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Irisches Tagebuch

15. Juli 2014

Es gibt dieses Irland: wer aber hinfährt und es nicht findet, hat keine Ersatzansprüche an den Autor. H.B.

Schon komisch, mit diesem Heinrich Böll. Den habe ich als junger Mensch rauf und runter gelesen. Geblieben sind im Grunde nur Sehnsüchte, und bis auf Ansichten eines Clowns, kaum Konkretes. Eine Grundstimmung vielleicht, eine Art von Kompass.

Nun also sein Irisches Tagebuch. Zuerst war ich enttäuscht, weil ich das schmale dtv-Bändchen von neunzehnhunderteinundsiebzig nicht im Bücherschrank finden konnte. Ich war so sicher, dass ich es noch hatte. (So etwas merkt man sich doch!) Also habe ich in der Bibliothek gesucht. Die Textstellen beziehen sich auf die Ausgabe von 2007.

„Die Friedhöfe“,stand da, „liegen voller Menschen, ohne die die Welt nicht leben konnte.“ (S.21)

Etwa zehn Jahre nach dem Ende des WKII hat Böll die ersten Texte für dieses Buch geschrieben. Man konnte Deutschland die Folgen des Krieges noch lange deutlich ansehen. Das irische Tagebuch bildet sicher eine Zäsur im Schaffen des Dichters. Die Bücher vorher waren Trümmerliteratur die nachher setzten sich vor allem mit dem sog. Wirtschaftswunder auseinander.

Vielleicht ist er vor dem Erfolg geflohen, wollte sich neu orientieren, einfach nur Urlaub machen oder alles zusammen. Egal. Damals habe ich mir nie derartige Fragen gestellt – warum also heute?

Sehnsüchte. Ich wollte immer nach Irland. Solange ich denken konnte, habe ich es versucht. Heute, wo ich es könnte, zögere ich. „… so abstrakt ist also die Wirklichkeit.“ (S.43)

Mein Vater musste mal beruflich nach Irland. Das war wohl Ende der Siebziger. Der konnte kein Wort Englisch und hatte zu allem Überfluss seinen Pass vergessen. Fast wie im Reflex schwärmte er noch lange nach dieser Reise von der Nettigkeit der Menschen, die er getroffen hatte. Und überhaupt.

Was habe ich habe ich den beneidet. „Wer Poesie, anstatt sie zu machen, lebt, der zahlt zehntausend Prozent Zinsen.“ (S.64) Festgehalten wird das sicherlich irgendwo. Wem man das zurückzahlen muss, und wann, das ist nicht so vordergründig.

Genau so hatte ich mir dieses Land vorgestellt. Aber auch die folgende Frage hat mich irgendwie umgetrieben, damals: „Wie hoch ist der Fahrpreis für die fünfzig, sechzig, siebzig Jahre vom Dock das Geburt heißt, bis zu der Stelle im Ozean, wo der Schiffbruch erfolgt?“ (S.64) Eine zutiefst deutsche Frage, wie ich finde.

Beim neuerlichen Lesen kam mir passender Weise oft das Lied von Cliff Richard in den Sinn: Rote Lippen soll man kussen, Tahag und Nacht. Tadamtatada, tadamtatada, tadamtatada. Oh wow wow wow ./.. Es ist eine Ironie der Geschichte: Damals sangen die angehenden Stars noch deutsch, wg. Wirtschaftswunder und so. Ein tolles Buch, nach wie vor.

Heinrich Böll: Irisches Tagebuch Kiepenheuer&Witsch. 2007
ISBN 978 3 462 03797 5

(Nachdem ich dieses Buch erneut gelesen hatte ist das dtv-Bändchen wieder aufgetaucht. Irgendwie verhext. Es ist von 1971 in der 14.Auflage und trägt als Taschenbuch die Zahl Eins. So wird es in aller Zukunft von mir auch behandelt.)

Dieser Heinrich Böll hat vieles bewirkt. Von mir unvergessen sind die Ansichten eines Clowns.

Wer mehr über Heinrich Böll wissen will kann hier anfangen.

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From → Liebe, Sprache

18 Kommentare
  1. Habe ich das richtig verstanden; es ist verfilmt worden??
    Das wunderbare Buch habe ich vor meiner ersten Reise nach Irland gekauft und es hat mir gänsehäutischer Freude bereitet seine kleines Häuschen zu suchen und finden.
    Ein sehr ergreifende Text von dir, hab‘ vielen Dank!
    Mit lieben Grüßen und die besten Wünsche für’s Wochenende
    Hanne

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    • mickzwo permalink

      Von einem Film weiß ich in diesem Falle nichts.
      In den Kommentaren zu diesem Buch kam ein anderer Film nach dem Autor zur Sprache: Dr. Murkes gesammeltes Schweigen. Es ist eine Mediensatire aus der sog. Zeit des „Wirtschaftswunders“.

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  2. Mir fällt da auch noch was ein : Es wird etwas geschehen ^^

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    • mickzwo permalink

      Darauf kann ich nur mit Erich Kästner antworten: (https://allesmitlinks.wordpress.com/2013/02/16/der-sanftmutige/)

      Der Sanftmütige
      16. Februar 2013

      Ich mag nicht länger drüber schweigen,
      weil ihr es immer noch nicht wisst:
      Es hat keinen Sinn, mir die Zähne zu zeigen.
      Ich bin gar kein Dentist!

      Erich Kästner: Der Sanftmütige. In: Kurz und bündig. DTV 1989.
      ISBN 978 3 423 11013 6

      Dentist (von lat. dens „Zahn“; Betonung auf der zweiten Silbe) war eine Berufsbezeichnung für eine in Deutschland bis 1952 neben den Zahnärzten existierende Berufsbezeichnung für Zahnheilkundige ohne akademische Ausbildung. (…)
      aus: de.wikipedia.org/wiki/Dentist

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  3. „Den habe ich als junger Mensch rauf und runter gelesen. Geblieben sind im Grunde …“ – jetzt, wo ich das lese fällt mir ein, dass bei mir in der Tat mehr Lesesituationen in meiner Erinnerung aufbewahrt sind als textliche Inhalte. Bruchstücke oder Schnipsel nur… Dr. Murkes gesammeltes Schweigen…
    Wochendenliche Grüsse vom Schwarzen Berg

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  4. Das brilliante Büchlein ist mir fast über Bord gegangen. Bei der stürmischen Überfahrt von England nach Irland 1979. EIn unverzichtbares Kleinod für alle Freunde der grünen Insel.

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    • mickzwo permalink

      So dramatisch war das bei mir nicht. Wie die meisten Bücher, die ich zu dieser Zeit konsumiert habe, las ich auch dieses auf der Rückbank des letzten Überlandbusses nach Hause. Das dauerte etwa eine Stunde und ist bis Heute Verantwortlich für mein Affinität für Bücher, die man in der Hose verstauen kann.

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  5. Heinrich Böll habe ich auch schon rauf und runter gelesen, diverse Romane, aber auch seine herrlichen Kurzgeschichten. Ich mag seine Art zu schreiben. Das irische Tagebuch aber habe ich bislang noch nicht gelesen, warum auch immer. Das werde ich nachholen. LG von der Beobachterin

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    • mickzwo permalink

      Viel Spaß damit, nur bedenke das Vorwort des Autors. Kennst Du “Dr. Murkes gesammeltes Schweigen”. Wurde mit Dieter Hildebrand verfilmt. Auch Zeitlos, wie ich meine…

      Danke für den Kommentar. LG mick

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  1. Sommerpause | buchpost

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