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7. Teil: Die Grenze

16. Juni 2014

Das Buch vom Lachen und Vergessen

Von Wichtigem und Unwichtigem

„Während der vergangenen zweihundert Jahre hat die Amsel die Wälder verlassen und ist zu einem Stadtvogel geworden. Zuerst, schon gegen Ende des 18. Jahrhundersts, in Großbritannien, einige Jahrzehnte später in Paris und im Ruhrgebiet. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts hat sie eine europäische Stadt nach der anderen erobert. In Wien und Prag ist sie um 1900 heimisch geworden und dann weiter nach Osten gezogen, nach Budapest, Belgrad, Istanbul.

Aus der Perspektive der Erdkugel ist die Invasion der Amsel in die menschliche Welt zweifellos wichtiger als die Eroberung Südamerikas durch die Spanier oder die Neubesiedlung Palästinas durch die Juden. (…) Ob Böhmen von Kelten oder Slawen besiedelt war, ob Bessarabien von Rumänen oder Russen beherrscht wird, das kann der Erdkugel ganz egal sein. Verrät aber die Amsel ihre ursprüngliche Natur, um den Menschen zu folgen in seine künstliche, widernatürliche Welt zu folgen, dann hat sich etwas in der Grundordnung des Planeten verändert.“ (S.326)

„…ein sehr intelligenter Komiker (der) mitten in einer Aktion ganz überraschend langsam und konzentriert zu zählen anfing: eins, zwei, drei, vier … er sprach jede Zahl sehr nachdenklich aus, als sei sie ihm entwischt und als müsse er sie im ganzen Raum suchen: fünf, sechs, sieben, acht … Bei fünfzehn fing das Publikum zu lachen an, und als er langsam und immer nachdenklicher bei hundert angelangt war, fielen die Leute von den Bänken.

In einer anderen Vorstellung setzte sich derselbe Komiker ans Klavier und begann, mit der linken Hand eine Walzerbegleitung zu spielen: mtata, mtata. Die Rechte ließ er hängen, man hörte keine Melodie, immer nur mtata, mtata, er aber schaute vielsagend ins Publikum …. „ (S.360f) Das gleiche Ergebnis.

Dieser Autor versucht erst gar nicht den Anschein von Objektivität zu erwecken. Er schildert ganz subjektiv Ereignisse, die mit dem „Prager Frühling“ zu tun haben. Immer aus verschiedenen Perspektiven. Er benutzt dabei die Geschichten verschiedener Portagonisten, die er zu einem Bild malt. Er arbeitet Figuren heraus, um sie zu beobachten.

Da versucht jemand zu verstehen indem er seziert. Indem er Ärger, Wut, Verzweifelung aber auch Freude über die kleinen Dinge darstellt zeigt er auch auf die großen. Plato hätte gewiss seine Freude daran.

Das mag konkret bedeuten „…daß die Grenze immerfort bei uns ist, unabhängig von der Zeit und von unserem Alter, daß sie allgegewärtig ist, wenngleich je nach den Umständen eimal besser, einmal schlechter sichtbar.“ (S.361)

Ein wichtiges Buch. Ich bin froh, dass ich ihm begenet bin.

Milan Kundera: Das Buch vom Lachen und Vergessen. Roman 1978.
hier : ungekürzte Ausgabe 9/2003 dtv Großdruck. Aus dem Tschechischen von Susanna Roth. ISBN: 3 423 25210 3

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From → Liebe, Musik, Sprache

6 Kommentare
  1. Sehr fein. Danke für die ausführliche Vorstellung mit so vielen guten Zitaten, Mick!

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    • mickzwo permalink

      Ich merke, dass das Gespräch über den Roman noch nicht zu Ende ist. Das ist selten.
      Danke für Deine Kommentare.

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  2. Guten Morgen, Mick, da hast du uns viel zu lesen gegeben ….. 🙂
    ich bin noch nicht mit allem durch aber ich werde es mir merken …..
    LG Susanne

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    • mickzwo permalink

      Es sollte das übliche werden: Gutes Buch lesen und dazu ein paar Zeilen schreiben. Herausgekommen ist erstmal ein Konvolut an Zitaten, die fast nicht mehr zu handhaben waren. Ich hätte noch viel mehr abschreiben mögen!
      Ein freundlicher Mensch hatte es mir – sicher mit einem Hintergedanken – empfohlen. Super!

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