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Sommerfest

19. August 2014

Es gibt kein richtiges Leben im falschen. *

Plötzlich tritt einer auf den Plan und es ist wie gestern. Und trotz allem: Er hat das Los des Zuschauers, nach all der Zeit. Er gehört nicht – mehr – dazu. Jeder weiß es, will es sich aber nicht eingestehen. Jedenfalls nicht so offensichtlich. Er kennt das. Weiß Bescheid und.. versteht doch gar nichts!

Eigentlich will er fort. Die Soße der Vergangenheit fasziniert und manchmal tut sie – wohlig – weh. Dann schaut er gebannt zu, oft linst er nur. Wer zuschaut, steht am Rand. Ob er will oder nicht. So schnell rennen, wie er fort müsste, kann er nun doch nicht. Irgendwann wird er eingeholt.

Auf dem Umschlag wird uns ein Heimatroman angepriesen:

„Stefan muss zurück in die Heimat, um das Haus seiner Eltern zu verkaufen. In zwei Tagen soll alles erledigt sein und er zurück in seinem Münchener Leben.
… Frank Goosens Roman zelebriert ein Heimatwochenende voller skurriler Figuren – mit Fußball und Musik, mit großen Entscheidungen und viel Gefühl.“
(aus dem Klappentext)

Der Plan war so klar wie genial: „Schnell rein, schnell raus, keine Gefangenen.“ (S.14)

Nur, der Plan war nicht zu Ende gedacht. So geht man mit alten Kumpels nicht um. Da sind noch eine Menge Baustellen für diesen Stefan, die sperren sich gegen solche Pläne. Ordnung muss sein. Auch wenn es schwer fällt. Stefan Zöllner tappt so rum – meisten im Dunkeln.

„Es war jede Menge los. Und es geschah unentwegt praktisch überhaupt nichts.“ **

Dieses Motto ist dem Roman vorangestellt und das ist nicht zuviel versprochen. Zwischen „… man gewöhnt sich an alles…“ (S.301) und „Da sind sich zwei ganz sicher…“ (S.307) liegen oft nur Augenblicke.

„Als er aufwacht, kommt ihm alles sehr klein vor. Auch in der Nacht hatte er diesen Eindruck schon, aber da hat er nicht so genau hingesehen. Es war dunkel, nur die Dielenlampe warf einen fahlen Kegel hier herein. Stefan zog sich schnell um und fiel ins Bett, einigermaßen angetrunken, weil er sich im Bordbistro die anderthalb Stunden Verspätung hatte schöntrinken müssen, die der Zug auf seiner Strecke von München hierher, nach Hause, zusammengefahren hatte.“ (S.9)

Aber am Ende setzt er alles auf eine Karte. Der Protagonist ist genauso betrunken wie zu beginn, wirkt aber entschlossener:

„Er hat nur ein paar Sekunden, bevor er einschläft, und in diesen Sekunden sieht er Omma Luise vor sich, wie sie sagt, dass man das alles aufschreiben müsse, weil sonst alles weg sei, dieses ganze Leben und das alles. Die Storys, die auf der Straße liegen und die man nur aufheben muss…“ (S.317)

Offenbar haben sich die Größenverhältnisse doch noch relativiert. Man wird sehen.

Frank Goosen: Sommerfest. Roman 2012. Hier: KiWi 1333.
ISBN 978 3 462 04543 7

* Theodor W. Adorno (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Es_gibt_kein_richtiges_Leben_im_falschen)
** Moritz von Uslar, Deutschboden

Nachbemerkung:
Diesen Frank Goosen habe ich als erstes im Radio gehört. Mit der Familie. Die Kinder waren noch klein und er war ein Mitglied des Duos „Tresenlesen“. Dann haben wir die in ihren Vorstellungen besucht, so oft es ging. Als diese genialen Sprachartisten sich trennten, waren die Kinder groß. Ich war so verstört, wie zum letzten mal bei der Trennung der Beatles.

Die Kinder, mindestens nach jeder Fete zum aufwachen eine CD von Tresenlesen reingeschoben, gingen sehr pragmatisch mit dem Schock um. Sie hörten die Programme von Jochen Malmsheimer und kamen mit den Büchern von Frank Goosen um die Ecke.

Die Heimat, die hier beschrieben ist, kommt mir sehr vertraut vor. Und das liegt nicht nur an der räumlichen und zeitlichen Nähe dieser Geschichte.

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From → Liebe, Musik, Sprache

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