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Die Nachhut

11. Juli 2014
Kraniche

Kraniche von unten aus dem Auto in der Kurve von Lucas gesehen. *

Hoffnung ist am Ende auch nur eine Frage der Disziplin. (S.10)

Wir bauen uns Idole um sie zu demontieren..

Wo kämen wir denn da hin.
Nachher fangen wir noch an selbst zu denken.
Zum Denken gibt’s doch Leiharbeiter, oder?
Darf ich ihnen mal ein Pferd schlachten?
Igitt, ist das ekelhaft. Wie sind sie denn drauf!
Wieder mal die Nachrichten ernst genommen.
Das soll man nicht.

Schwimmen lernen, ja.
Man regt sich nicht über Wasserqualität auf.
Erst sollte man Schwimmen lernen.
In der Wüste sterben mehr Menschen –
Am Ertrinken, nicht am Verdursten.
Es gibt Zusammenhänge.
Soll ich mal ihr Pferd schlachten?

Eine Seefahrt die ist lustig.
Wir müssen beschäftigt sein.
Womit, wovon? Am Ende ist es gleichgültig.
Hauptsache eindrucksvoll –
Das ist Sucht nach immer weiter, immer größer.
Mehr und wo möglich bequem gucken.
Zuerst nehmen wir mal ein anderes Pferd.

So schön ist Schaurig.

Wikipedia sagt:
Idol, das: Idol (von lateinisch idolum ‚Abgott‘, entlehnt im 18. Jahrhundert, das auf griechisch eídolon ‚Gestalt‘, ‚Bild‘, ‚Götzenbild‘ zurückgeht) oder Kultfigur (…)

Ich aber will lachen – wann ich will. Genauso will ich singen – wann ich will. Und tanzen, und springen, und zuhören, und schweigen usf. Alles hat seine Zeit. Jedes vor Freude oder aber voll von Gram und Trauer. Und wütend kann ich sein! Je nach dem, was auf mich zukommt. Ich habe noch viel zu lernen.

Doch dafür brauche ich keine Anleitung und schon gar keine irgendwie geordnete Runde. Man kann es fühlen, von jetzt auf gleich. Das ist nämlich Wildwuchs, ungehörig und unbändig. Dieses Risiko muss ich aushalten. Es ist nicht einfach aber das hat mir auch niemand versprochen.

Wie in dieser Höhle von Platon komme ich mir in diesen Tagen und Wochen vor, gefangen in einer Welt aus Schatten, lebendig begraben. Erinnerst Du Dich an das Gleichnis aus der Schule? Wie sich die alten Philosophen fragen, was passieren würde, wenn einer plötzlich Tageslicht sieht und erkennt, dass die Schatten doch nicht das wahre Leben sind? Geblendet aber gleichzeitig erleuchtet kehrt er zu seinen Kameraden zurück, die ihn auslachen und aus einer diffusen Angst vor allem Unbekannten mit dem Tod bedrohen. Was, wenn auch wir eines Tages den Kopf aus der Höhle strecken und erkennen müssten, daß alles … (S.232)

Die Nachhut besteht nur noch aus vier Leuten, die urspünglich zu einem Wachkommando gehörten, das zum Ende des WK II gebildet wurde. Sie hatten keine „Feindberührung“ und auch sonst kannten sie vom Leben kaum etwas. In einem unterirdischen Versteck sollten sie den Führer beschützen bis zum Endsieg. An einen Endsieg glauben sie immer noch.

Doch dass der Führer so lange braucht, zu ihnen zu stossen, das kommt ihnen dann doch merkwürdig vor. Die Geschichte ist quasi über sie hinweggerollt und als sie – nach ca. sechzig Jahren – wieder ans Tageslicht kommen, wundern sie sich über manches. Wir schreiben nun das Jahr Zweitausendundvier. Die Nachhut muss vieles neu sortieren…

Hier wird mit den Begriffen hantiert und gespielt. Gedanken werden begonnen und der Leser kann sie zu Ende denken. So oder so. Nein, die Geschichte ist schon durchdacht, nur: nicht so wie man vermutet. Es ist eine Satire. Und die verwirrt erstmal. Das muss sie auch.

Die subjektiven Ansichten der Protagonisten werden dargestellt. Doppelbödig, und mit Hintertürchen versehen, werden Anhand von fiktiven Briefen an (fiktive) Empfänger die Positionen klar gemacht. Die Aufzeichnungen richten sich zwar an jemanden. Wie und wann sie gelesen werden, bleibt erst mal im Dunkeln.

Ein fulminanter Showdown klärt einiges. Am meisten hat mich die Schwierigkeit der Verständigung zwischen den Menschen irritiert. Jeder denkt sich seinen Teil. Und jeder denkt, der andere müsste so etwas Plausibles doch verstehen… Gespräche werden in aller Regel protokolliert.

Ganz schön heftig. Viel Platz für Gedanken. Das ist immer gut.

Hans Waal, Die Nachhut. Roman. Aufbau-Verlag, 2013. ISBN 978 3 7466 2558 4

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* Überall stößt man darauf:
Es ist wohl auch ein Generationeneding.

Gestern Nachmittag bin ich mit Lucas noch zum Schwimmen gefahren. Der war etwas aus der Puste beim Sport, und für mich ist das bestimmt auch ganz sinnvoll. Der will das wieder machen. Nächste Woche. Schön.

Auf dem Hinweg sind über uns wieder Kraniche Richtung Norden geflogen. Ich konnte es mir nicht verkneifen und habe dem Sohn gesagt: „Guck mal, die Kraniche fliegen nach Norden, es wird Frühling..“ und im gleichen Moment dachte ich nur: „Au weia!“ Doch der Sohn sagte nur: „Cool“, sonst nichts. Ich habe auch nichts gesagt, musste schließlich Auto fahren.

Heute Morgen kommt der Lucas wortlos zum Frühstück und malt mir dieses Bild auf, und dabei sagt der: „Die haben sich bestimmt gerade eine neue Eins gesucht“.
Cool.

Oder Ernst und die Abziehbilder:
Neulich hatte ich einen Dialog mit meinem Sohn. Es ging um eine Hausaufgabe, bei der er meine Meinung hören wollte. Er: … Dann ist das also ein Generationending. Ich: Das ist es doch immer.
Upps?! Also jetzt auch? Genau.

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From → Liebe, Sprache

One Comment
  1. mickzwo permalink

    Hat dies auf Alles mit Links. rebloggt und kommentierte:

    Kommunikation ist oft schwerer als man denkt. Es gibt dafür keine Alternative.

    Gefällt mir

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