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Der Name der Leute

17. März 2014

Irgendwas ist ja immer, man merkt das oft nur nicht so.

Mit den Altachtundsechzigern bin ich quasi aufgewachsen. Habe ich im TV verfolgt. Zu uns kam das alles zeitversetzt. Da war das schon irgendwie etabliert.

Revoluzzertum und so. Jeans und Parka. Mein großer Bruder trug damals interlektuelle Cordhosen. Manchesterhosen, wie mein Vater sagte. Solche Nietenhosen wollte der Vater mir dann doch selbst schneidern. Dieses gekaufte Zeuch taucht doch nix, so war sein Urteil.

Also Nähmaschine raus. Der konnte sowas. Legendär die Karnevalsausstattung als Texas-Ranger. Alles in der Küche produziert. Aus Teppichresten die Colt-Tasche und der Hut wurde mit Wasserdampf ein echter Cowboy-Hut. Und ich: der Star. Aber eine Nietenhose? Das war nicht amtlich. Man hatte doch einen Ruf zu verlieren. Nietenhose!

Eine echte Levis musste es schon sein. Und ein US-Parka à la Woodstock. Schließlich war das Leben ja kein Karnevalsumzug! In unserer Stadt wurde sogar einmal eine Straßenbahn blockiert. So sagte man. Sowas geht doch nicht in Nietenhosen. Wenn, dann nur in US-Jeans. Und zwar die Echten! Jawohl.

Vorher: Die Luft war so zäh. Über allem lag so eine Grundangst. Die Angst vor der verletzten Etikette. Jeder benutze das „Sie“, sogar die Studenten untereinander. Selbst der Protest der Halbstarken drohte zu ersticken. Es knirschte überall. Statt Frivolität zu versprechen waren die Nylons der Frauen muffig.

Sonntags wurde den Jungen kratzende Hosen angezogen und die weißen, stylischen Nyltesthemden waren bügelfrei. Dafür stanken sie nach kurzer Zeit bestialisch. Dem Himmel sei Dank, wir hatten einen Küchenherd.

Die Großen hatten in der Küche Wichtiges zu erörtern. Die Hände in den Taschen tat ich erwachsen. Ich kam dem Herd dabei zu nahe, und hatte unversehens ein Loch ins Sonntagshemd geschmolzen. So wurde die Ära Nyltesthemd beendet, ganz ohne Revolution.

Im Nachhinein kommt es mir so vor, als wären die swinging sixtees eine Erfindung des Fernsehns. Die Ermodung der Kennedys, die 13 Tage der Cuba-Krise, den Chrustschov, Muhammed Ali und Martin Luther King. All die hat es doch gegeben. Kann man doch alles nachlesen. Trotz des Vietnam-Krieges oder den Beatles, das Leben ging einfach so seinen Gang.

Da konnten die Kommunarden in Berlin oder Frankfurt noch so habermasen und dutschken. Die Revolution fand für uns doch nur im Fernsehen statt. Und Sonntags? Da kamen dann sechs Journalisten aus aus fünf Ländern und schwadronierten über die Weltlage. Es wurde ihnen eingeschenkt und sie rauchten. Alles öffentlichrechtlich.

Wenn es dunkel wurde, hatte man trotz allem ins Bett zu gehen. Morgen war schließlich auch noch ein Tag. Vielleicht war ja dann der Umbruch da.

Nachsatz: Heute habe ich einen reizenden Film im TV gesehen. Das war auf EinsFestival. Das war ein französisches Märchen und spielte in Paris. Der Name der Leute war der Titel. Es trafen willi und ernst aufeinander. Also eine halb-algerische wilhelmine und ein halb-jüdischer Franzose den ich nur als ernst bezeichnen kann. Eine Gesellschaftssatire, die als Liebeskommödie daherkommt. Wunderbar.

Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf nichts Neues. S. Beckett

Michel Leclerc: Der Name der Leute. Film, Frankreich 2010.

S.a. https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Name_der_Leute

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From → Liebe, Sprache

5 Kommentare
  1. Haargenau – so war es!!

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  2. mickzwo permalink

    Hat dies auf Fett/Anthrazit Blog rebloggt und kommentierte:

    Die Würde des Menschen ist unantastbar.

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  3. Lieber Mick,
    dein Text ist einfach SUPER, ich habe mich schief gelacht. Als ich im Parka der US Armee und schmuddeligen Lewis gegen Notstandsgesetze und Springer demonstrierte, sagte man uns immer „Geht doch nach drüben!“ Das war bei euch, aber nach drüben wollte ich auf keinen Fall, obwohl ich noch nie drüben gewesen war. Dass drüben alles grau sei, hielten wir in ignoranter Naivität für CIA-Propaganda.
    Du glaubst es ja kaum (ich auch fast nicht), hier im Dorf gibt es noch einen Altachtundsechziger, so einen Lehnstuhlrevolutionär, der in einem Roman über Cley als Dorfmarxist bezeichnet wurde. Heute trennen uns Welten. Zum Glück ist diese Zeit vorbei, well, es war „nett“ dabei gewesen zu sein, aber es weht doch jetzt ein anderer Wind, der uns Bügern von spitzen Kopf den Hut weht 😉
    Also nochmals, prima Text, der mir richtig ein gutes Wochenende gebracht hat. Siri & Selma kichern sich schief, ich grinse von Ohr zu Ohr.
    Aber eine Entschuldigung: Ich gehörte der sogenannten Lustfraktion an 🙂
    Ganz liebe Grüße von Küste Norfolks
    Klausbernd

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  4. Dieser Text, ein einziges déjà vu.

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