

Ich hatte ein eigenes Büro im zweiten Stock des Polizeipräsidiums – ein kleiner Raum in der Ecke unterhalb des Turms, von dem man die U-Bahn-Station am Alexanderplatz im Blick hatte. Die Aussicht aus dem Fenster an einem warmen Sommerabend war noch das Beste daran. Das Leben war aus dieser Höhe nicht ganz so düster. Der Geruch der Leute erreichte mich nicht, und ihre bleichen, unterernährten und manchmal einfach hoffnungslosen Gesichter konnte ich auch nicht sehen.

Hier trafen sich die Straßen zu einem großen Platz – daran hatte sich seit der Zeit vor dem Krieg nichts geändert. Trambahnen klingelten, und Taxis hupten, und dahinter grummelte die Stadt wie immer. Wenn ich auf der Fensterbank saß und mein Gesicht in die Sonne hielt, konnte ich mir vorstellen, es gäbe keinen Krieg, keine Front und keinen Hitler, und dass alles, was geschah, nichts mit mir zu tun hatte.

Von hier oben sah ich keine Hakenkreuze, nur die vielfältigen Exemplare, die meinem Spiel „Mädchengucken“ als Grundlage dienten. Es war ein Sport, den ich immer leidenschaftlich gern und überragend ausübte. Ich mochte es, wie dieser Sport mir half, mich wieder auf das normale Leben einzulassen.

Meistens hielt ich nach seltenen Exemplaren Ausschau: nach exotischen Blondinen, die seit 1933 nicht mehr so selten waren, und nach sagenhaften Rotschöpfen, die ein Sommergefieder trugen, das beinahe durchsichtig war. Ich dachte darüber nach, ein Futterhäuschen auf meiner Fensterbank zu installieren, aber ich wusste, das war einfach hoffnungslos. Die Kletterpartie bis in den zweiten Stock war einfach zu viel für sie.

Die einzigen Kreaturen, die den Weg in mein Büro fanden, waren Ratten. Irgendwie schien ihnen die Energie nicht auszugehen, und als ich mich zu meinem Büro mit dem schrecklichen Porträt des Führers an der Wand und der SD-Uniform im offenen Schrank umdrehte, die mich auf grausame Weise an den Mann erinnerte, der ich während des vergangenen Sommers gewesen war, kamen zwei von ihnen durch die Glastür. (S.71f)

Bernie Gunther ist für mich kein Unbekannter. Vor Jahren begengnete ich dem Ermittler in der Berlin-Trilogie von Philipp Kerr. Darin beschreibt der Autor wie sich die Stadt, und mit ihr das ganze Land, in den Führerstaat veränderte, den man gemeinhin Drittes Reich nennt.

Wir erleben den Untergang genauso wie verpasste Chancen danach. Bernie Gunther, die Hauptfigur dieser Erzählungen, wandelt sich vom Lebenslustigen, immer etwas chaotisch-unkonventionellen Ermittler langsam aber sicher zum Zyniker. Voller Sarkasmus hängt er doch am Leben.

Als Kriminaler hatte er immer mit zwielichtigen Gestalten zu tun. Deren Vorlieben und Neigungen als grausam zu bezeichnen käme vielfach einer Untertreibung gleich. Von den den Nazis waren sie eigentlich kaum zu unterscheiden. Und wenn, dann waren die Nazis vielleicht gründlicher und brürokratischer. Irgendwie kalt aber sachlicher, geschäftsmäßiger.

Der neueste Roman, Böhmisches Blut, geht zurück zum Jahr 1941, und beginnt eben mit diesem Satz: Der Gedanke an Selbstmord ist für mich beruhigend. Der Kommissar vom Alex war offensichtlich ziemlich am Ende. Dem mußte ich auf den Grund gehen.

Bernie Gunther hat sich immer arrangiert. Ihm schwante schon von Beginn an nichts Gutes. Aber wie der Rheinländer schon sagt: Et hätt noch emmer joot jejange. Nach seinen Erfahrungen an der Ostfront ist ihm das Ausmaß des Bösen und die Tatsache, dass es kaum ein Entrinnen davon gibt, vollkommen klar.

Es kommt nicht mehr darauf an, eine reine Weste zu haben. Mittlerweile ist es nur noch wichtig, möglichst wenig Dreck am Stecken zu haben. Er hasst die Nazis. Auf eine schizophrene Art duckt er sich, um Glücksmomente im Alltag doch noch zu finden. Den Anfangssatz vergisst er für eine Weile, als er die Möglichkeit zur Liebe sieht.

Unbeschädigt kommt niemand davon. Weder in der Generation, noch als Deutscher geboren kann Philipp Kerr vieles verständlich machen. Er lässt den Gedanken der Protagonisten freien Raum. Allen voran der Polizist Gunther. Nachdenken kann der Leser schließlich selbst. Mitfühlen ist möglich.

Es war einer dieser frühen Oktobernachmittage, an denen der Winter noch unendlich weit entfernt scheint. Es gab keinen irdischen Grund, warum die Sonne je aufhören sollte zu scheinen. (S.168) Diskrepanzen zwischen aussen und innen. Der Ermittler, die Geschichte, die Macht und seine Angst.

Doch, ich habe Angst vor ihm. Ich fürchte mich vor jedem Einzelnen da draußen. Ich fürchte, was sie mir antun können. Ich fürchte, was sie Deutschland antun können. Aber im Moment fürchte ich vor allem was sie ‚dir‘ unter Umständen antun können. (S. 352) Manche haben Interesse. Für andere ist so etwas kaum zu fassen.

Das ist Fiktion, aber es hätte sich durchaus so abspielen können. Die Linien der – sogenannten – großen Politik werden expemplarisch interpretiert an Schicksalen kleiner Leute. Geschichte von unten also. Oft traut man seinen Sinnen nicht. Ob grausam oder lieblich, alles geht so seinen Gang.

Philipp Kerr: Böhmisches Blut. Roman. Rowohlt Verlag 2014.
ISBN: 978 3 8052 5042 9

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Philipp Kerr wurde 1956 in Edinburgh geboren. Weitere Titel aus diesem Bereich sind Feuer in Berlin (Trilogie), Das Janus-Projekt, Die Adlon-Verschwörung oder Mission Walhalla. …

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From → Liebe, Sprache

2 Kommentare
  1. mickzwo permalink

    Wer sich für so etwas interessiert sollte unbedingt den Blog Sätze&Schätze ansehen, zum Beispiel hier:
    http://saetzeundschaetze.com/2014/03/02/erich-maria-remarque-im-westen-nichts-neues-ein-buch-und-seine-geschichte/

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  2. Das klingt nach Krimivollwertkost und macht Appetit..;-) – Der Blick von außen auf die beschriebene Thematik würde mich jedenfalls interessieren.

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