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Achtzehn Zeilen

23. April 2014

vertiefende, archäologische nachforschungen zum glück

Ich erinnere mich, dass das Wasser im Handumdrehen kochte und wir – bestimmt aus dem geheimen Wunsch, möglichst viele Lebensmittel abzuwerfen – uns eine sehr dicke Suppe zubereiteten, die mir schmackhaft wie nie vorkam. Mit einem Mal spürte ich einen Zustrom an Kraft, Zuversicht und Begeisterung. Der weiße Sand hatte hinter uns bereits unsere Spuren verwischt, die Leere schloß sich hinter uns ab, der Raum verschluckte uns!

Wir tranken Tee. Dann Kaffee. Wir rauchten, richteten uns in diesem Gefühl der Ruhe ein, das einen überkommt, wenn es kein Zurück mehr gibt. Vor uns lag ein unbeschrittetner Weg. Wir hatten ihn gerade erst begonnen …

(…) Über diesen ersten Tag unserer Wanderung stehen in meinem Tagebuch ganze achtzehn Zeilen, eine halbe Heftseite. Und zwar nicht weil dieser Tag arm an Eindrücken gewesen wäre, im Gegenteil: er war einer der erstaunlichsten und bedeutendsten Tage meines Lebens. Ich war einfach sehr erschöpft und wusste nicht, was festhalten, und wie, in welcher Sprache. Das Tagebuch unterstreicht das mit seinem beredtem Gestammel. (…)

Lauter Nominalsätze, die kaum einen zu Ende gedachten Gedanken ausdrücken, sondern einfach nur mehr oder minder verschwommen auf das zeigen, was sich meinen Augen eröffnet hat: „dieses“, „dieses“. Einfachste Sprachfiguren des Raumes …

Ich wusste, dass es für die Beshreibung unserer Wanderung einer anderen Sprache bedurfte als jener (innerhalb der Sprache existierenden) Sprachen, die mir mehr oder weniger bekannt waren. Ich wusste, das eine Sprache, in der die Begriffe „Konversion“ und „Konvergenz“ vorkommen, schwerlich für die Beschreibung des Ufers der fliederfarbenen Blümchen taugen würde, aber einen solch starken Bruch, eine solch kindliche Hilflosigkeit hatte ich, ehrlich gesagt, nicht erwartet. *

Es gibt keine sinnlosen Reisen. Jeder reist auf seine Weise. Literatur ist ein Ausdruck. Jemand hat Eindrücke gesammelt, und muss die nun zu einem Ausrdruck formen. Die Ausdrücke können unterschiedlich daherkommen. Immer aber sind es Bilder die uns einfangen. Ich glaube nicht, dass wir großartig etwas ändern können durch unsere Äußerungen oder unser Tun. Dazu ist schon unser Hiersein viel zu kurz.

Der Geschichte sind wir letzlich gleichgültig. Aber wir sind uns nicht egal. Weder uns selbst, noch untereinander. Zu mindest sollten wir das nicht sein. Ob antrainiert oder angeboren, das sei erstmal dahin gestellt.

Sicher stellt man auch Fragen weil man spezielle Antworten erwartet. Oft ist es so, dass richtige Antworten auf falsche Fragen gefunden werden. Genauso kann die vollkommen verkehrte Person richtige Fragen stellen. Dann sind die Antworten ebenso falsch. Erkenntnis hängt von so vielem ab.

In jedem Fall benötigen wir dazu Eindrücke. Die sammeln wir. Immer wieder und immer zu. Ob wir es fassen können oder nicht: die Frage nach dem Qui bono steht und stand immer im Raum. Beispiele dafür gibt es.

Es gibt nutzloses Tun. Sinnlos ist es kaum. Eindrücke aufsammeln ist niemals vergeblich und schon gar nicht sinnlos. Mir fällt gerade auf: Ein Gedanke der viel zu selten in den Lehrplänen für Lehrer auftaucht. Wenn, dann sicher nur am Rande. Nicht das Sammeln von Eindrücken wird vermittelt, es sollen Rezepte zum Handeln ankommen. Als wäre ein Leben nach Backanleitung erstrebenswert.

(s.d.a. Graham Greene: Unser Mann in Havanna.)

W. Golowanow: Die Insel oder Rechtfertigung des sinnlosen Reisens.
* Ebendort: Achtzehn Zeilen S. 171f

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From → Liebe, Sprache

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