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Ein Freund der Erde

10. August 2014

„Irrtümer haben ihren Wert, jedoch nur hie und da,
nicht jeder der nach Indien fährt, entdeckt Amerika.“
Erich Kästner

„Wir schreiben das Jahr 2025, ich heiße Tyrone O’Shaughnessy Tierwater, ich bin fünfundsiebzig und halb irisch-katholisch, halb Jude. Geboren wurde ich in dem wohlhabendsten Vorort der größten Stadt der Welt, zu einer Zeit, als es noch keine Versorgungsengpässe gab, jedenfalls in diesem Land, keine Unwetter (außer den normalen), keinen sauren Regen und genügend Wildnis und dichten Urwald, wo man tief durchatmen konnte.“ (S.16)

Auf der Suche nach Literatur zu diesem Autor bin ich auf ein Buch gestoßen, das ich vor langer Zeit schon einmal gelesen hatte. Das wird so zweitausendundundeins gewesen sein. Das Thema der Geschichte war in meinem Kopf aber der Autor nicht. Da hätte ich Stein und Bein geschworen, das ich vorher noch nie von diesem Autor etwas gelesen habe.

„Ein Freund der Erde“ handelt von… Ty Tierwater. Er ist ein Freund der Erde aber kein Freund der Menschen. Öko-Aktivist und Einzelgänger. So einer von den äußerlich Harten – mit einem guten Kern, versteht sich. Cowboy eben. Er trauert sein Leben lang um einen Verlust. (S.136) Er fühlt sich schuldig am Tod seiner ersten Frau und findet immer wieder neue Anlässe, die vermeintliche Schuld zu tilgen. Im Grunde befindet er sich ständig auf einem Rachefeldzug – gegen sich selbst.

„Ökologie! Was für ein Witz. Das ist keine Predigt. Ich halte keine Predigten. Es ist zu spät dafür, und abgesehen davon hat das Predigen nie irgendwas geholfen. Aber eins will ich sagen, der Ordnung halber – die meiste Zeit meines Lebens war ich Verbrecher. Genau wie ihr. Ich wohnte am Stadtrand in einem schicken Dreihundert-Quadratmeter-Haus …“
(S.60)

Wir befinden uns immer noch im Jahr 2025. Die Menschen scheinen sich mit der Umwelt arrangiert zu haben. Außer Ty Tierwater. Der ist noch auf der Suche nach Entlastung. Entlastung für die Umwelt und nach Entlastung für sein persönliches Schicksal.

„Ich bin ein Schwein, und ich weiß es. Jüdische Schuldgefühle, katholische Schuldgefühle, umwelt-ökologisch-antikapitalistische Schuldgefühle: ich kann nicht mal in Frieden einen fahren lassen. Natürlich sind Schuldgefühle an sich schon Luxus. Im Gefängnis damals haben wir uns nicht gerade übermäßig um die Umweltzerstörung oder die Rechte der Natur gekümmert – oder auch um sonst irgendwas. Sie pferchten uns zusammen wie die Tiere, und wir schissen und pißten und wichsten und bliesen wahre Hurrikans aus unseren Därmen, und wenn die Welt deshalb zusammengebrochen wäre, um so besser: wenigstens hätten sie uns dann rausgelassen.“ (S.141)

Das war in der Vergangenheit. Die 80er oder 90er des letzten Jahrhunderts. Zurück – in der fiktiven Gegenwart – kommt sein Mentor Maclovio Pulchris plötzlich ums Leben. Und Ty beginnt allmählich zu begreifen: „Die Umwelt ist ein Langweiler. Niemand will darüber lesen – niemand will davon wissen“ … Die Leute … „wollen hören, ob das Wetter je wieder normal werden wird und wie es Maclovio Pulchris mit dem Sex gehalten hat.“ (S.288)

Von den Tieren, die er für seinen Mentor betreute, bleibt ihm nur Petunia: „Petunia ist kein Hund. Sie ist eine Patagonische Füchsin. Daran muß ich mich wieder erinnern. Es scheint bedeutsam. Es ist die Sorte Unterschied, die wichtig sein wird in dem Leben, das uns bevorsteht…“ (S.342)

Wichtig für wen? Warum? Ty fällt es schwer, sich einzufügen. Zum Schluß läßt Boyle ihn – auch bezogen auf Petunia – diesen Satz sagen: „Genau“, sagte ich, „ganz recht, das ist ein Hund.“ Und dann, aus keinem Grund, den ich benennen könnte, sage ich noch, ohne es zu wollen: „Und ich, ich bin ein Mensch.“ (S.356)

T.C. Boyle: Ein Freund der Erde. Roman. Carl Hanser Verlag.
ISBN 978 3 446 23967 8 (hier im epub-Format)

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From → Liebe, Sprache

5 Kommentare
  1. Von Boyle kann man so ziemlich alles empfehlen (zumindest die Romane, und das sind ja einige), nur der letzte, „San Miguel“ ging etwas daneben.
    Vor allem seine ersten Romane, „Wassermusik“ und „World’s End“ sind genial.
    Live ist er auch ein lustiger Vogel. Der Mann hat absoluten Unterhaltungswert.
    Viele Grüße,
    Gerhard

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  1. [Alles mit links] Ein Freund der Erde - #Literatur | netzlesen.de

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