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3. Teil: Die Engel

16. Juni 2014

Das Buch vom Lachen und Vergessen

Vom Siegen und vom Scheitern

„Als der Engel zum ersten Mal das Lachen des Teufels hörte, erstarrte er. Es geschah während irgendeines Festmahls, es waren viele Leute versammelt, und sie stimmten einer nach dem andern in das Lachen des Teufels ein, denn es war ansteckend. Der Engel begriff gut, daß dieses Lachen gegen Gott und die Würde seines Werkes gerichtet war. Ihm wurde klar, daß er rasch reagieren mußte, doch er fühlte sich wehrlos und schwach.

Da er nicht in der Lage war, selber etwas zu erfinden, ahmte er seinen Widersacher nach. Er öffnete den Mund und gab einen ununterbrochenen, abgerissenen Klang in einer höheren Tonlage seines Stimmregisters von sich … und verlieh ihm den gegenteiligen Sinn: während das Lachen des Teufels auf die Sinnlosigkeit der Dinge verwies, wollte der Schrei des Engels sich darüber freuen, daß alles auf der Welt vernünftig geregelt, richtig ausgedacht, schön gut und sinnvoll sei.

Und so standen sie einander gegenüber, Teufel und Engel, öffneten den Mund und gaben annähernd den gleichen Ton von sich, aber jeder drückte durch seine Klangfarbe das Gegenteil des anderen aus. Und der Teufel schaute auf den lachenden Engel und lachte immer lauter, besser und aufrichtiger, da der Engel unheimlich lächerlich war.
Ein Lachen, das zum Lachen ist, ist ein Debakel.“
(S.106f)

„Zu jenem Zeitpunkt erkannten wir die magische Bedeutung des Kreises. Wenn wir aus einer Reihe tanzen, können wir uns nachher wieder eingliedern. Die Reihe ist eine offene Formation. Ein Kreis jedoch schließt sich, und es gibt dort kein zurück. Es ist kein Zufall, daß die Planeten sich im Kreis bewegen und ein Stein, der sich von ihnen löst, durch die Zentrifugalkraft unwiederbringlich von ihnen weggeschleudert wird.

Wie ein herausgebrochener Meteorit flog auch ich aus dem Kreis, und ich fliege heute noch. Es gibt Menschen, denen es vergönnt ist, mitten in der Kreisbewegung zu sterben, und es gibt andere, die am Ende des Sturzes zerschellen. Und diese anderen (zu denen ich gehöre) tragen ständig eine stille Wehmut über den verlorenen Kreistanz in ihrem Innern, denn wir sind alle Bewohner des Universums, in dem sich alles im Kreis dreht.
Es war wieder einmal ein Jahrestag von Gott weiß was…“
(S.113f)

Milan Kundera: Das Buch vom Lachen und Vergessen. Roman 1978. hier : ungekürzte Ausgabe 9/2003 dtv Großdruck. Aus dem Tschechischen von Susanna Roth. ISBN: 3 423 25210 3

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From → Liebe, Musik, Sprache

2 Kommentare
  1. Der letzte Absatz berührt mich sehr. Zum einen, weil sich hinter dem Phänomen eine Gesetzmäßigkeit zu verbergen scheint, zum anderen weil es letzten Endes vielleicht doch die Gnade ins Spiel bringt. Denen im Stand der Gnade ist es vergönnt, mitten in der Kreisbewegung zu sterben, den anderen bleibt nur die Sehnsucht…

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    • mickzwo permalink

      Zumindest ist es die Gesetzmäßigkeit der Zentrifuge. Auch die der Gruppendynamik, der Sehnsucht, usf. Will man von einem göttlichen Prinzip ausgehen rückt die Verantwortlichkeit in greifbare Nähe…

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