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6. Teil: Die Engel

16. Juni 2014

Das Buch vom Lachen und Vergessen

„Durch Straßen, die nicht wissen, wie sie heißen, irren die Gespenster der gestürzten Denkmäler. Sie wurden gestürzt von der tschechischen Reformation, von der österreichischen Gegenreformation, von der tschechoslowakischen Republik, von den Kommunisten; sogar Stalins Statuen sind gestürzt worden. An der Stelle all dieser Denkmäler wachsen heute in ganz Böhmen Tausende Leninstatuen, sie wachsen wie Gras auf einem Trümmerhaufen, wie melancholische Blüten des Vergessens.“ (S.265)

Im Tagesgeschäft hat man längst auch diese Statuen durch andere Symbole ersetzt.

„Völker werden liquidiert“, sagte Hübl, „indem man ihnen zuerst das Gedächtnis nimmt. Man vernichtet ihre Bücher, ihre Kultur, ihre Geschichte. Und jemand anderes schreibt für sie andere Bücher, gibt ihnen eine andere Kultur, erfindet für sie eine andere Geschichte. Dann beginnt das Volk langsam zu vergessen, was es ist und was es war. Die Welt rundherum vergießt es noch viel rascher.“ (S.267)

Man findet sich unweigerlich wieder in diesem Buch, obwohl es von den Ereignissen in der Tschechoslowakei Ende der sechziger Jahre ausgeht, die den Älteren als „Prager Frühling“ geläufig sein könnten.

Am Ende wird klar, alles hängt mit allem doch auf irgendeine Weise zusammen. Ich weiß nicht, ob Milan Kundera den Titel im Kopf hatte: ‚Gödel, Escher, Bach: Ein unendlich geflochtenes Band‘. Ich musste zum Schluss des Buches vermehrt daran denken. Ist schon klar, womit ich mich in der nächsten Zeit beschäftigen werde. (Schließlich muss ich es prüfen…)

„Der Mensch selbst ist zwar sterblich, er kann sich aber weder ein Ende des Raums noch ein Ende der Zeit, weder ein Ende der Geschichte noch ein Ende einer Nation vorstellen, er lebt also ständig in einer vermeintlichen Unendlichkeit.

Menschen, die vom Fortschrittsgedanken fasziniert sind, ahnen nicht, daß uns jeder Schritt vorwärts zugleich dem Ende näher bringt und in den frohen Parolen ‚immer weiter‘ und ‚vorwärts‘ die laszive Stimme des Todes mitschwingt, die uns zur Eile drängt.“ (S.299f)

Milan Kundera: Das Buch vom Lachen und Vergessen. Roman 1978. hier : ungekürzte Ausgabe 9/2003 dtv Großdruck. Aus dem Tschechischen von Susanna Roth. ISBN: 3 423 25210 3

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From → Liebe, Musik, Sprache

4 Kommentare
  1. Die laszive Stimme des Todes, die uns zur Eile drängt… oh, würde sie doch vernommen.

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    • mickzwo permalink

      Es würde mir schon reichen, wenn jeder ein Bäumchen pflanzte. Das meine ich wirklich.

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      • .. und wenn jeder verstünde, dass es das richtige Bäumchen sein müßte:
        kein ordentliches, blattloses, exotisches Nadel- oder gar giftiges Lebensbaum-Gewächs, dessen Schnitt dann illegal in den Wald gefahren wird, sondern eine mit der Gerbsäure im herbstlichen Eichenlaub den samtigen Rasen beeinträchtigendes, oder mit seine Birken-Samen mit dem Wind in alle Fensterritzen kriechendes, bzw. nutzloses Eschen-Laub produzierendes, wenn nicht sogar ein Wäsche und Autos mit rotschwarzem Vogelkot verschandelndes Holunder-Gewächs.
        Dann hätte vielleicht der eine oder andere Mensch etwas verstanden.

        Danke, dass du mich auf deinen Blog aufmerksam gemacht hast. (-:

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