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André Heller. Feuerkopf. Die Biografie

25. Mai 2014

Meine Damen und Herren, Sie waren heute Zeugen von etwas Ungeheuerlichem. Sie haben erlebt, wie Menschen etwas, was sie besonders geliebt haben, durch ihre Liebe zerstörten. (S.221)*

Eine grandiose Wanderung durch die Zeit. Kurz nach dem WK II in Wien geboren und offenbar jeden getroffen, auf den es ankam und der in seiner Reichweite lag. Bis heute ist André Heller jemand, um den man nicht wirklich herumkommt.

André Heller, der vielgeschmähte Poet und hochgelobter Monomaniker.
André Heller, der Produzent des Glücks auf der Suche nach eigener Geborgenheit. Rastlos, immer rastlos. Ein penibeler Großdenker mit kleinen Absichten, auch. Natürlich.

André Heller, der Ritter des Zufalls, und dabei akribischer Perfektionist. Der fiel auch schonmal aus der Zeit und tat so, als ob das für ihn normal wäre. Er wollte doch nur spielen. André Heller, der, wenn er alles zu gewinnen glaubte, sich am meisten suchte und alles verschwenden konnte.

Er ist ein Kind der Zeit, das die Zeit manchmal in der Hand hält und wenn er das begreift, von Ängsten geplagt, einen Ausweg sucht. Datt Leben geht weiter, sagte schon Oma Frieda. Natürlich. So lange es dauert.

Ein wahrer Feuerkopf. Es lohnt sich immer, man muss es nur versuchen. Und, er hat! Hat Lieder gesungen, geschrieben, war einfach präsent, ohne Rücksicht auf Verluste. So hat er sich in die Kunstszene gearbeitet und wollte von Wien aus die ganze Welt erobern. …

Dabei produziert er wundersame Dinge, durchlebt Entwicklungen und Stadien seiner selbst, sammelt Begegnungen. Dieser André Heller hat sich als Arbeitskapital gesehen und auch so behandelt. Seine Mitmenschen wohl auch. Höhen und Tiefen. Ein Mensch, also.

Ob das so oder so war, wer will das entscheiden? Es ist subjektiv, wie alles, was Menschen hervorbringen. Er hat Menschen wie kein zweiter polarisiert. Rhythmus ist die Kunst Spannung zu verteilen. (S.339) In welchem Fach auch immer. Beweggründe identifizieren, Emotionien bedienen – darin hat er es zur Meisterschaft gebracht.

Sicherlich ist er ein Luxusgeschöpf mit großbürgerlichem Hintergrund, aber Ein ruiniertes Leben ist ein ruiniertes Leben. (S.373) Das gilt es zu erkennen, und so gut es geht zu bewältigen. Möglicherweise hat ihn das Gärtnern geduldiger gemacht, geändert hat es ihn kaum. Mit einem privaten Vorhaben schließt die Erzählung über diesen Menschen ab, vorläufig:

Heller sagt, das er, egal wo er ist, in Gedanken eine Stunde durch den Garten von Gardone spazieren kann, den Standort jeder Pflanze kennt und ihre Gerüche wahrnimmt, selbst wenn er sich in einem Hotelzimmer in London befindet. „Ich werde den ‚Anima‘-Park in diesen Leben nicht in all seiner Pracht und Herrlichkeit sehen“, sagt Heller, „weil man ihm Jahrzehnte Entwicklung gönnen muss. Aber wenn ich meine Augen schließe und einatme, sehe und rieche ich schon jetzt das Wunder, das er einmal sein wird.“ … Dann lachte er, und das Lachen enthielt den Zweifel über das, was er da tat, genauso wie die übermächtige Sicherheit, dass kein Zweifel angebracht war. (S.417)

Und immer ist es Poesie: Nichts bleibt schön, als das Erfundene. **
Lesenswert.

Christian Seiler: André Heller. Feuerkopf. Die Biografie. C.Bertelsmann, München. 2012. ISBN 978 3 570 10063 9
Die wichtigsten Projekte André Hellers (zwischen 1964 und 2011) sind im Anhang dieses Buches auf drei Seiten abgedruckt.

* Heller zu Journalisten anläßlich einer Pressekonferenz zum Feuerwerk in Lissabon
** A.Heller: Platte 1970

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From → Liebe

5 Kommentare
  1. André Heller war einer meiner Retter – vor vierzig Jahren. Seine Biographie zu lesen würde mich reizen, einerseits. Andererseits hat er sich in der Zwischenzeit wohl soweit von sich entfernt, dass er nun bei sich angekommen ist. Und da liegt ein tiefer Abgrund zwischen uns.
    Vielen Dank für die Blogverfolgerei und schöne Grüsse vom Schwarzen Berg

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    • mickzwo permalink

      Zu dieser Zeit war der Heller wohl auch neu für mich. Ich habe jedenfalls ein paar Lieder von ihm gehört. Und die haben mich beeindruckt. Ich kann es nicht beurteilen, ob er sich entfernt hat. Zumindest steht er zu sich. Es macht so den Anschein. Ob sich so ein Mensch verändert oder nicht: die poetische Kraft, die er darstellt, finde ich schon bemerkenswert.

      Dein Blog gefällt mir, darum gibt es da nichts zu danken. LG aus dem Süden Ostwestfalens, nördlicher Teil. mick

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      • Da freue ich mich, wenn dir mein Blog gefällt – das spornt an. Ich kenne dich nur von Kommentaren in anderen Blogs, die fand ich auch anregend und folge dir nun ebenso /// blablabla: hier gings doch eigentlich um André Heller.
        Ich habe noch heute alles von ihm und seine ersten Veranstaltungen habe ich noch besucht (Roncalli, Flic-Flac, Chinesischer Zirkus etc.) – Irgendwann sank sein Stern an meinem Himmel. Das liegt wahrscheinlich eher an meiner Position zu seinem Tun als an ihm selbst. Ausserdem kenne ich ihn nicht persönlich, um das wirklich ausgewogen beurteilen zu können.
        Was bleibt ist Dankbarkeit für Teile seines Schaffens. Und die Veranstaltung für den Maharadscha von Jaipur, geflimt von Werner Herzog. Sehr sehenswert.
        Schöne Grüsse vom Schwarzen Berg aus der Hauptstadt

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  2. Danke – da werde ich doch mal wieder schwach nach langer Heller-Abstinenz.

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    • mickzwo permalink

      Leider habe ich das Gespräch mit Jörg Thadeusz und André Heller nicht wiedergefunden.

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