Skip to content

5. Teil: Lítost

16. Juni 2014

Das Buch vom Lachen und Vergessen

Zwei Beispiele

‚Lítost‘ ist ein tschechisches Wort, das sich nicht übersetzen läßt. (…) In anderen Sprachen finde ich kein Äquivatent, obwohl ich mir nur schwer vorstellen kann, daß die menschliche Seele ohne dieses Wort zu verstehen ist.“ (S.203)

„Ist unser Gegenüber schwächer als wir, tun wir ihm unter irgendeinem Vorwand weh, wie der Student der Studentin, die zu schnell schwamm. Ist unser Gegenüber stärker, bleibt uns nichts anderes übrig, als uns für eine Rache auf Umwegen zu entscheiden, für eine indirekte Ohrfeige, für einen Mord durch Selbstmord. Der kleine Junge spielt auf der Geige so lange den falschen Ton, bis der Lehrer wahnsinnig wird und ihn zum Fenster hinaus wirft. Und der Junge fällt und freut sich während des Fluges, daß der böse Lehrer des Mordes angeklagt wird.

Das sind die beiden klassischen Arten, und wenn man der ersten häufig im Leben von Liebes- und Ehepaaren begegnet, so ist die sogenannte große Geschichte der Menschheit voll von der zweiten. Wahrscheinlich war alles, was unsere Lehrer Heldentum genannt haben, nichts anderes als eine Form jener ‚Lítost‘, die ich am Beispiel des kleinen Jungen und des Geigenlehrers beschrieben habe. Die Perser erobern den Peleponnes, und die Spartaner begehen einen militärische Fehler nach dem anderen.

Und genauso, wie der kleine Junge sich weigert, den richtigen Ton zu spielen, weigern sich die Spartaner, geblendet durch die Tränen der Wut, irgend etwas Vernünftiges zu unternehmen, sie sind weder imstande, besser zu kämpfen, noch sich zu ergeben, sie können sich auch nicht durch Flucht retten, sondern lassen sich aus ‚Lítost‘ bis auf den letzten Mann töten.“ (S.252f)

Milan Kundera: Das Buch vom Lachen und Vergessen. Roman 1978. hier : ungekürzte Ausgabe 9/2003 dtv Großdruck. Aus dem Tschechischen von Susanna Roth. ISBN: 3 423 25210 3

Advertisements

From → Liebe, Musik, Sprache

2 Kommentare
  1. Eine Form von Hinterhältigkeit, zumeist ohne sich dessen bewusst zu sein? Würde ich zumindest vermuten wollen.

    Gefällt mir

    • mickzwo permalink

      Ich denke, der Autor will uns klarmachen, dass Menschen so sind wie sie sind. Für ihre Handeln kann es unterschiedliche Beweggründe geben. Auf die Beweggründe kommt es an. Das kann ein Schlüssel zum Verständnis sein.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: