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Kultur und Zivilisation

25. April 2014

Der Versuch zu entkommen.
Leise murmelte der Fluß. Wind wehte vom Meer herüber. Das breite Tal erschien rot, gefirnisst mit Lehm. Dieser Überzug, den kurze Überschwemmungen hinterlassen, ist papierdünn, man braucht bloß den Fuß daraufzusetzen, schon zerreist der wunderbare Zinnoberhauch und gibt schlammige Schwärze preis. (…)

Noch gibt es keine Menschen. Noch ist das Wort nicht erklungen. Noch hat die Geschichte nicht begonnen. Die junge Welt ist noch so wunderbar frisch!
Und diese Empfindung ist dermaßen stark, dass man vor Glück loslachen möchte: „Wir sind allein! Wie gut, wir sind allein!“

Adams Gefühl im Paradies. Aber Dummkopf, begreifst du den Schrecken der Einsamkeit, die du herbeirufst?

Nein, natürlich nicht. Natürlich ist dieser Dummkopf, also ich, nicht imstande, all die grauenerregenden Folgen dieses verrückten Drangs zu begreifen, er, also ich, kann sich nicht vorstellen, wie gleichgültig diese geologische Erhabenheit dem Menshen gegenüber ist und was ihn der Zusammenstoß mit dieser jungfreulichen Erde kostet. (S.205)

Der bedingungslose Glaube an den Fortschritt.
Trevor-Battye war der erste Wissenschaftler und der erste Europäer, der Kolgujew von Nord nach Süd durchquerte, insgesamt drei Monate auf der Insel verbrachte und sich mit allen ihren damaligen Bewohnern anfreundete. Er war gewiss ein Romantiker, dieser aktive Fellow der Royal Geographical Society, (…), hat er sich doch als Studienobjekt diesen „trostlosen“, „wüsten“, „eisigen“ Landstrich ausgesucht (alles Attribute, die der Übersetzer im Vorwort zur russischen Ausgabe von Trevor-Battyes Buch verwendet).

Oder war er ruhmsüchtig und hat eine vergleichsweise einfache Gelegenheit genutzt, unter die Polarforscher eingereiht zu werden? Ich fürchte, wenn wir darüber aus heutiger Sicht urteilen, ist das Risiko groß, in schreckliche Banalität abzurutschen.

Das 19.Jahrhundert, uns vor kurzem noch so nah, so vertraut, so verwandt, entfernt sich mit einemmal in Windeseile. Vielleicht, weil die dorthin zurückreichenden Familienbande tatsächlich abgerissen sind. Und wenn demnächste die letzen Alten sterben, die uns mit dieser Zeit verbinden, wird es genauso fern und unbegreiflich sein wie all die anderen Jahrhunderte, in denen wir uns nicht wiedererkennen (…).

Und deshalb wollen wir uns auch davor hüten, über diese so nah-ferne Zeit zu urteilen, deren Gedächtnis unerklärlicherweise in den endlosen Fernsehserien und Fortsetzungsromanen unserer feuilletonistischen Epoche weiterlebt und nur manchmal, im Traum irgendeines Jungen, wieder auflebt als eine Hoffnung, als ein Sonnenreflex auf den Mastspitzen eines Seglers in Glasgow …

Diese Zeit war erfüllt von der Größe und vom Bewußtsein der eigenen Größe. Der Glaube an den Fortschritt war so bedingungslos wie zuvor der Glaube an Gott. (…) Noch hatten die Tempelwände keinen einzigen Riss … S.211

Dieses grausam-schöne Buch.
Grausam weil es an mir ziept und zerrrt; in dem es jede menschliche Regung der Protagonisten seziert droht es mich zu verschlingen. Schön weil ich plötzlich abtauche in Welten, die so nie in mein Blickfeld kamen. Die übliche Distanz geht dahin, unmerklich doch brutal.

So entzieht sich das Buch der genormten Einsortierung. Es ist kaum zufassen. Besser, diese Geschichte kommt selbst zu Wort. Es sind viele Worte und doch nie genug, so scheint es mir jedenfalls. ‚Da kommt einer vom Hölzchen auf’s Stöckchen‘, hätte Josef gesagt und dabei dem Kopf geschüttelt. Und doch ist es mir so, als verstünde ich ihn – Josef – erst jetzt besser als damals.

Josef war Katzoff, Gastronom, Mondscheinbauer, Lagerist. Familienvater. Kurz: ein fleißiger Mann. Manchmal voll von unterschwelliger Ungeduld. Trotzdem mutig und besonnen. War gut im ‘Loslassen’. Konnte Zentrum sein und zur gleichen Zeit unscheinbar.

Als Gastgeber fühlte er sich in seinem Element. Er war ein guter, immer großzügig, und achtsam im Detail. Er war niemals protzig, eher sparsam und bauernschlau. Drängelte sich nicht auf, war aber immer präsent.

Er beachtete Traditionen, hatte aber genaue Vorstellungen über die Zukunft. Dem Fortschritt sah er froh entgegen, wollte ihn kaum mitgestalten, eher reproduzieren und schon genießen. Bei all seiner Modernität blieb er ein Mann aus dem neunzehnten Jahrhundert. Als ich ihn kennelernte war er fünfzig und stark. Ich, etwa halb so alt, hatte eine akademische Ausbildung – nun ja – genossen, und wußte rein garnichts vom Leben. Josef faszinierte mich.

Der stammte aus dem Hinterland, das war ihm zu eng. Auf dem Weg in die große Welt kam er durch dieses Dorf. Letztlich blieb er hier hängen, wohl wegen C, die sein Zentrum wurde. Vielleicht fand er hier das Große im Kleinen. Ich habe ihn zu meinem Lebensmenschen * erkoren (was er wohl akzeptierte) und so konnte ich ihn ein Stück begleiten und dabei beobachten.

Neunzehnhundertzweiundzwanzig geboren, war er doch ganz ein Mensch aus den neunzehnten Jahrhundert, mit all dem Glauben an den Fortschritt und die Hierarchie. Er war auch schon einmal in Russland, zu Fuß hin und auch zurück. Dazu hat er, wie so viele, nie erzählt. Außer das es Mist war. Auf so eine Insel wäre er nie freiwillig gegangen. Warum auch?

Gestorben ist er fröhlich, im Kreise seiner Freunde. Es ging schnell, er brauchte keine Angst zu haben. Ich habe Jahre später noch Zwiesprache mit ihm gehalten. Noch heute kann ich Sirenen von Rettungswagen nicht ausstehen.

Zusatz: Ich bin gerade bei der Hälfte dieses ausserordentlichen Buches. Das ist verflucht spannend, aufregend.

Wassili Golodwanow: Die Insel oder Rechtfertigung des sinnlosen Reisens. Ebendort: Trevor-Battye.

* den Begriff Lebensmensch habe ich vor kurzem erst wahrgenommen als André Heller von Jörg Thadeusz interviewt wurde. Leider ist es als Video im Netz nicht mehr anzusehen.

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From → Liebe, misc., Sprache

2 Kommentare
  1. „… deren Gedächtnis unerklärlicherweise in den endlosen Fernsehserien und Fortsetzungsromanen unserer feuilletonistischen Epoche weiterlebt“ … Wirklich eines der großen Probleme unserer Zeit, die eine Situation vorgaukelt völlig jenseits jeglicher Realität. Die Erinnerungsmöglichkeiten verschiebt und das eigene Erbe verschüttet.

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