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Tante Jolesch

4. Juli 2014

Hoffnung ist am Ende auch nur eine Frage der Disziplin. *

Nun, Friedrich Torberg. Ich kannte diesen Namen nicht, der doch woanders so geläufig ist. Gelesen hatte ich von ihm reichlich. Er hat viele Satiren von Ephraim Kishon grandios ins deutsche übersetzt. Später.

„… zwischen 1918 und 1938 habe ich zu sehen, zu denken und schließlich zu schreiben begonnen. Ich war 10 Jahre alt, als Wien aufhörte, eine Kaiserstadt zu sein. Ich war noch keine 25, als die braune Sintflut über Deutschland kam und ihren dreckigen Gischt in die Nachbarländer herüberzuspritzen begann. (…) Immer, seit ich denken kann, war die Zeit aus den Fugen und steuerte auf einen Untergang zu …“ (S.12)

Anhand von Aphorismen und Anekdoten erklärt Torberg das Kaffeehaus zum geistigen Zentrum der alten K.u.K-Monarchie, ihrer Nachfolgestaaten und somit zu einem maßgeblichen Stück Europas. Es ist ein wehmütiges Buch aber kein trauerndes: „Wehmut kann lächeln, Trauer kann es nicht. Und Lächeln ist das Erbteil meines Stammes.“ (S.14) Sicher trauert Torberg auch. Aber das ist dann doch privat.

„… Tante Jolesch war nicht schön. Zwar drückten sich Güte, Wärme und Klugheit in ihrem Gesicht zu deutlich aus, als daß sie häßlich gewirkt hätte, aber schön war sie nicht. Tanten ihrer Art waren überhaupt nicht schön. Ein Onkel meines Freundes Robert Pick hatte etwas so Häßliches zur Frau genommen, daß sein Neffe ihn eines Tages geradeheraus fragte: >>Onkel, warum hast du die Tante Mathilde eigentlich geheiratet?<< >>Sie war da<<, sagte er entschuldigend.  Tante Jolesch sagte zum Thema Schönheit bei anderer Gelegenheit:>>Was ein Mann schöner is wie ein Aff, is ein Luxus.<<„ (S.25f)

Es sind die Zwischentöne. Man wird hier keine laute Unterhaltung finden. Derbes und Menschliches schon. Es geht um Humor der sich in Sprache und Umgangsformen manifestiert. Ob im „Exkurs über das Wörtchen >>was<<", oder im Kapitel "Von mürrische Käuzen (nebst Personal)", immer ist es eine Verbeugung an das Sublime:

„Er sagte es regelmäßig, er sagte es seit Jahren jedes mal, und mit der gleichen Regelmäßigkeit sorgte Karolin‘ dafür, daß er es sagen konnte. Beide dachten sich kaum noch etwas dabei, beide schienen nur noch einer zur Formalität erstarrten Gewohnheit zu folgen, deren Sinn und Ursprung ihnen längst entfallen war. Auf solche oder ähnliche Weise, denk‘ ich mir, muß das spanische Hofzeremoniell entstanden sein.“ (S.59f) (Über den Austausch von Unflätigkeiten oder schlimmer: die Nichtbeachtung)

All die Anekdoten, scheinbar so dahingesagt, waren fein gesponnene Kunststücke. Jeder erkämpfte sich seinen Platz, eine Stellung – ob Dame oder Herr, Gast oder Personal – war nicht vorgegeben. Der Einfluß, den eine Person haben konnte, war diffizil und sehr abgestuft.

„Kaum eine der auftretenden Personen wäre ohne das Kaffeehaus denkbar. Kaum eine der von ihnen handelnden Geschichten, auch wenn sie anderswo spielen wäre ohne das Kaffeehaus entstanden. (…) Selbst die erhabene Gestalt der Tante Jolesch, die niemals im Kaffeehaus gesichtet wurde, hat etwas von ihm abbekommen. Man könnte freilich auch sagen, daẞ das Kaffeehaus etwas von der Tante Jolesch abbekommen hat, daß sie das missing link zwischen talmudischer Ghettotradition und emanzipierter Kaffeehauskultur war, sozusagen die Stammutter all derer, die im Kaffeehaus den Katalysator und den Brennpunkt ihres Daseins gefunden hatten, ob sie’s wußten oder nicht, ob sie’s wollten oder nicht.“ (S.183)

Folgerichtig erklärt Torberg (im Epilog zum ersten Band), dass der Abschied vom Kaffeehaus mit der braunen Einfärbung des Kontinents einhergegangen ist. Die braunen Schergen waren einfach zu humorlos, als dass sie begreifen konnten, welche Kulturleistung sie da vernichteten.

Der Roman ist in der Hauptsache ein Brevier über das kulturelle Leben in Wien und in Prag während der Zeit zwischen den Weltkriegen. Die Eindrücke, die er vermittelt sind vielfältig, auch persönlich; alle die Torberg gekannt und erlebt hat (und das sind nicht wenige) kommen in diesem Buch vor. Wir finden viel Biographisches, natürlich.

Ob Dummheit mit der Uniformität beginnt oder umgekehrt, es ist müßig. Es wird nicht weiter thematisiert. Für mich jedoch ist eines klar: Im Schatten der Vielfalt wird man stark; sie ist das einzig probate Mittel sich vor der Barberei schützen und sei es nur, ihr irgendwie zu entkommen.

Barbarei und Dummheit sind offenbar aus der gleichen Familie. Das ist nichts Neues, muß aber ab und zu in Erinnerung gerufen werden. So auch hier. Dieser – so oft missgedeutete – biblische Satz von dem auserwählten Volk gibt für mich nur einen Sinn: „The Jews are just like any other people – only more so.“ (Dorothhy Parker auf S.289) Es wurde ihnen immer auf’s sprichwörtliche Brot geschmiert. Manchmal haben sie sogar selbst geglaubt etwas anders zu sein. Dabei haben sie sich das nicht einmal ausgesucht.

Als Brevier ist Tante Jolesch unschlagbar. Ein Mensch ist ein Subjekt, und von daher subjektiv. Genau. Den Tipp zu diesem Buch verdanke ich einem österreichischen Freund.

* S.10 aus: Hans Waal, Die Nachhut. Roman. ISBN 978 3 7466 2558 4

Friedrich Torberg: Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten und Die Erben der Tante Jolesch. Doppelband.
LangenMüller ISBN 978 3 7844 3139 0

Siehe dazu auch Da geht ein Mensch, Keine Sorgen, Die Stadt der Diebe. oder Die Narren von Görz.

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From → Liebe, Sprache

6 Kommentare
  1. „Hoffnung ist am Ende auch nur eine Frage der Disziplin“- was für ein Satz, genial. Und irgendwie total wahr…

    Gefällt 1 Person

    • mickzwo permalink

      Das fand ich auch. Eigentlich stammt dieser Satz ja aus dem Buch „Die Nachhut“. Es sind halt alles Menschen.

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  2. Ich kannte Torberg bis eben auch nicht. Klingt lesenswert.

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    • mickzwo permalink

      Zu Beginn hatte ich so meine Schwierigkeiten. Als ich mich dann eingelesen hatte, da konnte ich kaum genug davon kriegen. Vermutlich habe ich es dann zu schnell gelesen. Lg mick.

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  3. Ein wunderbarer Schriftsteller, danke für die Erinnerung!

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