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Bel-Ami

25. März 2014

die kleine milde abendluft,
die mich um fünf nach zehn besucht
streicht mir, als wär’n wir lang ein paar
sehr zärtlich durch mein nackenhaar.
für licht sorgen sich zwei, drei sterne
ganz oben links, so hab ich’s gerne.
die abendluft ist sehr gesprächig
ich lausche und bin ganz gemächlich
vertieft in ihren lebenswandel
in ihren ärger, lust und handel
den sie mit den orkanen hat
und schenke ihr ein rosenblatt.
dann träumen wir -kurz!- von paris
versprechen uns noch das und dies
und trennen uns …

Ihre Augen trafen sich, lächelten, strahlten vor Liebe. Mit ihrer anmutigen Stimme sagte sie leise: „Auf bald, Monsieur.“
„Auf bald, Madame“, antwortete er fröhlich.
(S. 410)

Da geht einer spazieren. In Paris. Es ist Abend. Es ist Frühling, die Luft tut gut. Geschäftiges Treiben überall; die Stadt der Liebe hat Versprechungen und Verlockungen parat. Für jeden. Der junge Mann aber ist frustiert.

Arm wie die sprichwörtliche Kirchenmaus ist er verdammt zum Zuschauen. Mist. Da kommt man in die große, weite Welt und muss zusehen. Was haben die, was er nicht hat? Frisch aus der Provinz findet er sich nur mühsam zurecht.

Durch Zufall trifft er auf einen Freund aus der Vergangenheit. Der hat es offensichtlich geschafft. Forestier, so heißt der Freund, ist eher ein Bekannter. Er wird allerdings zum Türöffner. Der Tanz kann also beginnen. Unser Mann ist jung, und sieht gut aus. Mehr hat er im Grunde nicht vorzuweisen; es reicht. Das andere wird sich ergeben.

Eine liebe Bloggerin hatte eine Bemerkung über Maupassant gemacht, die mir in dieser Situation, eigentlich Warnung genug sein sollte. Es hätte mich auch stutzig machen sollen, dass Francois Bondy ein Nachwort verfasst hat. Soetwas nehme ich oft zu spät wahr.

Aber der Reihe nach: Es sollte eine Ablenkung sein. Nach all dem Mist, der mir begegnet war, lag nun dieses Büchlein in so einer Kiste und lächelte mich an. Es sollte aus organisatorische Gründen ins Magazin wandern, wo es dann in aller Seelenruhe Patina ansetzen konnte.

Mir kam sofort die Schnulze in den Sinn. Dazu ein Film aus dem dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts – viel zu früh gesehen, und auch nicht verstanden. Ich hatte ihn einfach konsumiert. Lazy sunday afternoon eben. Das rächt sich manchmal.

Jeder ist ersetzbar. So erstaunlich einfach sieht es aus. Dieser Gedanke ist solange erfreulich, wie man jung und hungrig ist. Ist man dann selbst an der Reihe, sieht die Sache dann häufig anders aus. Ein Begriff wie Berufsjugendlicher taucht da unweigerlich am Horizont auf.

Bei Hüsch heißt es an einer Stelle: In achtzig Jahren lachen wir darüber. Genau so hört ein ordentliches Märchen auf: …und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Bel-Ami ist eine beinharte Gesellschaftssatire. Sie spielt im Paris der Schönen, Erfolgreichen und Blender. Man befindet sich wohl im ausgehenden neuzehnten Jahrhundert. Als Sittengemälde erster Güte handelt dieses Buch davon, wie man aufsteigt. Gewisse Spielregeln sind schon zu beachten. Streng logisch geht soetwas ab. So gesehen ist die Geschichte zeitlos. Man könnte sie auch als Brevier bezeichnen.

Das Wesen der Ablenkung ist, dass man eine schlechte Schrift von ihr bekommt. Davon kann ich ein Lied singen. Und von Bel-Ami. Dieses Buch grandios zu nennen ist einfach untertrieben.

Guy de Maupassant: Bel-Ami. Roman. Manesse Verlag, Zürich. Aus den Französischen übersetzt von Waltaud Kappeler, Nachwort von Francois Bondy.
Ursprünglich erschienen in Paris, 1885.

Ich will diese Geschichten nicht vergleichen. Eine der heutigen Metropolen ist nach wie vor New York. Wer sein Glück in der großen, weiten Welt sucht könnte sich dort auch umsehen. Diese Geschichte ist ganz anders und doch habe ich mich beim Lesen von Bel-Ami oft daran erinnert.

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From → Liebe, Sprache

7 Kommentare
  1. Michaela permalink

    Ohhh schon ewig nicht mehr gelesen… Da kommen Erinnerungen auf. Danke für den schönen Tipp wieder mal dieses Buch zu lesen…

    Lieben Freitagsgruß, Michaela

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  2. Vielen Dank, dass du mich auf eine Art und Weise auf ein Buch aufmerksam machst, der ich schwerlich widerstehen kann.

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  3. Ein toller Roman ist das, und wie du sagst: zeitlos. Oder überzeitlich aktuell. Manche Dinge ändern sich eben nie … Hab noch einen schönen Tag!

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    • mickzwo permalink

      Es fing so belanglos, fast quatschend, an. Eine Geschichte, die es in sich hat!
      Auch Dir einen gute Zeit, mick.

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Trackbacks & Pingbacks

  1. Sonntagsleserin KW #13 – 2014 | buchpost

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