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Unser Mann in Havanna

17. April 2014

Sie sollten mehr träumen, Mr.Wormold. (S.11)

Mr.Wormold, ein Staubsaugervertreter im Havanna nach den den WK II, war ein etwas farbloser Mensch. Er hatte dort eine Vertretung für diese englischen Erzeugnisse, konnte aber mit dem neuen Modell nicht punkten. Nicht, dass er unglücklich dadurch gewesen wäre. Aber er wollte seine geliebte Tochter versorgen und das fiel ihm zunehmend schwerer. Nicht so sehr mental, eher finanziell.

Die Offerte des britischen Geheimdienstes fand er etwas seltsam oder unpassend. Doch die Bezahlung konnte er gut brauchen. Und so kam er – wie die sprichwörtliche Jungfrau – nicht zum Kind, aber zu einer Agententätigkeit. Dabei war er gar nicht katholisch. Er war eher der protestantische Typ. Genau und sehr loyal.

Hasselbacher war deutscher und offenbar sein Freund: Es war typisch für Dr.Hasselbacher, daß er nach fünfzehn Jahren Freundschaft immer noch die Anrede Mr. benützte – Freundschaft entwickelte sich mit der Langsamkeit und der Gewißheit einer sorgfältigen Diagnose. (S.7)

Mr.Wormolds Begriff von Loyalität – und auch: Anstand – war allerdings nicht so ganz kompatibel zur Auslegung der Behörde einer Regierung. So eine Kategorie wie Freundschaft gab es in deren Kreisen eher am Rande, und dann wohl unter anderen Vorzeichen.

Wormold dachte sowieso, dass ein Leben als Clown besser wäre. Und so machte er sich daran, als tragischer Clown durch diese Geschichte zu gehen. Er glaubte sich lange Zeit unsichtbar. Deine Unwissenheit ist unbezwingbar. (S.34) So sagte einmal seine Tochter zu ihm.

Wie lange es doch dauert, bis man die komplizierten Muster des Lebens begreift, deren Teil alles – selbst eine Ansichtskarte – werden kann, und wie unbesonnen es ist, irgendetwas als unwichtig abzutun. (S.68f)

Zwei Fragen kamen mir beim Lesen dieser Geschichte. Erstens: Ist es Feindseeligkeit oder Ignoranz, die es braucht, um die Poesie zu besiegen? Und zum Zweiten: Wo liegt die Trennlinie zwischen vornehm und blasiert?

Man kann Statistiken drucken und die Bevölkerung nach Hunderttausendenden zählen, aber für jeden Menschen besteht eine Stadt aus nicht mehr als ein paar Straßen, ein paar Häusern, ein paar Menschen. Wenn dieses Wenige entfernt wird, existiert eine Stadt nur noch als ein Schmerz in der Erinnerung wie der Phantomschmerz in einem amputierten Bein. Es war an der Zeit, dachte Wormold, seine Sachen zu packen und die Ruinen von Havanna zu verlassen. (S.182)

Die Fragen sind mir zumindest beantwortet. Es gibt dann ja neue andere. Zum Protagonisten dieser Geschichte sei noch vermerkt:
Geträumt hat Jim Wormold dann wohl doch. Aber soetwas sehen fast immer nur die Eingeweihten. Oft ist das gut so.

die narren des königs ritten ans ufer der nacht
und lauschten dem tambourin des mondes,
das die stille bewacht.
sie zogen den schnee mit netzen an land
und schmückten ihn mit dukaten
und ihre kappen leuchteten wie segel von piraten.
gut ists, ein narr zu sein,
denn dann ertrinkst du in der wüste
und hälst das sterben für ein diadem,
gut ists, ein narr zu sein,
denn die unbequemen sind den unbequemen stets bequem.
*

Graham Greene: Unser Mann in Havanna. Roman 1958. Süddeutsche Zeitung, Kriminalbibliothek 2006. ISBN 3 86615 237 X

* musik: richard schönherz text: andré heller (aus: Das war André Heller, 1972 BASF)

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From → Liebe, Musik, Sprache

5 Kommentare
  1. Graham Greene war ein ganz Grosser. Und auch die Verfilmung des Stoffes mit Alec Guinness ist erste Sahne.
    Schönen Dank für die Erinnerung und ebensolche Grüsse vom Schwarzen Berg

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    • mickzwo permalink

      „Unser Mann in Havanna“ war so ein geflügeltes Wort meines Vaters. Der benutzte das in vielen Lebenslagen. Ich glaube, nachdem ich dieses Buch gelesen habe, kann ich mir einen Reim darauf machen. Den Film dazu habe ich noch nicht gesehen, aber Alec Guinness ist in der Tat erste Sahne.

      Lg mick

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