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Schubladen, Tourette und die Vergesslichkeit

3. März 2014

Das Flötenspiel dieses Menschen sagt nichts über seinen Charakter aus.

Friedrich II, oder so. Der war ja auch nicht ohne, sagt man. Lässt sich alles nachschlagen. Niemand ist wegen seines Geschlechts, seiner Rasse, oder einer Art sich zu ernähren, beispielsweise, ein guter Mensch.

Auch nicht Alte, Kranke, Große oder Kleine. Und auch nicht Starke und Gesunde, Frauen oder Männer. Also: niemand ist per se ein guter Mensch. Und auch nicht schlecht. Man kann es trainieren. So oder so.

Alles soll ja in Schubladen passen. Sonst breitet sich Irrsinn aus und alles droht aus dem Ruder zu laufen. Vielleicht gibt es darum Literatur, Kunst und so… Da werden dann Schubladen geöffnet um dem Einzelnen Blicke zu ermöglichen. Er hat kaum eine Wahl. Der vergisst doch so leicht. Die eigenen Gedanken zuerst.

Vielleicht macht das Menschen aus. Sie haben Vergangenheit und denken darüber nach. Sie denken um ihre Gegenwart zu begreifen, und – bisweilen – ihre Zukunft in Angriff zu nehmen. Oft geschieht so etwas im Unterbewusstsein. Aber es geschieht. Das ist eine Hoffnung.

Das Buch ist mir vor etwa drei Jahren begegnet. Es ist Der Cellist von Sarajevo. *
Das hatten wir doch schon. Genau:
Man kann nicht mehr sagen, welche Version der Lüge die Wahrheit ist. *

Sarajevo? So eine Stadt auf dem Balkan. Das muss irgendwo südöstlich von uns sein. Da war doch was. Irgendwann ein Krieg. Egal. Kriege gibt es immer und Elend überall.

Da setzt sich einer in die Ruinen und spielt Cello. Jeden Tag, zweiundzwanzig Tage lang. Während dessen schießen die Heckenschützen munter weiter. Das ist wirklich passiert. So. Der es aufgeschrieben hat, notiert was passiert. Wenn Häuser kaputt gehen. Wenn Menschen kaputt gehen. Wenn Beziehungen kaputt gehen. Von jetzt auf gleich oder allmählich. Oder beides.

Was geht in Menschen vor, die in Angst leben, die Wut haben, die resignieren oder sich auflehnen? Krieg. Zum Auflehnen braucht es Empathie; Orte sind austauschbar. Einmal, in dieser Geschichte, sagt Emina zu Dragan: (…) Ich habe Angst davor, dass es immer so bleibt, dass es gar kein Krieg ist, sondern einfach so, wie das Leben sein wird. *

Wir haben Sorgen. Eine gute Geschichte muss nicht unbedingt schön sein. Auch nicht neu. Bezüge sind wichtig.

Dragan dachte (S. 228):
(…) die Zivilisation ist keine Sache, die man aufbaut und dann für immer hat. Man muss ständig an ihr bauen, sie tagtäglich wieder erschaffen. Sie verschwindet weitaus schneller, als er es jemals für möglich gehalten hätte. *

Gewalt tötet. Ob sie brutal öffentlich oder unterschwellig-einlullend ist, hängt von der Situation ab. Solange aber ihr erster Helfer die Gleichgültigkeit ist, wird die Gewalt siegen. Oft beginnt es mit Gedanken. Nur Fragen stellen hilft. Immer geht es um das Andere.

Ich würd’ auch Angst kriegen, wenn ich mich treffen würde. **

Wenn etwas anderes bei uns anklopft fürchten wir uns. Das ist menschlich. Es wäre besser, darüber nachzudenken. In Ruhe das Fremde zu betrachten wäre hilfreich. Davon fühlen wir uns allerdings oft überfordert. Wir sind Menschen und brauchen Zeit. Wir geraten gern in Panik, weil wir glauben, wir haben sie nicht. Dem Leben ist so etwas fremd. Es geht immer weiter.

* Steven Galloway: Der Cellist von Sarajevo. Roman, btb ISBN: 978-3-442-73892-2

** Eva Stumpf in Andi Rogenhagen: Ein Tick anders. Komödie, Deutschland 2010. Mit Jasna Fritzi Bauer, Waldemar Kobus,Victoria Trauttmansdorff, u.a. 81 Minuten.
Ein wundervoller Film über das ‘Anders-sein’, der auch einiges über das Tourette-Syndrom erklärt. Vor kurzem auf Arte genossen. Er passt ganz gut zu dem Gedanken, finde ich.

Siehe auch: Das Buch vom Lachen und Vergessen.

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From → Musik, Sprache

4 Kommentare
  1. Wunderbar, lieber Mick. Das kommt gerade zu rechten Zeit. Das Buch hole ich für meine serbische Freundin zum Geburtstag. Und ich schaue gleich nach ob der Film in der Arte Mediathek zu sehen ist. Eine toller TItel, „Ein TIck anders“!
    Liebe Grüße, DIna

    Gefällt 1 Person

    • mickzwo permalink

      Sorry, dass ich so spät antworte. Da war so viel anderes. Ich habe es einfach nicht geschafft. Ich hoffe Deine serbische Freundin hat sich gefreut über das Buch. Mir hat es viel gegeben. Und der Film? Hast Du ihn sehen können? Vor ein paar Tagen wurde er nochmal wiederholt. ZDF neo, glaube ich. Der ist wirklich wunderbar.

      Die Bücher von Anne Ragde habe ich immer noch nicht gelesen. (Vielleicht sollte ich das erste Kapitel einfach überspringen, ich weiß ja was da passiert.) Sie stehen immer noch in meinem Bücherregal und schauen mich an.
      Liebe Grüße auch an die anderen, mick

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  2. „….niemand ist per se ein guter Mensch. Und auch nicht schlecht. Man kann es trainieren. So oder so.“ Danke für den schönen, interessanten Beitrag (noch kurz vor dem Zubettegehn entdeckt…)
    Beste Grüße zur Nacht,
    Marlis

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    • mickzwo permalink

      Auch Dir danke ich für Deinen Kommentar und entschuldige mich, dass ich die Antwort verschlührt habe. Das ist nicht meine Art.
      Das Buch hat mich oft schon Begleitet und als ich den Film sah, wußte ich, das passt gut dazu. Zum anders Sein, zu Missverständnissen, Gewalt und wie man damit umgehen kann…
      Da es jetzt auch wieder Spät ist, auch Dir die besten Grüße zur Nacht, mick

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